Puzzlement

Kotzgeschichte



Schon der Tonfall von Prof. Dr. Dr. Saam, der ihn zuvor am nicht mehr ganz so guten Ort telefonisch erreichte, ließ ihn erahnen, was der Grund für dessen Bitte, noch einmal in die Klinik zu kommen, gewesen sein mag. Er hatte sein Kommen zugesagt, aufgelegt und sofort nach ihr Ausschau gehalten. Er konnte sie nicht gleich ausmachen. So stand er auf und folgte ganz einfach ihren Spuren. Das war das letzte, an was er sich erinnerte, bevor ihre absonderlichen Ausdünstungen seine Sinne vernebelten.

°

Er hätte ihr niemals irgendeine Bedeutung zumessen dürfen. Er verteidigte sich, indem er sagte, dass dem Interesse eigentlich nur eine gewisse Faszination zugrunde lag. Das Gute und das Schlechte. Die Schöne und das Biest in ihr. Eine Art Voyeurismus, wobei die sexuelle Komponente damit nun wirklich nichts zu tun hatte. Zwar war sie zweifelsohne eine sehr hübsche Variation des weiblichen Geschlechts, was das Beobachten auf eine gewisse Weise angenehm machte. Er glaubte aber von sich selbst zu wissen, dass selbst Alkohol, Drogen oder gar Verzweiflung, ihn nicht dazu bringen könnten, auch nur einen einzigen Finger an diese Dame zu legen. Ihre entzückende Verpackung täuschte ihn von Anfang an nicht.

Er gab aber zu, dass sein abschließendes Urteil über sie noch nicht gefallen war. Er war nach wie vor irritiert, dass der Ort seiner Begegnungen mit ihr, ein guter war. Wer an guten Orten ist, dort Gutes tut, muss doch ein guter Mensch sein. Er wollte nicht so recht wahr haben, dass die Mär vom Wolf im Schafspelz, gar nicht so märchenhaft war, sondern ein knallharter Faktor im echten Leben, mit dem ein jeder Mensch klar kommen musste. Die Augen davor zu verschließen war keine Option und hätte seine Intelligenz beleidigt.

So begegnete er ihr also Tag für Tag an diesem guten Ort, sie beide verrichteten gute Arbeit, jeder für sich. Nur aus der Ferne wünschten sie sich andeutungsweise einen Guten Morgen, Tag und Abend. Doch nach einiger Zeit zeigte sie besonderes Interesse an seinem Tun. Plötzlich ergab sie sich ihm in fast liebevoller Bewunderung und war sich nicht zu schade, dies auch zu äußern. Die spontane Freude, die ihn menschlicher Weise überkam, wich schnell, als ihm sogleich bewusst wurde, von wem diese Äußerung getätigt worden war.  Er hatte die Umstände ihres ersten persönlichen Zusammentreffens verdrängt und fühlte sich, als hätte er einen verdorbenen Apfel im Ganzen verschluckt.

Er musste dieses Gefühl dringend loswerden, wie Blei lag es ihm im Magen. Er versuchte gedanklich zu rekonstruieren, wie es dazu kommen konnte. Diese Übelkeit, welche mit jeder weiteren Erkenntnis unerträglicher wurde. Und ihn letztendlich zum Kotzen brachte. Eigentlich hatte er doch keinen Fehler gemacht. Und doch war er es, dessen Geist und Körper gestraft wurde.

Bei ihrer ersten näheren Begegnung, als seine Augen ihre Schönheit in Gänze zur Kenntnis nahmen, hatte er gleichzeitig ihren Duft wahrgenommen. Sehr lieblich, weich und etwas betörend, umschmeichelte er sein Riechorgan. Er hatte schon davon gehört, dass sie duften sollte, wie ein frisches Blumenbouquet. Spontan atmete er tief und kräftig ein. Heute wusste er, dass er unbewusst dieses wunderbare Aroma konservieren wollte. Als er seinen fatalen Fehler bemerkte, war es schon zu spät, denn der Geruch war bereits weit in sein Innerstes hineingezogen. Sein tiefes Inhalieren hatte ihm eine Erleuchtung beschert, die nicht jedem zuteilwurde und für welche er dankbar sein sollte. Zunächst.

Denn hinter dem süßen Duftmäntelchen der sinnlich blumigen Lieblichkeit hatte sich eine Ausgeburt aller widerlichsten Gerüche versteckt. Als er es wahrnahm, schwindelte es ihn und er bemühte sich, nicht offensichtlich ins Taumeln zu geraten. Sie sollte nicht mitbekommen, dass er verstanden hatte. Doch das Wissen um seine Entdeckung und dass der barbarische Gestank in dieser Sekunde seinen Körper vergiften könnte, ließ ihn vor Schreck noch einen Schnappatmer machen. Nach außen die Haltung bewahrend, atmete er umgehend so kontrolliert und so viel wie möglich aus. Leider konnte er einen daraus folgenden Huster nicht unterdrücken. Es gelang ihm jedoch, die dabei mit großer Wucht aus seinem Magen hinaufgeschleuderten Brocken mit seinen Zähnen abzufangen. Schluck. Er musste schlucken, wo sonst hätte er in diesem Moment damit hin gesollt? Als die Brocken zurück zu ihrem ursprünglichen Platz fanden, krampfte sich sein Magen protestierend zusammen. Nicht ohne vorher einen Schwall bitteren Safts durch seine Speiseröhre zu katapultieren. Schluck. Er entschuldigte sich und verschwand auf die Toilette. Dort bot er seinem Magen einen Waffenstillstand an. Dieser lehnte ab und schickte stattdessen alles hoch, was zur Verfügung stand.

