Puzzlement

Doktorspiele



„Es war nicht so schwierig wie ich dachte, aber eigentlich auch nicht so schlimm wie erwartet.“

„Wie schlafen Sie seitdem, Raphael?“

„Ach Oskar, wissen Sie – ich darf doch Oskar sagen…?“

„Oskar und Siezen ist in Ordnung, denke ich.“

„Also Oskar, mein Schlaf sollte nicht Gegenstand unserer Gespräche sein. Aber gut, ich antworte Ihnen gerne einmal. Sie wollen sicher wissen, ob ich Alpträume habe deswegen? Überhaupt nicht! Ich schlafe wie ein Stein. “

„Steine schlafen? “

„Natürlich. Sie tun nichts, liegen nur so rum. Das ist wie schlafen.“

„Man könnte auch sagen, sie sind tot.“

„Tot kann nur sein, was vorher gelebt hat.“

„Schlafen kann nur, was lebt…“

„Sie meinen ‚wer‘ lebt! Respektieren Sie bitte, dass ich bin, was ich bin. Beziehungsweise… wer ich bin. Und wer oder was Sie sind. Auch wenn das nicht in Ihr Welt- und Selbstbild passt. Noch nicht.“

„Erbsen…“

„Mörder…“


Es war schon spät und dennoch zwang ich mich dazu, meine Notizen der heutigen Sitzung ins Reine zu schreiben. Es half mir, mich innerlich zu sortieren. Und das war wichtig, damit ich die nächste Sitzung einigermaßen unbefangen und klar beginnen konnte. Bisher war es ein albernes Katz-und-Maus-Spiel und er schwankte kaum. Und wieder hatte er am Ende einfach geschwiegen. Wie immer, wenn ihm die Argumente ausgingen. Doch ich hatte etwas, worauf ich aufbauen konnte. Ich dachte, es wäre eine gute Idee, meine Verwirrtheit und Skepsis gezielt zum Ausdruck zu bringen. Doch er kam mir zuvor, wenn auch auf etwas plumpe Weise.


„Ich habe heute Nacht nicht schlafen können.“

„Alpträume?“

„Nein… Es war wegen diesem Satz… Nur wer lebt, kann schlafen…“

„Nicht ganz. Andersherum.“

„Andersrum?“

„Schlafen kann nur, wer lebt. “

„Ach so… ja. Ist doch das gleiche irgendwie. Oder?“

„Wir können das gerne ausdiskutieren. Jedenfalls hat es Sie beschäftigt. Sind Sie sich plötzlich selbst nicht mehr sicher? Warum?“

„Erbsen, die schlafen… hört sich schon albern an… wenn man es mal ganz nüchtern betrachtet. Warum sollten sie das tun? Oder nicht tun? Aber ich schlafe und schlief ja sonst schon, also lebe ich auch. Aber das Eine schließt das Andere doch nicht zwangsläufig aus… Nun… im Moment beschäftigt mich halt, was wir bereden.“

„Das ist ja auch irgendwie der Sinn unserer Gespräche, nicht wahr?“

„Vielleicht mache ich mir etwas vor… Wo stehen Sie jetzt?“

„Also ich schlafe ausgezeichnet. Ich denke. Ich lebe! Ich bin, was ich bin. Warum nicht? Weil nicht sein kann, was nicht sein darf? Warum soll ich sein, was Sie mir aufdrängen wollen zu sein? Oder nicht zu sein?“

„Vielleicht haben Sie Recht und ich bin einfach der Dumme. Ich gebe zu… Ihre Erläuterungen sind einleuchtend, sogar bemerkenswert schlüssig. Wissen Sie was? Ich glaube Ihnen. Das halten wir jetzt mal so fest. Sie sind, was Sie sind.“

