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Der Alte und der Drecksfotzerich



Egal, wohin der alte Mann ging, folgte ihm sein Kater, den er Drecksfotzerich getauft hatte. Er wusste auch nicht warum, normalerweise war Gossensprache nicht seine Art. Es war eigentlich auch nicht seine Art, nach unschuldigen Tieren zu treten, aber dieser Kater ging ihm mächtig auf die Nerven. Oft trat er nach ihm und trotzdem kam das depperte Vieh immer wieder zurück. Vielleicht weil es wusste, dass hier doch immer etwas für ihn abfallen würde.

Der Kater war schon alt und zu müde, um auf die Jagd zu gehen. Seine Knochen schmerzten und er sah nicht mehr gut. Als er vor ein paar Jahren diesen Alten gefunden hatte, war er auf der Suche nach einem Platz gewesen, an dem er sich zum Sterben niederlassen konnte. Er war völlig ausgemergelt, voller Flöhe und hatte es gerade so auf den kleinen Hügel geschafft, auf dem die einsame, verwitterte Hütte des Alten stand. Die Tür war nur angelehnt, denn der Alte war gerade hinter dem Haus zu Gange. Als er zurückkam fand er überrascht diesen räudigen, abgezehrten Kater neben dem Ofen schlafend vor. In diesem Moment empfand er für einen kurzen Moment etwas, ein merkwürdiges Gefühl für das er keine Worte fand und war auf eine ihm nicht bekannte Weise gerührt.

Er wusste nicht, dass der Kater zum Sterben zu ihm gekommen war, sondern verstand sein unerlaubtes Eindringen als Hilferuf. Es würde ja nichts schaden, einem Vieh einmal etwas Gutes zu tun und so suchte er ein Schälchen heraus und füllte es mit noch lauwarmer Hühnerbrühe, die vom Mittagessen übrig geblieben war. Ein letzter Funke Überlebenswille schien noch in dem Kater vorhanden zu sein, denn es dauerte nicht lange, bis der Duft der Brühe sein verkratztes Näschen erreichte und er davon wach wurde. Noch im Delirium des Todesschlafes kroch er völlig entgeistert und mit letzter Kraft auf das Schälchen zu. Sein Kopf war ihm zu schwer und wackelte unkontrolliert herum, doch irgendwie schaffte er es, zu trinken. Von der Anstrengung wurde ihm schwindelig, aber seine Lebensgeister waren zumindest geweckt und er trank das ganze Schälchen leer. Danach war er so erschöpft, dass er an Ort und Stelle den Kopf fallen ließ und in einen tiefen Schlaf fiel. Viele Stunden später wurde er erneut von einem köstlichen Duft geweckt und diesmal befanden sich sogar kleine Hühnerstückchen darin, die er matt, aber begierig unzerkaut schluckte. So ging es ein paar Tage lang, bis der Kater wieder einigermaßen bei Kräften und in der Lage war hinauszutapsen, um sein Geschäft zu erledigen. Er wusste nicht, dass er sich schon des Öfteren im Schlaf vollgepinkelt hatte und der Alte, völlig entgegen seines Charakters, die Pisse klaglos aufgewischt hatte.

Der Kater liebte den Alten, denn er war sein Lebensretter, obwohl er gar nicht gerettet werden wollte. Dennoch war es eben so geschehen und er konnte hier oben auf dem Hügel ein ruhiges Restleben führen. Der Alte aber bereute seine Entscheidung schon bald und begann den Kater zu hassen. Er fühlte sich von ihm beobachtet und es gelang diesem Drecksfotzerisch, ihm mit seinen stummen Blicken ein schlechtes Gewissen einzureden. Also fing er an, ihn zu treten wann immer er in seine Reichweite kam. Er wollte ihn wieder loswerden. Dennoch stellte er ihm weiterhin Futter hin, so dass dieses Unterfangen zum Scheitern verurteilt war. Er hatte vor vielen Jahrzehnten am eigenen Leib erfahren, wie es ist zu hungern. So hatten sie sich gegenseitig konditioniert und ein gewisser Alltag war in ihr beider Leben eingezogen.

Der Kater folgte dem Alten bald auf Schritt und Tritt, wobei er meistens ein bis zwei Meter Abstand hielt. Jedoch nicht aus Schutz vor den Tritten. Er konnte einfach nicht so schnell folgen und hatte bemerkt, dass der Alte gerne mal schlagartig die Richtung änderte und mit einem gewissen Abstand konnte der Kater auf diese Weise schneller reagieren und ebenfalls die Richtung ändern. Es gab nur einen einzigen Raum, in welchen der Kater dem Alten nicht folgen konnte: auf den Dachboden.