Das Dilemma, in dem er sich seit dem befand, belastete ihn zunächst nicht all zu sehr. Er fand Möglichkeiten, ihr aus dem Weg zu gehen. Und war ein Zusammentreffen unvermeidlich, so atmete er unauffällig flach und weitestgehend durch den Mund, obwohl er auch das, als äußerst unangenehm empfand. Damit hätte er leben können, er hätte sich irgendwie arrangiert. Aber unwillkürlich fing er an, sie zu beobachten. Schließlich musste er abschätzen können, wann ihr Weg seinen kreuzen würde. Es interessierte ihn außerdem, ob andere die gleiche Feststellung machten.

Fasziniert sah er zu, wie sich die verkleidete Wölfin wie selbstverständlich zwischen all den Schafen bewegte. In der Tat: nur er schien diesen beißenden Geruch, den sie an diesem Ort verströmte, wahrzunehmen. Alle anderen waren nach wie vor begeistert von ihrem vermeintlich herrlich betörenden Wohlgeruch und scheuten sich auch nicht, ihr dies wieder und wieder zu bestätigen. Er war schockiert darüber, denn nur weil es Schafe waren, sollten sie nicht dumm sein. Wollten sie dumm sein?

Er ärgerte sich selbst über diese dämlichen Wolf-Schaf-Gedanken, denn ihr Engagement und das aller anderen, war das Beste, was ein Mensch tun konnte. Kann ein schlechter Mensch denn dauerhaft Gutes tun?  Kann ein Mensch, der so viel Gutes tut, derart schlecht zugleich sein? Die Fragen verwirrten ihn und er hätte das ganze am liebsten völlig ausgeblendet. Doch als sie anfing, sich ihm zu nähern, immer wieder und öfter ihrer Bewunderung Ausdruck verlieh, fühlte er sich bald überfordert. Schließlich musste er doch höflich und dankend reagieren und war doch gleichzeitig damit beschäftigt, ihren abartigen Mief von seinen Atmungsorganen fern zu halten.

Da jeder Begegnung mit ihr, eine Verhandlung mit seinem Magen über dessen Inhalt folgte, dauerte es nicht sehr lange, bis seine Speiseröhre sauer wurde. Sie tat ihm leid, so dass er anfing immer weniger und weniger zu essen, überzeugt davon, dass es damit entsprechend weniger hinauf zu würgen gab. Doch der Mensch muss essen, sonst stirbt er und er konnte den Verfall seiner Nahrungsrutsche nicht aufhalten. Weiterhin beschäftigte ihn der Gedanke, woher ihr plötzliches und anhaltendes Interesse an seiner Person und seinen Werken kam. Ahnte sie, dass er ihr Geheimnis kannte? Falls ja, wusste sie, wie sehr er unter ihrer Nähe litt. Die körperlichen Folgen waren inzwischen kaum noch zu übersehen, er magerte ab und wurde täglich grauer. Es fiel ihm immer schwerer, gut zu sein und er begann sich für seine Sensibilität zu hassen. Zwar war sie einmal der Grundpfeiler und die Basis seines guten Tuns gewesen, doch hatte sie ihn auch dahin gebracht, wo er nun war.

Er dachte an die überaus unangenehme Untersuchung seiner verbitterten Speiseröhre. Diese dauerhafte Reizung könnte eine bösartige Zellveränderung hervorgerufen haben, das hatte ihm der Professor Dr. Dr. unter besorgten Blicken bereits unterbreitet. Das konnte doch nicht wahr sein. Wenn er sich selbst als eine einzige übergeordnete Zelle betrachten würde, so hatte diese sich in der Tat verändert. War er früher ein Hort des Guten und Schönen gewesen, dass ihn selbst und seine Mitwelt glücklich stimmen konnte, so war er heute ein Ort der Verzweiflung, Verirrung und Unverständnis, überschattet vom fauligem Pestgestank der Verdorben- und Bosheit. Er bemitleidete sich, diese Zelle war nicht er, wollte er niemals sein. Doch er konnte nicht umhin zuzugeben, dass die Bosheit inzwischen wenigstens ein Teil seines Selbst war. Schleichend und doch aggressiv war sie gewachsen. Wie der Krebs in seinem Körper. Und noch immer verstand er nicht, wieso es ihn getroffen hatte und was ihre Motivation gewesen sein mochte.

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Er kommt zu sich. Findet sich, wie so oft, den grauen Kopf über der Kloschüssel hängend vor. Neben wenigen Brocken sieht er benommen, dass es nun erstmals passiert ist: Blut. Er hat Blut gekotzt. Seufzend richtet er sich auf, irgendetwas behindert ihn jedoch und plötzlich nimmt er ihren fauligen Geruch wahr, sie muss ganz in der Nähe sein. Zu nah.

Die Erinnerung ist mit einem Schlag wieder da. Ein Schlag. Mehrere Schläge. Ein dumpfes Klatschen, welches sich mit jedem Mal matschiger anhört. Die Kacheln an der Wand der Damentoilette. Sie sind heile geblieben. Ihr hübsches Gesicht. Nicht.

Wieder kriecht ihm etwas die zerfetzte Kehle hoch. Doch ist es diesmal kein ekelhafter, nach Halbverdautem schmeckender Magensaft. Es ist ein leises Kichern. Ihr Anblick bringt ihn zum Schmunzeln und des Wahnsinns Lachen sucht sich seinen Weg und bricht aus ihm heraus. Schwallartig. Wie Kotze.

So wie ihr einst entzückendes Gesicht nun aussieht, stellt er sich seinen herausoperierten Tumor vor. Nun muss er aber los, er will den Herrn Professor Dr. Dr. nicht warten lassen.



 

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