„Sie reden mir nach dem Mund… So läuft das nicht.“


Damit war dann auch diese Sitzung beendet, das Schweigen war zurück. Diese Sache mit den Erbsen und den Steinen und mit diesem „nur wer schläft, lebt“ und „wer nicht schläft, ist somit tot“… oder „eben keine Erbse“… oder genau deswegen doch… Das alles verwirrte mich erstaunlicherweise enorm und ich musste aufpassen, mir selbst kein Bein zu stellen. Beim nächsten Mal gab ich mir große Mühe, ihm so sachte wie möglich zu erklären, wieso es uns beiden nichts einbrachte, 90 Prozent unserer gemeinsamen Zeit schweigend und einander anstarrend zu verbringen. Wir mussten kommunizieren und einen Konsens finden. Er nickte, aber schwieg. Zwei weitere Sitzungen lang. Doch es war mir nicht unangenehm. Es war spannend, das Rattern unserer beiden Hirne zu hören. Erbsenhirne. Doch wir drehten uns so im Kreis. Der Weg des geringsten Widerstands, der einfachste – alles abstreiten – würde hier nicht ausreichen, um weiterzukommen. Ich ließ ich mich darauf ein. Auf diese andere Sache. Um die es ja eigentlich von Beginn an ging.

In den nächsten Tagen fiel es mir entsprechend schwer, die Protokolle über die Sitzungen zu verfassen. Es war schon schlimm genug, die Gespräche auf dieser Ebene zu führen, sie aber im Anschluss noch einmal niederschreiben zu müssen, war eine zusätzliche Qual. Doch ich sah keinen anderen Weg zu ihm durchzudringen. Ich musste Gemeinsamkeiten erschaffen und dadurch Vertrauen aufbauen. Ich musste wie er sein oder er musste wie ich werden. Einer von uns musste ab- und zugeben. Erst wenn das gelungen war, konnte ich wieder die andere Richtung einschlagen, um ihm dort eine Falle zu stellen. Ich lenkte also ein und stieg ohne weitere Umwege den Abgrund hinunter.


„Ich habe sie unter eine Höhensonne gelegt. Drei Wochen lang auf höchster Stufe. Ihren Kopf und Unterleib habe ich abgedeckt. Der Unterschied  zwischen ihrer blassen Haut im Gesicht und ab der Hüfte abwärts zu der verbrannten Haut auf ihrem Oberkörper war beeindruckend.“

„Sie muss feuerrot gewesen sein.“

„Oh ja… oooh ja, das war sie. Und heiß! Sie hätten ein Spiegelei auf ihr braten können!“

„Erklären Sie mir noch einmal den Sinn dahinter.“

„Es vereinfachte den Arbeitsschritt und es sah im Ergebnis einfach natürlicher aus. Die farbliche Abgrenzung war wie das berühmte Sahnehäubchen.“

„Warum bin ich selbst nicht darauf gekommen? Ich habe bestimmt drei Tage und Nächte gebraucht, ihr die Haut an den, wie ich dachte, geeignetsten Stellen einzuritzen und das Runterziehen der Haut war wirklich anstrengend. Sie ist zwar hin und wieder ohnmächtig geworden und hat dadurch weniger herumgezappelt, aber dennoch… wäre ich nur auf diese Idee gekommen. Es hätte vieles vereinfacht.“

„Meine hat kein bisschen gezappelt. Sie war quasi dauerohnmächtig.“

„Wie das?“

„Sonnenstich. Ihr Körper kämpfte wohl gegen die Verbrennungen an und hat so eine Art Schutzmechanismus in Gang gesetzt. Sie lag ganz ruhig da, als ich ihr die Haut abzog. Es war wie das sanfte Schälen einer Banane.“

„Faszinierend! Aber Sie haben sie nicht ganz abgezogen, weil sonst…“

„Nein, natürlich nicht, sonst wäre das Ergebnis ja nicht so hübsch gewesen. Nur bis zur Taille, vielleicht ein Stückchen mehr. Die Hautfetzen hingen erstaunlich gleichmäßig herunter und bildeten einen sehr hübschen Kranz. Sie sah aus, wie frisch erblüht.“

„Ein Traum!“


Das Schlimme an dieser Sitzung war, dass er mir nach diesem Dialog, wie zur Bestätigung, die geschlossene Faust entgegenstreckte und mich zwinkernd dazu aufforderte, meine Faust ebenso geschlossen gegen seine zu pressen. High-Five unter Mördern. Wir waren jetzt auf Augenhöhe. Ich spielte mit und ließ ihn machen.


