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Glückskekstextfabrik



Es war mal wieder so lächerlich. Reine Zeitverschwendung. Sie wusste das doch alles. Als erstes musste sie diese gruseligen Geschichten lesen, „in denen etwas wahr wird, was jemand schreibt“. Dann hatte sie noch den Anlass für diese Geschichten, den dazugehörigen Film, sehen müssen, in dem ein junger Mann sich seine Freundin „erschreibt“. Als ob das auch nur ansatzweise irgendetwas Neues wäre. Sie empfand schon wieder Mitleid mit den Filmemachern und Schriftstellern da draußen, die meinten „eine ganz besondere Geschichte“ erzählt zu haben. Dieser Mist zog sich wie ein roter Faden durch ihr Leben und sie bemerkten es nicht. Nur wenige waren auserwählt zu erkennen. Und diejenigen, welche erkannten, wurden im gleichen Moment schon abberufen.

Sie sah sich im Schulungsraum um und entdeckte diesen verrückten Schreiberling, Jan, der ihr neuer Kollege sein würde. Zu schade, dass es ihn erwischt hatte, denn er war draußen durchaus ein Autor mit Potential gewesen. Doch dann traf ihn die Erkenntnis so hart, wie eine Faust das Gesicht. Und nun war dies hier einer seiner Einstandsschulungen, für sie jedoch eine Auflage ihrer kürzlich erworbenen Abmahnung. Durch die Teilnahme an diesem Kurs und weiteren, konnte sie die schlimmsten disziplinarischen Maßnahmen abwenden. Doch inzwischen fragte sie sich ernsthaft, ob sie das überhaupt noch wollte. Oder ob die Konsequenz, die Transformation in eine willkürlich ausgeloste Romanfigur, nicht die bessere Alternative sei. Man munkelte, es sei wie lebendig begraben zu sein, da man in dieser Figur für immer gefangen wäre und niemals mehr hinaus gelangen könnte. Aber dennoch erschien es ihr auf eine Weise verlockend. Wenn Sie Glück hätte, würde sie eine Protagonistin in einem Fortsetzungsroman werden. Obwohl ihr die Rolle als Antagonistin charakterlich natürlich besser zu Gesicht stehen würde. Doch man hatte keine Wahl. Wenn man rausflog, wurde das Rad gedreht und es bestand durchaus die Möglichkeit, als alter verfilzter Köter oder sonstiges Getier, vielleicht sogar als Kakerlake, in einem unterdurchschnittlichen Books-on-Demand-Roman mit nur einer einzigen Erwähnung, zu enden. Die Möglichkeiten zum gesellschaftlichen Abstieg waren unzählig, insbesondere seit sie als Warnung vor weiteren Putschversuchen, die möglichen Charaktere um Tiere erweitert hatten. Tatsächlich waren die Aufstände seitdem radikal zurückgegangen. Das waren sie vor vielen Jahren schon einmal, als sie die Einschränkung auf gedruckte Bücher aufgehoben hatten, und seitdem man als Abtrünniger plötzlich auch in irgendeiner online hingerotzten Kurzgeschichte enden und somit in der Versenkung verschwinden konnte. Die Zeiten waren von Jahr zu Jahr härter geworden.

