Inside-Out/Puzzlement

Gedanken in Mull



„Wo Eiter ist, dort entleere ihn.“

Die Infektion muss stattgefunden haben, lange bevor sie eine erste Ahnung hatte. Und verkannte. Jeder Mensch fühlt sich mal schlecht. Elend. Und jeder Mensch darf das auch zeigen. Sie nicht. Denn Schwäche zeigen bedeutete hilflos sein. Woher dieser kranke Gedankenkeim kam, wusste sie nicht. Es gab so vieles, was sie nicht wusste, aber wissen wollte. Wissen musste. Sie dachte an eine Rückführung. Denn immer öfter überkam sie so ein Gefühl, als läge der Ursprung ihres Leidens in der Vergangenheit. So weit zurück, dass sie sich aus eigener Kraft nicht mehr daran erinnern könnte. Wahrscheinlich käme heraus, dass sie in ihrem früheren Leben irgendein Rudeltier gewesen war. Ihr Verhalten glich genau einem solchen. Wenn bei einem schwachen Meerschweinchen Anzeichen einer Erkrankung sichtbar werden, ist es meistens schon zu spät. Sie tarnen sich, geben vor, gesund und munter zu sein. Solange bis es nicht mehr geht. Nur wenige sind dann noch therapierbar. Manche fallen stattdessen einfach tot um.

Er ruhte lange in ihr. Geduldig. Abwartend. Als sie von Tag zu Tag schwächer wurde, war seine Chance gekommen. Ihre halbherzigen Soldaten, die kamen, waren ein peinlicher Witz und schnell ausgeschaltet. Er blühte endlich auf in seinem selbst errichteten Schmelztiegel, wuchs und gedieh prächtig. Noch lag er im Verborgenen, doch schon bald musste er sich zeigen, der kleine Dieb. Er wollte die Sonne sehen, er wollte Sonne werden, Sonne sein. Alles verbrennen und verglühen lassen. Er konnte nicht anders, es lag in seiner Natur sich beizeiten zu präsentieren, obgleich er wusste, dass er damit unter Umständen sein eigenes Schicksal besiegelte.

Umso mehr er sie zu schwächen versuchte, desto stärker wurde sie zunächst. Ein letztes Aufbäumen vor dem finalen Zusammenbruch. Unterdessen überspielte sie die Anzeichen sehr bewusst, ihre Kunst, das Schauspiel, war Perfektion geworden. Instinktiv umging sie jegliche Konfrontation mit vermeintlichen Widersachern. Dass diese mutmaßlichen Gegenspieler ihr freundlich gesinnt und besorgt um sie waren, missachtete sie absichtlich. Denn inzwischen hatte sie ihn sehr wohl wahrgenommen, diesen kleinen Dieb, der ihr das Leben stehlen wollte. Dass er das seit geraumer Zeit längst tat, übersah sie geflissentlich. Sie tat was sie am besten konnte: mitspielen. Überspielen. Sie wurde exzessiv. Was im Grunde etwas Gutes war, wurde zur Perversion. Die Menschen um sie herum schlossen ihre Augen und versiegelten ihre Ohren. Sie konnten nichts mehr tun, außer auf den Tag des Kollapses zu warten.

Sein großer Tag war bald gekommen und er gewann die Oberhand. Er hoffte die Detonation sei im ganzen Land zu hören gewesen, er hatte sie endlich geschlagen. Auch er war dabei verletzt worden, doch noch war das Spiel nicht aus. Längst hatte er elendige Ableger seiner selbst in ihr deponiert

Doch sie explodierte im Stillen, ganz für sich allein. Niemals hätte sie zugelassen, dass andere sie dabei beobachten. Sie war nicht gestorben, auch wenn sie sich so fühlte. Sie war zerrissen. Sie brauchte eine Weile, bis sie die weit verstreuten Teile ihres Ichs zusammengeglaubt hatte. Sie wusste nicht, was sie damit tun sollte und warf alles auf einen Haufen. Ein Berg aus Fremdkörpern. Sie vermochte nicht zu beurteilen, ob sie alles gefunden hatte oder ob etwas fehlte. Lahm versuchte sie das ein oder andere Teil zusammenzusetzen, nicht überzeugt davon, es jemals zu Ende zu bringen. Alleine würde sie es niemals schaffen, das gestand sie sich ein. Müde raffte sie sich auf und ging los um die Augen und Ohren der anderen zu öffnen.

Er wusste sie würde nun kämpfen oder erlöschen. Vielleicht auch erst das Eine und dann das Andere. Doch der Weg bis hierhin war steinig gewesen, er ahnte dass sie nicht kampflos aufgeben würde. Aber seine Armee war stark und kräftig, er würde es ihr nicht leicht machen. Und so zog sich der kleine Dieb zunächst zurück und wartete auf seinen nächsten Einsatz.

