Inside-Out

forstwege



Eine kurze Geschichte.

Wenn man schläft, ist es egal, wie und wo man liegt. Nur der Schlaf kann Schmerzen ausblenden. Diese Gedanken gingen ihr durch den Kopf, als sie daran dachte, wie und wo sie gerade aufgewacht war.

Genau genommen hatte sie nicht geschlafen, sondern war ohnmächtig gewesen. Ohne Macht über sich selbst. Den Schlaf hatte sie schon immer skeptisch betrachtet, empfand ihn als kleinen Tod, obgleich diese Zeit die einzige war, in der sie schmerzfrei sein konnte. Ohnmächtig zu sein, hatte eine völlig andere Qualität. Ein fieser Vorbote der Endlichkeit, der ungefragt daher kommt. Doch darum ging es nicht. Viel wichtiger und aufschlussreicher war, wo sie aufgewacht war, ob aus Schlaf oder Ohnmacht war irrelevant.

Sie erinnerte sich daran, wie sie viel zu lange Zeit durch den Wald geirrt war. Bisweilen fröhlich spazierend, manchmal eine Melodie dabei pfeifend. Viel öfter aber rannte sie gehetzt oder panisch von einer Lichtung zur nächsten, ohne sich jedoch dabei bewusst zu sein, dass sie rannte. Es kam ihr mehr wie ein Stolpern vor, hier und da knickte sie um, fiel hin, die Hände schmerzhaft in trockene Tannennadeln krallend den Fall abfangend. Tränen, Tränen. So viele Tränen, die sie einfach laufen ließ, jedes aufkeimende Schluchzen sofort unterdrückend. Lautlos weinen war ihre Spezialität. Dann auf die Knie, durchatmen, aufstehen, weiterlaufen. Zweige, die ihr ins Gesicht schlugen. Immer wieder. Sie hasste diese Zweige und brauchte sie zugleich. Am Tag verletzten und demütigten sie sie, doch in der Nacht boten sie ihr Schutz und sogar Wärme.

Wenn es ihr zu viel wurde, begab sie sich auf die ausgetretenen, holprigen Pfade der Wanderer und folgte ihnen eine Weile. Monotones Hinterhergelaufe. Doch nur solange, bis ihre tiefsten Wunden aufgehört hatten zu nässen und das Salz ihrer Tränen nicht mehr brannte. Sie fühlte sich dort nicht wohl und die Fußstapfen der anderen passten ihr nicht. Es machte keinen Sinn die endgültige Heilung abzuwarten, wusste sie doch, dass sie zurück musste in den Wald ohne vorgegebene Wege und Spuren. Sich durchzuschlagen war ihr Schicksal. So dachte sie lange Zeit. Bis sie ihn plötzlich fand.

Sie hatte ihn nicht sofort als das erkannt, was er war. Er wirkte zunächst wie ein normaler Wanderweg, der ihr wie üblich ein wenig Entspannung verschaffte.  Erst nach und nach, als sie bereits einige Zeit auf ihm gegangen war, bemerkte sie den Unterschied. Der Weg war befestigt und alles andere als zufällig durch das Betreten tausender eifriger Wanderfüße entstanden. Sie befand sich auf einem Forstweg. Sie stellte fest, dass es sich plötzlich viel leichter laufen ließ, sie brauchte nicht mehr darauf zu achten, ob etwas sie zu Fall bringen oder verletzen könnte, denn der Weg war geradlinig und eben, von kluger Hand geplant und ausgerichtet. Er war großzügig angelegt, hielt sie in der Spur und gab ihr gleichzeitig dennnoch ausreichend Raum sich zu entfalten. Er bot ihr Möglichkeiten, Aus- und Durchwege, ohne dafür einen Wegzoll zu verlangen.

Der Augenblick als ihr dies bewusst wurde, muss der Moment gewesen sein, als sie ohnmächtig wurde. Wahrscheinlich eine Art Selbstschutzreaktion, denn wie sie sich kannte, wäre sie andernfalls  sofort losgerannt, hin und her immer wieder, voller Euphorie darüber, dass sie ihn gefunden hatte, nicht ahnend, dass sie ihn überhaupt gesucht hatte.

Sie wurde wach, weil ihr ein kleines Steinchen in die Wange pikste und offenbar ihre Helix in Mitleidenschaft gezogen worden war. Ihr Kopf ruhte schwer auf ihrer umgeknickten Ohrmuschel und es war sehr unangenehm mit diesem Schmerz zu Bewusstsein zu kommen. Sie richtete sich auf und sah sich verwirrt um. Als sie erkannte, wo sie war, legte sich augenblicklich eine unglaubliche Ruhe über ihr aufgewühltes Ich und sie bemerkte erstaunt, dass der Schmerz bereits am Abklingen war.

Langsam begriff sie, wie lange sie sich unnötig selbst gegeißelt hatte, indem sie immer wieder zurück in den Wald gegangen war. Sie verstand, wieso ihr die von anderen bereiteten Pfade nicht hatten helfen können. Sie waren lieblos angelegt worden, um Ziele zu erreichen, die nicht ihre waren, sie waren nicht für sie bestimmt gewesen.

Die Folgen ihres Sturzes in die Ohnmacht würden sie noch eine Weile begleiten. Doch sie wusste, dass diese Abschürfungen vorerst die letzten Verletzungen sein würden, die sie zu ertragen hatte. Sie würde auf dem Forstweg bleiben, ihm folgen und vertrauen. Endlich vertrauen in sich selbst.

 
 


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