Puzzlement

Gewissen



Ich harre aus.

Der Sturm tobt seit siebzehn Tagen. An dem Tag, als er begann, hat er mir ins Gesicht gebellt: „Deine Mutter ist tot!“ Dann starrte er mich noch eine Weile schweigend an, währenddessen ich seine Gedanken zu hören glaubte: „Und wann stirbst DU endlich, du nutzloses Stück?“ Vielleicht wartete er auch auf eine Reaktion meinerseits, obwohl er inzwischen nur zu gut wusste, dass diese ausbleiben würde.

Ich dachte, daran, wie rücksichtsvoll er damals versucht hatte, mir Vaters Tod beizubringen. Tagelang war er um mich herum scharwenzelt, immer kurz davor, es mir zu erzählen. Doch jedes Mal, wenn es schien, dass er den Mut dazu gefunden hatte, verlor er ihn sogleich wieder und redete von irgendwelchen Menschen, die ich früher einmal Freunde genannt hatte. Er konnte nicht ahnen, dass ich es bereits wusste. In dem Moment, als der alte Säufer seinen letzten Atemzug tat, und er sich röchelnd mit seinen übergriffigen Pranken an sein kaltes Herz packte, war in meinem ein klein wenig die Sonne aufgegangen.

Damals hatte er noch so etwas wie ein Gewissen, das wusste ich. Er schien sich unendlich schlecht zu fühlen, als er bemerkte, dass er den richtigen Zeitpunkt verpasst hatte. Dann muss ihm eingefallen sein, dass Zeit ja keine Rolle mehr für mich spielte, also tat er einfach so, als würde Vater noch leben und aus unerklärlichen Gründen plötzlich schwer erkrankt sein. Einige Tage lang hatte er mir von dessen stetigen Verfall berichtet, der schließlich, oh Tragik, in seinem Tod mündete. Sanft eingeschlafen sei er, da könnte ich beruhigt sein. Die Tränen, die ich vergossen hatte, deutete er sicher wie einen Applaus für seine Schauspielkunst. Aber ich hatte geweint, weil ich nicht miterleben durfte, wie elendig Vater verrottet war.

Um Mutter trauerte ich ein wenig. Ich dachte daran, wie sie an meinem Krankenbett gestanden und gesagt hatte: „Es ist nicht richtig, dass Kinder vor den Eltern sterben müssen.“

Ich fand damals, dass ich meinen Eltern diesen Gefallen ohnehin nicht tun wollte. Und dies war der Moment meiner Erkenntnis gewesen. „Aber ich bin doch da!“ hatte ich laut gerufen. Doch Mutter hörte mich nicht. Für eine lange Zeit sollte mich niemand mehr hören.

Ja, Mutter würde mir fehlen. Ich hatte mich immer auf ihren Besuch gefreut. Ich versuchte, mein schiefes Gesicht noch ein wenig schiefer aussehen zu lassen und hoffte, dass mir dann besonders viel Sabber aus dem Mund laufen würde. Auch nach so vielen Jahren kam Mutter noch jedes Mal mit vor dem Mund zusammengeschlagen Händen auf mich zugelaufen und hatte gerufen: „Ach Gott, mein armes Kind!“

„In guten wie in schlechten Zeiten“, hatte er damals voller Inbrunst gesagt. Und Wort gehalten. Er kümmerte sich fast aufopferungsvoll um meine Pflege. Es ließ nach. Natürlich. Ein Mann wie er, würde sich doch nicht von so einer, wie ich es nun war, das feine Leben versauen lassen. Schon bald kamen die ersten Frauen. Zunächst schleuste er sie noch heimlich an mir vorbei und gönnte sich sein Vergnügen nur ein, zwei Mal im Monat im Stillen. Doch nach kurzer Zeit bestieg er alles was er kriegen konnte, manchmal sogar direkt vor meinen Augen. Er wurde immer hemmungsloser und die Frauen stetig jünger. Gemeinsam mit einem Mädchen machte er sich an einem Abend einmal besonders abartig über mich lustig. Sie setzten mir eine Klorolle auf den Kopf und steckten mir eine Zigarre in den Mund. Zur Krönung jedoch schmierten sie mir rohes Hackfleisch in den Schritt und riefen den Hund. „Aber ich bin doch da!“ schrie ich. Tonlos.

Irgendwann wurde es wieder ruhiger, die Orgien seltener, und er sehnte sich offensichtlich wieder nach einer etwas solideren Beziehung. Er versuchte es mehrere Male und ich fand, es waren durchaus einige nette Damen unter ihnen. Er zeigte sich von seiner besten Seite, erklärte die Situation, wer und warum ich da war. Die ein oder andere versuchte es aufrichtig, doch am Ende, früher oder später, konnten sie alle meine Anwesenheit nicht mehr ertragen und verließen ihn. Wieder war nur noch ich da.

Dann kam Anna. Anna verstand mich, Anna schien zu hören, was ich sagte. Offensichtlich war sie eine Art Medium, denn ich hörte sie nicht nur mit meinen Ohren. Sie war auch in meinem Kopf, sprach dort mit mir. „Beruhige dich, Liebes, beruhige dich“, flüsterte sie mir zu, wenn er sich mal wieder lautstark über meinen Gestank ausließ. „Es dauert nicht mehr lange, Liebes und wir sind ihn los, das weißt du doch, mein Herz.“ Ich wusste nichts und doch alles. Wir unterhielten uns stundenlang, ganze Nächte schlugen wir uns um die Ohren. Selbst wenn sie neben ihm lag. Ich war da und sie bei mir.

Und Anna hatte den Sturm dort draußen gebracht. Das vor siebzehn Tagen. Anna sagte mir, dass sie es schade findet, dass Mutter nun nicht mehr kommen würde, sie hatte ihr immer ein wenig von der Arbeit abgenommen. Aber es sei doch gut, denn sie sei ohnehin schon seit einiger Zeit bereit für das ganz große. Zwischen uns. Dann seufzte sie und schaute konzentriert aus dem Fenster. Ich nahm es nur langsam wahr. Zuerst nur das Pfeifen des Windes, dann das Prasseln der Regentropfen. Anna lachte aus voller Kehle, es wirkte fast hysterisch, bis ein Donnergrollen über uns hereinbrach und der Sturm seine Arbeit aufnahm.

Er fluchte und verdammte das Wetter, doch noch geschah nichts weiter. Bald rissen die ersten Fensterläden ab, einer nach dem anderen. Er ignorierte es, ließ einfach alles zu, was geschah. „Irgendwann“, das hat Anna mir versprochen, „Irgendwann MUSS er sich um die Dachpfannen kümmern.“ Das Warten darauf tötete mein restliches Gewissen. Ich bin da. Ich bin der Sturm. Und ich harre aus.



 

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