Dreimal täglich ging der Alte über eine steile Treppe dort hinauf. Meistens hatte er einen Eimer Wasser und ein paar Scheiben Brot dabei. Er blieb manchmal nur wenige Minuten, andere Male mehrere Stunden. Dann und wann hatte er bei seiner Rückkehr einen anderen Eimer in der Hand, aus welchem es fürchterlich stank und den er sofort hinaus hinter das Haus brachte. Auch nach vielen Jahren hatte der Kater diesen Vorgang nicht ganz verstanden, denn es war ihm nie gelungen dem Alten auf diesem Weg direkt zu folgen. Immer wenn er mit diesem stinkigem Eimer vom Dachboden kam, hatte er einen sehr schnellen Schritt drauf und beeilte sich, ihn fortzubringen. Zu schnell für den alten Kater, der nur Vermutungen über den Verbleib des Inhalts des Eimers anstellen konnte. Er sah bloß das Endergebnis hinter dem Haus. Das tiefe Loch war weniger tief und der Sandhügel daneben etwas flacher. Außerdem steckte die Schaufel dann oft an einer anderen Stelle.

Den Kater plagte die Neugierde und er wollte unbedingt wissen, was dort oben auf dem Dachboden vor sich ging. Doch die steile Treppe war ein unüberwindbares Hindernis für ihn und so legte er sich abwartend und grübelnd auf den Boden der Stube. Wenn er dabei einschlief, erwischte ihn der Alte manchmal und trat dann absichtlich auf seinen Schwanz oder nutzte die Gunst der Stunde den Kater heftig zu treten.

Der Kater hörte hin und wieder merkwürdige Geräusche vom Dachboden, während der Alte dort oben zu Gange war. Der Kater hatte aber in seinem Leben nicht genug Zeit mit Menschen verbracht, um diese deuten zu können. Nach und nach entwickelte der Kater ein Gespür dafür, wann der Alte den Dachboden wieder verließ und sein Gehör wurde automatisch geschult. Er wachte dann auf, noch bevor der Alte einen Schritt auf die erste Stufe setzte. Dann sprang der Kater auf und setzte sich mit einem aufmerksamen Blick vor die Treppe und wartete bis der Alte unten war. Zuerst ignorierte er den ihn genau beobachtenden Kater und stapfte mit schweren Schritten an ihm vorbei. Insgeheim fühlte er sich jedoch ertappt und so begann er, den Kater übel zu beschimpfen, sobald er ihn dort unten sitzen sah.

Der Alte fühlte sich mit der Zeit mehr und mehr von dem Kater unter Druck gesetzt. Wie er dort immer hockte und ihn mit seinen achso unschuldigen Katzenaugen fixierte, brachte ihn fast um den Verstand. Er ertappte sich sogar dabei, wie er unsinnigerweise damit anfing, an der Luke des Dachbodens zu horchen, bevor er diese vor seinem Abstieg öffnete und hoffte der Kater möge vielleicht anderswo sein und einmal nicht glotzend auf ihn warten. Doch er saß immer da, schaute und schaute und schaute. Bis tief in sein Herz hinein, das wurde dem Alten langsam und schmerzhaft klar.

Auch der Kater bemerkte die schleichende Veränderung des Alten. Er wirkte traurig und abwesend und es erschien dem Kater so, als ob der Alte immer unwilliger seinen Gang auf den Dachboden erledigte und meistens recht schnell wieder hinunter kam. Die restliche Zeit saß er dann nur herum um starrte ins Leere. Manchmal vergaß er darüber, dem Kater sein Schälchen aufzufüllen und wurde nur dadurch daran erinnert, wenn der Kater ihm minutenlang um die Beine strich. Das war etwas was der Alte nie leiden konnte oder er sonst dazu genutzt hatte, gehörig zuzutreten. Doch selbst dazu kam es bald nicht mehr.

An einem verregneten Spätherbstabend beobachtete der Kater, wie der Alte mit einem dicken Seil hantierte, er konnte aber nicht erkennen, was genau er damit machte. Der Alte wandte ihm immer wieder den Rücken zu, sobald der Kater um ihn herumgeschlichen war, um zu schauen, was er dort tat. Dann verschwand der Alte auf dem Dachboden. Das erste Mal, dass er weder einen Eimer Wasser noch Brot mit nach oben nahm. Er ging langsamer als gewöhnlich und hatte nur das Seil in der Hand.

Irgendetwas war anders als sonst, das hatte der Kater wahrgenommen und er war zu aufgeregt, um schlafen zu können. Er rechnete ohnehin damit, dass der Alte gleich wieder hinunter kommen würde. Stattdessen hörte er merkwürdige Geräusche, ebenso die raue Stimme des Alten und das war sehr ungewöhnlich. Dass der Alte auf dem Dachboden war und mit sich selbst sprach, war noch nie vorgekommen. Der Kater verstand natürlich nicht was er sagte, aber er konnte spüren, dass der Alte aufgeregt und angespannt war. Auch eine Art von Traurigkeit lag in seiner Stimme. Nach einem letzten schweren Poltern trat Stille ein.

