Inside-Out

EI-GENE



Rabimmel, rabammel, rabumm…

Ich geh‘ mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir.

Fröhlich singend und der festen Überzeugung, dass ich genau das tat, was das Kinderlied erzählte, wanderte ich durch meine Welt. Mir war nicht bewusst, dass das einzig Wahre war, dass ich die Lichter reichlich am Brennen und die Pfanne gründlich heiß hatte. Ich loderte und glühte und jeder Mensch, der mit mir in Berührung kam, verbrannte sich. Es wurde mir manches Mal gesagt, dass ich nicht das hellste Licht im Hafen sei. Das störte mich keineswegs, denn ich genoss auf eine abartige Weise, wie sie mitleidig auf mich herabsahen. Ihre Aufmerksamkeit war mein persönliches Lebenselixier, völlig egal, ob sie positiv oder negativ war. Getreu dem Motto „Sex sells“ zog ich mich bereitwillig aus. Ich riss mir die Haut vom Körper, schälte mein Fleisch hinunter und machte mich nackt bis auf die Knochen. Ich konnte nicht anders, mein Verhalten war vorgesehen, denn es wurde mir bereits in die Wiege gelegt. Das hatten sie immer wieder gesagt.

Als Baby schrie ich mir die Lungen wund und trieb die Mutter in den Wahnsinn. Als Kleinkind schlug und biss ich andere Kinder, bis das Blut zu spritzen begann. Als Teenager riss ich mir die Haare büschelweise aus und ritzte mir perverse Wörter in den ganzen Körper. Es gab keine Stelle, die ich erreichen konnte, die unverletzt blieb. Ich war so glücklich, bei allem was ich tat. Schlimm war das nur für die Anderen. Doch ich hatte ihre volle Aufmerksamkeit. Zuviel Liebe war in ihnen, als dass sie mich aufgeben würden, selbst wenn sie daran fast zerbrachen. Ich ekelte mich vor ihrem Verständnis und ihrer Treue und dennoch suhlte ich mich wohlig darin.

Sie schoben alles auf die Veranlagung. Die Gene seien schuld. Ich sei die verdorbene Frucht, einst gesät von längst verlorenen Seelen. Die Mutter eine Hure, der Vater ein Säufer, ein im Drogenwahn gezeugtes Monster, was kann das Kind denn dafür? Mit diesem Mantra wollten sie sich selbst Kraft und Zuversicht zusprechen. Wie ein trauriges Klagelied drangen ihre Worte in meine Ohren. Bis ich wusste, was das für mich bedeuten könnte und was ich zu tun hatte. Von da an forderte ich sie alle heraus und fing an sie zu benutzen. Ich gebrauchte sie wie Sklaven und ließ sie die Drecksarbeit für mich erledigen.

Am Himmel leuchten die Sterne und unten, da leuchten wir.

Ja, ich leuchtete. Ich schien wie die Sonne und blendete alle. Mein
Innerstes war weder krank und verdorben, noch war ich geprägt und geschädigt. Ich spielte nur mit ihnen, gab vor verloren und fehlgeleitet zu sein. Ich zog das Schauspiel wie einen roten Faden durch mein Leben. Ihre eifrigen Hände beeilten sich stets, meine blutigen Spuren zu verwischen. Für mich war ihre Fürsorge jedoch nicht mehr als ein kläglicher Versuch, ihr Gewissen zu beruhigen. Ich machte mich lustig über sie und wenn ich entdeckte, dass sie an einer Stelle nicht gründlich genug gewesen waren, baute ich mich vor ihnen auf und warf ihnen einen missbilligenden Blick zu. Es war herrlich, sie dabei zu beobachten, wie sie dann kuschten. Lange Zeit, viele Jahrzehnte ging das so und ich wälzte mich selbstverliebt in ihrem Elend. Ich war auserkoren, um über sie zu herrschen und mein Handwerkszeug war meine angeborene Mangelhaftigkeit, die mir kein Mensch zum Vorwurf machen konnte. Ich schlug sie mit ihren eigenen Worten.

Leider bemerkte ich nicht die schleichende Veränderung. Viel zu spät erkannte ich, wie blind ich für ihre Rebellion gewesen war. Ihr Mitleid wich der Wut und aus der Wut wurde Hass. Sie begannen mich zu meiden, kamen irgendwann nur noch, um den gröbsten Schmutz lieblos von mir zu reiben. Es muss eine Art Anstand gewesen sein, der sie noch eine Weile angetrieben hatte, nach mir zu sehen. Sie räumten nur noch nachlässig hinter mir auf, aber irgendwann ließen sie die Leichen einfach liegen. Dann verhöhnten sie mich plötzlich und nannten mich eine Lügnerin. Sie schrien mich an und offenbarten, dass sie nicht mehr an die Geschichte mit den Genen glaubten. Ich sei der Teufel und das Böse tropfe aus jeder meiner Poren. Ich lachte sie schallend aus. Eines Tages kam niemand mehr.

Mein Licht ist aus, wir geh’n nach Haus.

Zunächst dachte ich, sie würden mich nur eine Weile zappeln lassen. Ich bereitete mich akribisch auf ihren nächsten Besuch vor, richtete alles so hässlich wie möglich her. Ich sorgte für den widerlichsten Gestank und die abscheulichsten Hinterlassenschaften. Die ekelerregendste und abstoßendste Umgebung sollte sie herzlich willkommen heißen. Ich erkannte nicht, dass ich mir schon lange mein eigenes Grab geschaufelt hatte und dies die letzten Spatenstiche gewesen sein könnten. Ich wartete ab. Niemals hätte ich ihnen zugetraut, dass sie mich wirklich aufgeben würden. Erst als mir mein eigener Fäulnisgeruch fast den Atem raubte, ich mich vor Dreck und Schimmel kaum noch regen konnte, wurde ich mir allmählich meines Denkfehlers gewahr. Erst als die ersten Kakerlaken sich auf mir niederließen und begannen ihre Eier in meine Eingeweide zu legen, erst als die Ratten kamen, um noch einen letzten Bissen von mir zu ergattern, solange das Fleisch noch gut durchblutet war, erst dann begriff ich, welch menschlicher Abschaum ich war. Ich hatte mir ein Leben lang in die Tasche gelogen. In meine EI-GENE.

Rabimmel, rabammel, rabumm…



Advertisements

°Kommentar °Kritik °Anregung... Very Welcome ♥

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s