Sie wurde mit offenen Armen empfangen. Manch einer konnte nicht umhin zu sagen, er habe es doch gewusst. Sie nickte nur müde und ließ jede Behandlung über sich ergehen. Sie war nicht vollends überzeugt, aber sie tat, wie ihr geheißen. Eine dicke Schicht bedeckte ihre größte Wunde. Wie Zugsalbe auf einem Abszess, die kranken Gedanken in Mull gehüllt.

Der kleine Dieb blieb völlig unbeeindruckt und lachte sich ins Fäustchen. Er durchschaute  diese Strategie längst und war verwundert. Meistens versuchten die Menschen in einem früheren Stadium, ihn auf diese Weise zu besiegen. Doch er und seine Schergen ließen sich nicht hervorlocken. Viel zu tief hatten sie sich vergraben und wüteten unbeirrt in ihr herum. Hier und das schickte er einen ohnehin eher schwächlichen Klon vor, um ihr Erfolgserlebnisse zu suggerieren. Derweil suchte er für sich und sein krankes Gefolge einen anderen Weg.

Den ein oder anderen infizierten Gedanken konnte sie erstaunlich mühelos lösen und eliminieren. Aber sie spürte instinktiv, dass diese nur wenige Tropfen in einem scheinbar unendlich großen Gefäß waren. Nur langsam ließ sich der schleimige Sud aus Verdrängung und Fluchtreflex abschöpfen. Darunter offenbarte sich ein Gewirr aus zähen Fäden, die dem Gefühl entsprachen, sich nicht verstanden zu fühlen. Aber sie wurde verstanden, mehr als sie je zu hoffen gewagt hätte. Es war die Zeit, die ihr half noch viel mehr zu wagen. Fast ungläubig sah sie sich selbst die ersten Schnitte probieren. Noch lag die Schere schwer ihn ihrer Hand und der Widerstand war gewaltig. Doch sie war nicht alleine. Vorsichtig legte sich eine Hand auf die ihrige und half ihr sanft, aber bestimmt, die ersten Fäden zu durchtrennen.

Der kleine Dieb bemerkte die schleichende Veränderung und trieb seine Untertanen aggressiv an, Stand zu halten. Aufgeben war keine Option, er war geschaffen worden, um zu zerstören. Hämisch beobachtete er seine Gegnerin und sah die Entwicklung zu seinen Ungunsten. Sie hatte aufgerüstet, stand nicht mehr alleine da und die Zeit schien ihr in die Hände zu spielen. Sie kämpfte offensichtlich mit unlauteren Methoden, denn er bemerkte, wie es immer unbequemer für ihn wurde. Bald würde sie die Schere gegen ein Skalpell tauschen und ihn in einem einzigen Vernichtungsschlag zu besiegen versuchen. Er überließ seine Soldaten sich selbst, schickte sie sogar noch vor, direkt in ihr Verderben, während er das Weite suchte. Noch lange klangen ihm ihre schmerzerfüllten Schreie im Ohr, doch er konnte und wollte keine Rücksicht nehmen. Er wählte seine einzige ihm verbliebene Waffe und spielte den Geschlagenen. Er stellte sich tot. Erfolgreich. Sie gab bald Ruhe, die Wunde verschloss und er blieb still zurück. Er war bereits tief in sie eingedrungen, hatte sich eingenistet. Warten war seine Stärke und hatte er auch diese Schlacht verloren, der Krieg war noch lange nicht vorbei.

Sie wusste nicht, wann es vorbei gewesen war. Es gab keinen Tag, keine Stunde, keine Minute, an der sie festmachen konnte, dass sie geheilt war. Sie war heimtückisch und hinterrücks infiziert worden, das Monster jedoch war langsam herangewachsen. Sie selbst hatte es groß gezogen und aufgepäppelt, bis es in die Hand biss, die es fütterte. Und ähnlich schleichend ging die Prozedur seiner Vernichtung zu Ende. Bis sie sich eines Tages selbst ertappte und bewusst wahrnahm, dass sie sich besser fühlte. Sie lachte aus vollem Herzen. Sie lachte über sich selbst. Und sie lachte über den kleinen Dieb, der wirklich dachte, sie würde nicht bemerken, dass er auf seinen nächsten Einsatz wartend in ihr ruhte. Doch nun war sie stark, der Waffenstillstand beeindruckte sie nicht und sie wusste, dass dieser Krieg ewig dauern würde. Sie war ein Schlachtfeld, ihr Leben die Arena. Sie dachte nun nicht mehr an eine Rückführung und lachte über sich selbst und ihre merkwürdigen Gedanken, im früheren Leben ein Meerschweinchen gewesen zu sein. Vielleicht war sie das auf eine Weise gewesen, irgendwann in diesem Leben. Doch das zählte nicht mehr, sie ließ die Vergangenheit ruhen und mit ihr den kleinen ahnungslosen Dieb. Sie war wiedergeboren mit dem Herzen einer Gladiatorin, das war das einzige, was von nun an zählte.


Ubi pus, ibi evacua.
(Hippokrates von Kos)


 

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