„Sie sehen heute nicht gut aus.“

„Ich bekomme wenig Schlaf derzeit. Viele Gedanken beschäftigen mich.“

„Das ist ungesund. Sie müssen abschalten. Vielleicht sollten Sie in Erwägung ziehen, sich medikamentös unterstützen lassen.“

„Sie Schlingel. Selbst wenn es ginge, das ist keine Option für mich. Schlafen Sie gut?“

„Wie eine Erbse in ihrer Hülse.“

„Haha, das ist gut. Wir verstehen uns.“


Er bemerkte die Manipulation nicht oder gab sehr gut vor, sie nicht zu bemerken. Ich hatte ihn da, wo ich ihn haben wollte. Wir waren eins geworden.


 

„Wie gehen Sie eigentlich mit der Delle da in Ihrer Seite um?

„Welche Delle?

„Na dort. Da wo Sie diese Einbuchtung haben. Das kommt doch vom Eingefroren sein, oder?

„Ach so, das meinen Sie. Ich bemerke sie kaum. Ist eigentlich nur so eine Randerscheinung, die mich nicht weiter belastet, ich sehe sie ja selbst nicht wirklich.

„Spüren Sie sie denn nicht?

„Nein, kein bisschen.“

Aber Sie können doch nicht mehr rumkullern dadurch. Ich fände das ja sehr belastend.“

„Man gewöhnt sich daran. Rumkullern ist auch nicht alles. Und eigentlich gefällt es mir, dass ich dadurch mehr Kontrolle habe.“

„Respekt, dass Sie das so sehen können. Ja, Kontrolle ist gut.“


An diesem Abend schrieb ich voller Euphorie den Bericht. Meine Strategie zeigte ihre Wirkung, ich erntete, was ich zuvor gesät hatte. Wir waren beide Erbsen. Ich würde ihn bald festnageln. Die Wahl der Waffe war einfach: Logik.


„Sie strahlen ja so, was ist denn los?“

„Ich freue mich.“

„Über was freuen Sie sich? Das Lächeln steht Ihnen jedenfalls gut.“

„Über unsere Gespräche. Sie bereichern mich sehr. Endlich habe ich das Gefühl, dass wir beide eine Basis haben. Wir haben uns gefunden.“

„Das freut mich ebenfalls.“

„Endlich jemand, der mich versteht.“

„Ich verstehe Sie sogar sehr gut.“

„Wir sind Erbsen.“

„Es ist mir nicht leicht gefallen, aber ja. Sie haben mich überzeugt.“

„Aber irgendetwas stimmt an Ihrer Geschichte nicht.“

„Bitte?

„Sie haben keine Arme. Keine Hände.“


Ich hatte die Widersprüche nur am Rande bemerkt. Da war wohl ein Gedanke, der immer wieder und wieder durch mein Gehirn huschte, doch ich konnte ihn nicht festhalten. Etwas lief unter Umständen schief. Zwei Erbsen ergaben noch keinen Eintopf. Nachdem die letzte Sitzung erneut mit Schweigen geendet hatte, standen wir nun an der alles entscheidenden Abzweigung zur Zielgeraden. Kann man gewinnen und verlieren gleichzeitig? Alles ist möglich, jeder kann sein, wer oder was immer man will.


„Sie können keine Erbse sein und gleichzeitig einen bestialischen Mord begangen haben, ist Ihnen das nicht klar?“

„Wenn ich das nicht kann, wie konnten Sie es dann tun?“

„Wie können wir hier sitzen und miteinander sprechen, wo wir doch Erbsen sind?“


Es ist soweit, husch husch, Zeit ins Bett zu gehen. Her mit dem Bleistift und dem Papier…  Was hast du denn heute wieder gekritzelt? Schade, dass deine sogenannte Geheimschrift keiner entziffern kann, wär‘ bestimmt interessant, was du so zu sagen hast. Auf jetzt, du brauchst deinen Schlaf, morgen kommt dein neuer Therapeut. Der wievielte ist das dann? Bin ja mal gespannt, wie lange du diesmal brauchst, um ihn in den Wahnsinn zu treiben. Was behauptest du diesmal zu sein, um dich rauszureden? Schluss jetzt mit den Doktorspielchen, „Professor“…



 

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