Outside-In

Schaumschlägerei



Ihre Mundwinkel zuckten, zunächst nur sichtbar für den sehr genauen Beobachter oder einen Menschen, der sie sehr gut kannte. Speichel füllte ihren Mund und sie verspürte das Bedürfnis zu schlucken, doch gleichzeitig war ihre Kehle wie zugeschnürt. So sog sie innerlich an dem Speichelschleim und transportierte ihn so weit wie möglich in die hinterste Ecke ihrer Backentaschen. Während sie versuchte das Zittern und Zucken ihrer Lippen zu kontrollieren, fing sie an zu schmatzen. Doch schon bald bahnte sich eine erste kleine Speichelblase ihren Weg nach draußen und sorgte dafür, dass der letzte Schalter ihrer Selbstbeherrschung langsam aber stetig umgelegt wurde. Ihr wurde in diesem Moment klar, dass sie vor Wut zu schäumen beginnen würde. Sie dachte an die Ursache ihrer Wut.

„Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht.“

Ihre Kiefer mahlten aufeinander, während sie den sich immer wieder hervorpreschenden Speichelschaum zurück in ihre Backen presste. Doch desto mehr sie sog und presste, umso schneller schien sich der zähe Sud zu vermehren. Während sie sich flüchtig fragte, aus welchen Poren dieses Schleimbiest überhaupt gekrochen kam, bemerkte sie, wie sich ihre Gesichtsmuskeln immer mehr verkrampften. Sie presste ihre Lippen mit einer solchen Gewalt aufeinander, dass nun auch Schmerz Einzug hielt. Sie würde jetzt nicht in einen Spiegel schauen wollen. Sie ahnte, dass sich ihr sonst so sanftes Gesicht mit den angeblich so liebenswerten Grübchen inzwischen zu einer grotesken Maske verzogen haben musste. Immer mehr Speichelbläschen quollen zwischen ihren Lippen hervor und schlossen sich zunächst zu einer immer größer werdenden Schleimmasse zusammen, bevor es sich in einen kleinen Spuckeschaumfluss verwandelte, welcher dann an ihrem Kinn und später an ihrem Hals hinunterfloss. Sie stellte sich vor, wie es wäre, wenn sie nun einfach aufgeben und ihren Mund öffnen würde und dem Schaum und der ganzen elendigen Flüssigkeit die Freiheit gewähren würde, nachdem es so offensichtlich verlangte. Alles würde aus ihr heraussprudeln, direkt in ihren Schoss, indem ihre züchtig gefalteten Hände lagen.

Warum saß sie überhaupt? Sie meinte sich zu erinnern, aufgefordert worden zu sein, sich zu erheben.

Die Gedanken darüber schienen sie abzulenken und ein wenig zu entspannen, denn sie hatte den Eindruck, als wäre die Quelle des Speichels versiegt. Zumindest schien dieser plötzlich nicht mehr zu werden. Auch ihre Kehle fühlte sich freier an und so wagte sie spontan den Versuch zu schlucken. Es funktionierte tatsächlich und nach dreimal Schlucken war ihr Mund befreit. Irgendjemand hielt ihr ein Taschentuch unter die Nase, doch sie fühlte sich wie gelähmt und schaffte es nicht, es anzunehmen. Sie nahm wahr, dass dieser Jemand mit den Schultern zuckte und begann sanft ihren Mund, ihr Kinn und ihr Hals abzutupfen und sie wieder in Ordnung zu bringen. Worte wie „Alles ist gut!“ oder „Das ist nur die Aufregung!“ drangen gedämpft an ihr Ohr. Dann spürte sie plötzlich auch die aufmunternden Klapse auf ihrem Rücken und nahm das Gemurmel und Raunen hinter ihr war. Sie hatte offenbar völlig ausgeblendet wo sie war. Sie nahm einen tiefen Atemzug, streckte ihren Rücken und schüttelte kurz mit den Schultern. Dann nickte sie mit dem Kopf. Zur ihrer eigenen Bestätigung und zur Beruhigung der Anderen. Ruhe kehrte ein, fast wie diese berühmte gespenstische Stille. Sie wusste nun was sie zu tun hatte. Sie warf kurz einen verächtlichen Seitenblick auf ihren zukünftigen Exfreund und sagte dann voller Überzeugung und mit glasklarer Stimme:

„Nein. Ich will nicht.“



 

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