„Entschuldigen Sie?“ Der junge Autor hatte sich von ihr zunächst unbemerkt neben sie gestellt und unterbrach ihre Gedanken. „Wissen Sie, wo genau die Schulung ‚Unendliche Geschichte‘ stattfindet?“ „Na klar, ich muss auch dahin.“ erwiderte sie freundlich. „Kommen Sie, wir können zusammen gehen. Es ist allerdings ein Stück zu laufen.“ Während des zwanzigminütigen Weges zu seiner zweiten Schulung, die gleichzeitig ihre Auffrischungsschulung war, tauschten sie sich darüber aus, seit wann und wieso sie hier waren. Sie tat ihm zuliebe so, als wäre seine Vita völlig neu für sie. Jan war natürlich sehr aufgeregt, alles war sehr ungewohnt für ihn und er stellte ihr unzählige Fragen darüber, wie wohl seine Zukunft hier drinnen aussähen würde. Sie wusste nicht, ob es ihm gut tat, schon jetzt zu erfahren, dass er kurz- und mittelfristig nichts anderes tun würde, als oberflächlich tiefsinnige Texte für Glückskekse zu verfassen. Sie entschied sich dafür, ihn zunächst in dem Glauben zu lassen, sie hätten Großes mit ihm vor. Denn dieser Meinung war er. Er hatte noch nicht verstanden, dass er nur deshalb abberufen worden war, weil er zu viel wusste und nicht, weil er etwas Besonderes war. Die meisten Neuen dachten das, denn immerhin waren sie ja, aus ihrer Sicht unerwarteter Weise, nicht tot.
„Und werde ich auch den Großen Schreiber irgendwann kennen lernen?“ fragte er sie hoffnungsvoll. „Wohl kaum. Den bekommen nur die wenigsten jemals zu Gesicht. Du kannst Dir sicher vorstellen, dass er unglaublich viel zu tun hat. So ein Unternehmen führt sich nicht von alleine und die Logistik ist eine große Herausforderung.“ erklärte sie ihm geduldig. „Ja, ja… Naja, so richtig vorstellen kann ich mir das alles noch nicht. Es fühlt sich sehr unwirklich an. Und wenn ich nun überlege, was ich alles so geschrieben habe, teilweise echt krankes Zeug, und dass vielleicht einer Deiner ehemaligen Kollegen inzwischen eine dieser Rollen einnehmen musste, dann habe ich ein richtig schlechtes Gewissen…“ antwortete er ihr verunsichert. Sie legte beruhigend ihre Hand auf seinen Arm und sagte „Du wusstest es ja nicht besser. Und Du hast schon wieder verdrängt, dass genau das, was Du da draußen geschrieben hast, auch nur etwas war, was sich hier drinnen jemand für Dich ausgedacht hat. Verstehst Du? Da schließt sich der Kreis. Immer wieder und wieder.“ Betroffen schaute er sie an. „Woher weiß ich denn jetzt eigentlich, dass das hier gerade… ähm… sagen wir mal… live ist?“ „Tja, wenn Du es nicht weißt oder spürst, dann wirst Du es auch nicht verstehen, wenn ich es Dir nochmal erkläre. Vielleicht hörst Du nun besser auf darüber nachzudenken. Nach diesem Kurs wirst Du klarer sehen und später noch die Möglichkeit haben, Dich in einer offenen Fragestunde mit anderen Neulingen und Alteingesessenen auszutauschen. Und später, wenn Du dann aktiv mitarbeitest und die Resultate Deiner Arbeit siehst, wirst Du Dir alle diese Fragen nicht mehr stellen und verstehen, dass alles wirklich ganz einfach ist.“

Während des nächsten Kurses konnte sie sich kaum konzentrieren und schielte immer wieder zu Jan. Er wirkte hochkonzentriert und machte sich eifrig Notizen. Sie hatte sich schon lange nicht mehr mit einem Neuling unterhalten und bemerkte, wie seine Unsicherheit auch ihre Zweifel wieder an die Oberfläche spülte. Ihr wurde bewusst, dass sie schon ziemlich lange resigniert und sich abgefunden hatte. Andererseits hatten ihre temporär auftretenden Ausrutscher natürlich ihre Gründe und sie war nicht ohne Anlass zu den Nachschulungen geschickt worden. Der Gedanke an ihre letzte Aktion hob sofort ihre Stimmung. Niemals würde sie das Gesicht dieser eingebildeten Ziege vergessen, die voller Hoffnung ihren Glückskeks geöffnet und ihren, ihr ganz persönlich gewidmeten, Spruch gelesen hatte. Damit hatte sie ein Tabu gebrochen, doch sie konnte einfach nicht anders. Sie hatte diese Frau schon lange auf dem Zettel gehabt und nur auf die richtige Gelegenheit gewartet, ihr eins auszuwischen. Die Dame war Literaturkritikerin, also aus ganz speziellem Holz geschnitzt. Sie war eine der schlimmsten ihrer Art und hatte schon so viele Karrieren zerstört oder deren zaghaften Anfänge im Keim erstickt. Durch das Lesen des Glückskeksspruches wurde sie jedoch von der Erkenntnis überrascht und dadurch sofort abberufen. Nun war sie zwar auch hier drinnen, konnte aber weder hier und, viel wichtiger, draußen keinen Schaden mehr anrichten. Traditionell wurden abberufene Literaturkritiker generell nur zur Rechtschreib- und Kommatakorrektur eingesetzt. Der Große Schreiber misstraute ihnen und gönnte ihnen keine kreative Tätigkeit, so dass er diese Regelung schon vor langer Zeit eingeführt hatte. Wahrscheinlich war ihre eigene Strafe auch deshalb so milde ausgefallen. „Aktive Beeinflussung Nichtwissender mit Erkenntnisfolge“ hatte die Anklage gelautet und die Strafe wäre normalerweise nicht durch Nachschulungen abwendbar gewesen. Eine weitere Konsequenz, den Beförderungsstopp, konnte sie jedoch leider nicht verhindern und diese Tatsache war es gewesen, die sie darüber nachdenken ließ, die Strafe einfach anzunehmen. Sie war nur noch 13473 Glückkekstexte davon entfernt gewesen, in die Kalenderspruchabteilung wechseln zu dürfen. Nun würde sie selbst bei Erreichen ihrer Gesamtsollzahl bis auf weiteres nicht befördert werden. Nur der Große Schreiber persönlich konnte sie davon erlösen, in der Glückskekstextfabrik zu versauern.
Sie war schon wieder so in Gedanken versunken, dass sie erneut das Ende der Schulung nicht wahrgenommen hatte und es wieder Jan war, der sie zurückholte. „Das war wirklich sehr interessant. Dieser Michael ist ja ein Fuchs gewesen, das muss man ihm lassen. Unglaublich, dass er als bis heute einziger Wissender, draußen sein Leben weiter leben durfte. Und wie Du gesagt hast, ich sehe jetzt viel klarer!“ rief er begeistert. Sie grinste ihn an und dachte an den Abend zuvor, als sie schnell noch heimlich einen kleinen Teil seiner Geschichte umgeschrieben hatte. Der für ihn zuständige Kollege war ein Arschloch und hatte vorgesehen, dass Jan für eine Weile gar nichts kapieren sollte, bis bei ihm der Groschen fallen würde.