Lange Zeit passierte gar nichts und der Kater wurde müde zu warten. Die Situation war befremdlich und er wollte nicht verpassen, wenn der Alte wieder vom Dachboden kam. Aber er kam nicht und irgendwann fiel der Kater in einen unruhigen Schlaf.

Viele Stunden später erwachte der Kater. Er lauschte zum Dachboden hinauf, aber von dort kam kein Geräusch. Er trottete zu seinem Napf und fand ihn leer vor. Er war verwirrt und hungrig. Gierig starrte er auf den Herd, auf dem noch der Topf vom Mittagessen des Alten stand und von dem er normalerweise seine Ration abbekam, doch dieser war unerreichbar für ihn. Er blickte zur Tür und bemerkte, dass sie natürlich verschlossen war. Selbst wenn er wollte und könnte, würde er sich keine Maus fangen können. Er war eingesperrt. Er wusste nicht was er tun sollte und tat, was er noch nie in der Hütte des Alten getan hatte. Er miaute. Erst noch sehr zögerlich und leise, dann immer lauter werdend und eindringlich. Bald schrie er regelrecht. Viele Stunden lang, doch die Situation blieb, wie sie war. Erschöpft und ausgehungert sank er zusammen.

Plötzlich nahm er etwas wahr. Ihm völlig unbekannte Geräusche drangen durch die geschlossene Dachbodenluke zu ihm. Ein Knarzen und Knirschen, ein Kratzen und… Schritte! Er hörte tatsächlich Schritte, anders als sonst, aber es waren eindeutig Schritte. Sein Herz fing an zu rasen und er verstand, dass der Alte wohl selbst dort oben eingeschlafen sein musste. Aufgeregt lief er zu der Treppe, setzte sich wie üblich abwartend in die Nähe der untersten Stufe und starrte zum Dachboden hinauf. Die Luke öffnete sich aber nur einen kleinen Spalt und fiel danach mit einem lauten Knall wieder zu. Lange tat sich nichts und so begann der Kater erneut auffordernd zu Heulen. Vielleicht war der Alte gestürzt und verletzt. Hilflos umherblickend lief der Kater durch die Stube, selbst nicht wissend, was er eigentlich suchte. Dann lief er schnell wieder zurück zur Treppe und begann erneut zu miauen, bis es bald nur noch ein klägliches Gekrächtze war.

Dann öffnete sich die Dachbodenluke wieder. Langsam, aber sie wurde endlich komplett geöffnet. Noch nie hatte der Kater sich so sehr auf den Anblick des Alten gefreut, die Aussicht auf Fressen ließ ihn vor Freude erneut laut aufmaunzen.

Es war nicht der Alte, der einen Fuß auf die oberste Stufe der steilen Treppe setzte. Es war nicht dieser gewaltige schwere Schritt, den der Kater gewöhnt war. Er sah einen nackten, bleichen und verknöcherten Fuß, der zaghaft, fast sanft, auf der Stufe aufsetzte und dort zunächst verharrte. Dann sah er den zweiten, ebenso dürren und bleichen Fuß und der Kater erkannte, dass das nicht der Alte sein konnte. Er hatte den Alten schon ohne Bekleidung gesehen und erinnerte sich an dessen unglaublich riesige Füße und die dicken mit grünblaugefärbten Venen überzogenen Waden. Das hier war ein anderer Mensch, der in diesem Moment unbeholfen und am ganzen ausgemergelten Körper zitternd versuchte die Stufen hinunter zu kommen. Um dessen Fuß- und Handgelenke wanden sich rundherum tiefe, eitrige Wunden. Ein elendiger Geruch begleitete diesen Menschen und zog vom Dachboden hinunter in die Stube. Es roch nach menschlichen Ausscheidungen und nach etwas altem, vergammelten, verwesten. Es roch nach Tod.

Entsetzt schrie der Kater auf, denn er hatte plötzlich auf seine Weise verstanden, was vor sich ging, was jahrelang vor sich gegangen war. Der Kater verstummte.

Inzwischen hatte der dürre Mensch die unterste Stufe erreicht und fiel auf den Boden der Stube. Der Kater sprang vor Schreck einen Meter zurück. Der Mensch blieb regungslos liegen, aber der Kater erkannte, dass er noch atmete. Langsam schlich er sich heran, jederzeit bereit sofort davon zu springen, falls der fremde Mensch ihn angreifen sollte. Doch dieser lag ruhig atmend und fast friedlich da. Der Kater schnüffelte an diesem neuen Menschen. Er stank erbärmlich. Doch das war nicht alles, was der Kater wahrnahm. Er roch diesen einen besonderen Duft, der zwar völlig anders war, aber ihn dennoch daran erinnerte, wie er selbst vor vielen Jahren hier in dieser Stube, eigentlich dem Tode geweiht, aufgewacht war. Es roch nach Leben.



 

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