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Offener Bruch



Im Dunkeln ist gut…

Das Geräusch offenbarte sich bereits in der ersten Nacht. Zwischen Umzugskartons auf Matratzen lagernd versuchten sie die Erschöpfung des Tages abzustreifen. Kaum hatte er sich hingelegt, war er auch schon abgedriftet in sein persönliches Traumland. Sie hingegen wartete noch auf den erlösenden Schlaf. Die erste Nacht in der neuen Wohnung sollte etwas Besonderes werden. Jeden Raum wollten sie einweihen und mit sich selbst markieren. Im Dunkeln ist gut Munkeln.

Aber der einzige Duft der in der Luft lag, war der ihres Schweißes. Es war so anstrengend diese Lebensgemeinschaft am Laufen zu halten. Warum sie das taten, blieb ein Rätsel. Wie wertvoll war etwas, um das man ständig kämpfen musste?

Schwer lag sein ruhig atmender Körper neben ihr und so leicht flog sie davon. Sie lauschte auf die ihr noch unvertrauten Geräusche der Nacht und versuchte sie zu orten. Aber sie hatte längst die Orientierung im Dunkeln verloren und sinnierte darüber, ob es sich noch lohnen würde, sie zu suchen.

Nebenan, vielleicht rechts oder links, oben drüber oder gegebenenfalls auch unter ihr nahm ein Geräusch die Arbeit auf. Es war nicht einzuordnen, aber es malte sofort Bilder und Töne in ihren Kopf. Morgendämmerung. Noch zaghaftes Vogelgezwitscher und feuchter Tau, der von Blättern und Grashalmen in den Boden tropft. Bäume so kräftig und riesig, dass ihre Kronen den Himmel berühren und Wolken durchbrechen, die hier und da unbeirrt ihre Kreise ziehen und die aufgehende Sonne ignorieren. Bald werden sie sich aufgelöst haben und dem Frühsommertag sein liebliches Antlitz verleihen. Sie träumte sich in diesen wunderschönen Morgen und Leichtigkeit trieb sie allmählich in den Schlaf.

Aber das Geräusch hatte andere Pläne. Die Wolken lösten sich nicht auf. Stattdessen vermehrten sie sich durch sich selbst, bauschten und spielten sich auf, als seien sie größenwahnsinnig. Ihr eben noch schneeweißes Kleid färbte sich grau und stellenweise malten sie sich schwarz und den Teufel an die Wand ihres Bewusstseins. Die Temperatur kehrte um und hinterließ kühlen Frost auf ihrer Haut, der sich sogleich rücksichtlos in ihre morschen Knochen fraß. Instinktiv zog sie die Beine an und rollte sich zusammen, verbarg ihr Gesicht in sich selbst. Der immer wiederkehrende letzte Versuch sich selbst zu schützen.

Den Blitz hatte sie nicht gesehen. Sie presste ihre Augen so fest zusammen, dass er im Feuerwerk ihres eigenen Gewitters unterging. Obwohl sie wusste, dass gleich das Donnerwetter hereinbrechen würde und sie angespannt darauf wartete, zuckte sie zusammen, als es furios und aggressiv seine höhnische Begrüßung an sie richtete. Starr vor Schreck stockte ihr der Atem und sie erkannte erneut die Lüge in der Floskel, der Mensch sei ein Gewohnheitstier.

Niemals würde sie sich an diese Gewaltausbrüche gewöhnen. Höchstens vielleicht an ihren Umgang damit. Danach. Danach tat es ihm immer Leid, so unendlich leid. Und immer wieder fraß sie seine Beteuerungen wie ein ausgehungertes Tier. Geduckt, unterwürfig, dankbar. Ab-artig.

Der Wind des Grauens pfiff ihr hysterische Laute in die Ohren, wirbelte zeternd um ihren Kopf herum und betäubte für Sekunden ihre Sinne. In diesen Augenblicken wurde sie zu einem kleinen Vögelchen, welches dem Sturm trotzend in den Himmel taumelte. Hoch hinauf bis zur Sonne, die es endlich erlösen würde. Nichts wollte sie mehr als zu verglühen und als Asche auf die Erde regnen, wo er lauthals lachend jubilierte. Doch sein Triumpf würde ihm im Halse stecken bleiben, weil sie selbst, als durch den Regen gewordene Schlacke, rachengelsgleich in seinen Schlund kriechen und ihn vernichten würde.

Sie kämpfte gegen die Ohnmacht an, während sein saurer Atem ihr Verachtung ins Gesicht schlug und sein Keuchen alle anderen Geräusche erstickte. Nur eines nicht. Gierig suchte es sich seinen Weg durch einen ekelhaft aus Qualen geformten Geburtskanal, bis es zu seinem sadistischen Finale anschwoll. Über und in ihr, einfach allgegenwärtig richtete es sich zu voller Größe auf und peitschte ihr mit stolzgeschwellter Brust seine Lust an ihrem Schmerz in die geplagte Seele. Sie betete alle die ihr sonst so fremd erscheinenden Götter dieser Welt darum an, dass es diesmal nicht wieder in einem offenen Bruch enden würde. Die viel längere Heilungszeit würde ihn mürbe, aber auch umso zorniger werden lassen. Den Widerstand aufzugeben, war die einzige Möglichkeit, die sie noch sah. Sie gab klein bei. Sie wurde es. Klein, kleiner, winzig. Sie verschwand, als das Krachen und Bersten ihre Welt für einen Moment still stehen ließ. Vielleicht drehte sie sich auch weiter, doch das spürte sie nicht mehr. Es war ihr nun ohnehin gleichgültig. Ob Bewegung oder Stillstand, in diesen Nächten zählte nichts davon.

Im Dunkeln ist gut Knochen brechen.



 

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