Da sie Jan aber draußen schon für seine Kreativität bewundert hatte, wollte sie ihm diese Tortur ersparen, zumal er ja ihr neuer Kollege sein würde. Umso schneller er fit werden würde, umso mehr Arbeit könnte er ihr abnehmen und sie hätte mehr Zeit und Muße für ihre ehrenamtlichen Texte. Die wiederum waren beim Großen Schreiber sehr angesehen, er nahm jeden einzelnen persönlich ab, und wenn sie ihn ausreichend beeindrucken könnte, würde er ihrer Karriere vielleicht nicht unnötig lange im Wege stehen.

Es lief gut mit Jan. Er machte einen tollen Job und hatte viele gute Ideen mitgebracht. Inzwischen waren sie sogar eher Freunde, als Arbeitskollegen. Und da Jan in der Glückskekstextfabrik natürlich völlig unterfordert war, hatte auch er bald angefangen, zusätzlich ehrenamtliche Texte zu schreiben. Oft lagen sie während ihrer Pausen im begrünten Innenhof der Fabrik auf der Wiese, lasen sich gegenseitig ihre neuesten Geschichten vor und rätselten darüber, wie der Große Schreiber sie wohl bewerten und verwenden würde. Jans Geschichten wurden durchweg mit Bestnote bewertet und einige wurden auch nach draußen übertragen. Ihre eigenen Texte dagegen wurden alle übertragen, bekamen aber eher unterdurchschnittliche Benotungen. Sie war darüber sehr unglücklich, denn die Veröffentlichung aller ihrer Texte nach draußen, war einfach ein untrügliches Zeichen dafür, wie schlecht sie waren. Das war zwar der Lauf beider Welten, in der die Anzahl der schlechten Texte überwog, dennoch enttäuschte es sie. Sie befürchtete außerdem, dass dies doch eine kleine Gemeinheit des Großen Schreibers sein könnte. Dann hatte Jan die Idee gehabt, dass sie einfach einmal einen seiner Texte in ihrem Namen beim Großen Schreiber abgeben sollte. Sie wusste, dass das nicht richtig war, doch da sie ihrer Meinung nach inzwischen so gut wie nichts mehr zu verlieren hatte, stimmte sie zu. Jan hatte versprochen, sich etwas ganz besonderes auszudenken und heute war es endlich soweit.

„Na dann leg mal los, großer Jan. Ich bin sehr gespannt, was Du Dir ausgedacht hast!“ forderte sie ihn auf mit dem Vorlesen anzufangen, während sie lang ausgestreckt und mit geschlossenen Augen auf der Wiese lag. Sie wollte sich vollends auf die Geschichte konzentrieren und versuchte alle störenden Nebengeräusche auszublenden. Jan räusperte sich und begann vorzulesen:

„Es war mal wieder so lächerlich. Reine Zeitverschwendung. Sie wusste das doch alles.“ Sie runzelte die Stirn, öffnete die Augen und setzte sich ruckartig auf, als die Erkenntnis sie überrannte. „Jan… bitte… tu mir das nicht an, ja?“ unterbrach sie ihn flehend. Doch Jan fuhr unbeirrt fort. „Als erstes musste sie diese gruseligen Geschichten lesen, ‚in denen etwas wahr wird, was jemand schreibt‘. Dann hatte sie noch den Anlass für diese Geschichten, den dazugehörigen Film, sehen müssen, in dem ein junger Mann sich seine Freundin‚ erschreibt‘. Als ob das auch nur ansatzweise irgendetwas Neues wäre.“



 

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