♥STINGS

Fliegen-Schiss



Auf seinem rechten Oberarm landete sanft eine Fliege. Er ließ es zu, warum auch nicht? Das Krabbeln spürte er nicht.


Früher hätte ihn das verrückt gemacht. Doch heute fühlte sich alles eher taub an. Die Fliege wollte nicht mehr fliegen, er konnte es nicht mehr. „The sky ist the limit!“, war ein Satz aus seiner Vergangenheit. Heute brachte ihn seine Flugangst fast um den Verstand. Immer schön auf dem Boden bleiben, die Füße fest verwurzelt.

In Alltäglichkeiten.
In Gleichförmigkeit.
Im Trott.

Er schaute aus dem geöffneten Fenster und sinnierte darüber, ob es nun der Himmel war, der wolkenverhangen so viel Schwermut ausstrahlte oder ob seine Aussicht auf diese Einsicht und der jämmerlich schiefe Winkel, aus dem heraus er seine Welt betrachtete, diesen Eindruck zum Ausdruck brachte.

Etwas beunruhigte seinen stagnierenden Blick und brachte Bewegung in den larifarigrauen Horizont. Er wagte einen vorsichtigen Blick in die Nähe des Tellerrands, das wenigstens gestand er sich zu. Und da sah er sie. Sie spazierte darauf herum, in der Hand einen weiteren Teller, auf welchem majestätisch ein wunderschönes Stück Erdbeertorte thronte. Sie musste seinen Blick gespürt haben, denn mit einem gezielten Augenaufschlag erwischte sie ihn plötzlich mit einem ertappten Gefühl. Sofort wendete er sich ab und seine Aufmerksamkeit der Fliege zu. Diese war aber offensichtlich am Dösen und bot keine Option. Er dachte daran, das unnütze Vieh mausetot zu schlagen. Dann verwarf er den mörderischen Gedanken zu den anderen nicht zu Ende Gedachten und sang der Fliege stattdessen ein Schlaflied vor. Schon zu Beginn der zweiten Strophe konnte er das wohlige Schnarchen der Fliege vernehmen. Er wartete noch ein paar Minuten, nur um ganz sicher zu gehen, dann schnickte er seine nutzlose Ausrede erbarmungslos beiseite. Flugangst behandelte man doch am besten mit Konfrontationstherapie. Er beobachte wie die Fliege zwar verdattert, aber völlig routiniert in den Flugmodus wechselte und dann irgendwohin aus seinem Sichtfeld verschwand.

Er ahnte, dass ihn das alles nicht über die Zeit gerettet hatte. Sie war noch immer da, sein Dasein nun fest in ihrer freien Hand. Sie müsste nur einmal mit den Fingern schnippen und er wäre das Sahnehäubchen zu ihrer Erdbeertorte, extra frisch geschlagen. Und sie wäre sein zuckersüßes Dessert zum gutbürgerlichen Hauptgericht. Nervös und entscheidungsunfreudig kaute er auf seiner Leere um.
Er war hungrig.
Sehr sogar.
Sein Magen knurrte.
Laut.

Schnipp!

Mit einem schweren Seufzer kroch er wie an unsichtbaren Fäden gezogen aus seinem Schlupfloch, vom langen Verharren in der gleichen Position taten ihm alle Knochen weh. Aber noch während das Schnippen wehmütig in seinen Ohren nachhallte, schloss er demonstrativ das Fenster.
Zu.
Aus.
Vorbei.
So kam niemand hinein.
Und niemand hinaus.

Er wollte in die Küche gehen, um sich die Suppe vom Vortag aufzuwärmen.
Was übrig war würde gerade für ihn reichen.
Am Abend würde es wahrscheinlich Bratkartoffeln geben.
Und morgen vielleicht Eintopf.
Sie hatten immer so viele Reste.

Er wollte es eigentlich nicht, aber er konnte nicht anders. Ein letzter verstohlener Blick aus dem Fenster bestätigte seine Vermutung, als er sah wie das Mädchen mit der Erdbeertorte mit einem Anderen davon ging. Händchenhaltend.
Zufrieden.
Wahrscheinlich glücklich.


Auf dem Weg ihn ihr Reich, wie sie es immer nannte, stolperte er über ihre Armutszeugnisse. Billige Stiefel auf teuer gemacht, Designerhandtaschenimitate, wertloser Modeschmuck. Und überall diese verdammten Staubfänger, mit denen sie versuchte, ein armseliges Heim in ein vermeintlich heimeliges Zuhause zu verwandeln. Alles fauler Zauber. „Sie hatte sich stets bemüht. Wir wünschen ihr auf ihrem weiteren Lebensweg alles Gute.“ Wie ihn diese Armut ankotzte.
Die äußerliche.
Und die innerliche.

Während er in der Suppe und seinem Gedankenbrei herumrührte, spürte er wieder diese altbekannte Kälte in sich aufsteigen. Die heiße Kraftbrühe würde ihm gut tun. Ganz sicher. Doch er konnte die verkochte Plörre nicht genießen und stocherte lustlos darin herum. Pfeffer! Er brauchte unbedingt Pfeffer! Er langte gierig nach der Mühle. Sie war leer. Nur ein paar winzige Pfefferreste purzelten aus dem Mahlwerk. Er war enttäuscht und starrte wütend in den Teller. Aber nach einer Weile fing er schallend an zu lachen. Die kleinen Pfefferpartikel sahen genau so aus, wie das was sie eigentlich waren.

Nicht mehr und nicht weniger als Fliegenschiss.

Es würde keinen Unterschied machen, wenn er sich selbst in Suppe spucken würde.

Auf- und angeregt sprang er auf, goss die alte Suppe triumphierend in den Ausguss und verließ das Haus so schnell er konnte. Er machte sich auf seinen Weg. Er brauchte dringend etwas Süßes.
Vielleicht eine extragroße Portion Schokoladeneis.
Mit Schokoladensoße.
Und Schokoladenstreuseln.

Es war ihm egal, wie schlecht es ihm hinterher gehen würde. Irgendwo hatte er noch einen Schnaps deponiert.
Irgendeinen Magenbitter.
Irgendwo in einem Schrank. Den würde er dann trinken.
Wenn er wieder da wäre.
Später.
Zu Hause.
Irgendwann.


Er war nur wenige Schritte gegangen, als der Himmel aufriss. Das Grau verschwand. Und er erstarrte. Strahlendes Blau umhüllte ihn plötzlich. Es war fast das gleiche intensive Blau wie das ihrer Augen.

Er würde niemals vergessen, wie sie ihn angesehen hatte. Voller Zuneigung und Dankbarkeit. Voller Vertrauen. Und Liebe. Aller Widrigkeiten zum Trotz hatte sie ihn geliebt. Und er hatte sie geliebt.

Was er nur immer wieder vergaß war, dass es ihr letzter Blick gewesen war. Er sollte sich endlich aufraffen und ihre Sachen wegräumen. Seine Angst überwinden. Wieder fliegen lernen. Und kleinere Portionen kochen.Remembrance



 

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