ODD

Sugar-Baby ♬



… und irgendeiner von uns.

Mmh… sei doch lieb zu mir… Mmh… dann bleib‘ ich bei dir…

Wir hatten ihr irgendwann diesen im wahrsten Sinne des Wortes süßen Spitznamen gegeben. Irgendeiner von uns hatte ihn einmal im Spaß zu ihr gesagt, aber sie lachte so herrlich darüber und schenkte uns ein so wunderbares Lächeln, während sie versuchte zu überspielen, dass sie knallrot angelaufen war. „Sag das bitte nicht, ich mag das nicht.“, kokettierte sie.

Sie war aber auch zu süß. Irgendwie eine Art moderne Pippi Langstrumpf in richtig hübsch. Sie hatte brünettes Haar, welches ihr in großzügigen Wellen über die Schultern fiel. Ihre Nase war eine stupsige Himmelfahrtsnase und natürlich zierten ihr Gesicht unzählige Sommersprossen. Ihre Augen waren Meerblau, fast Türkis und ihr Blick war betörend und hypnotisch. Sie hatte uns alle damit verzaubert.

Ihrer Ansicht nach hatte sie die perfekte Größe: 1,67m. Dann könnte sie 10cm hohe Stöckelschuhe tragen und müsste sich trotzdem noch auf die Zehenspitzen stellen, um ihren Traummann küssen zu können, der natürlich mindestens 1,85m groß sein würde. Sie liebe es, sich beim Küssen auf die Zehenspitzen zu stellen und dabei hingebungsvoll ein Bein anzuwinkeln. „Wie im Film!“ hatte sie begeistert gerufen. Keiner von uns hatte sie jemals einen Kerl küssen sehen, aber jeder konnte es bildlich vor sich sehen. Irgendeiner von uns erzählte später, dieses Bild hatte sich ihm förmlich eingebrannt und dass er sogar so etwas wie Eifersucht empfunden hatte. Auf einen Typen, der nicht einmal existierte.

Sie hatte uns erzählt, sie hätte Kunstgeschichte studiert, aber dann einen reichen Kerl kennen gelernt, mit dem sie mehrere Jahre um die Welt gereist wäre. Das wäre dann aber auseinander gegangen und nun wäre sie eben erst einmal hier gestrandet. Um zur Ruhe zu kommen und sich zu überlegen, was sie als nächstes tun wollte.

Sie jobbte seit wenigen Wochen in unserer Stammkneipe. Schon bald war sie die beliebteste Bedienung der ganzen Bar. Ihre Ausstrahlung war unglaublich, alle schienen sie zu mögen und kamen gut mit ihr aus. Sie konnte jedem das Gefühl vermitteln, einzig und allein für ihn zu arbeiten. Fast sah man die Enttäuschung in den Gesichtern mancher Gäste, wenn sie rein kamen und feststellten, dass sie an diesem Abend nicht arbeitete. Alle schienen in sie verliebt zu sein, und das bezog sich nicht nur auf das männliche Geschlecht.

Unsere Clique hatte es ihr besonders angetan, zumindest bildeten wir uns das ein. Im Rückblick glaube ich aber, dass sie die Gabe hatte, dieses Gefühl auch allen anderen zu vermitteln. Ihren Spitznamen hatte sie jedoch definitiv von uns, alle anderen hatten ihn aber wie selbstverständlich übernommen. Vielleicht fühlten wir uns deshalb so wie eine Art VIP-Clique und besonders geadelt. Ihr Spitzname wurde so etwas wie ihr Markenzeichen, so dass bald keiner mehr wusste, wie ihr richtiger Name war.

Deshalb vielleicht waren auch wir es, die sich aufmachten um sie zu suchen, nachdem sie zwei Abende nicht zu ihrer Schicht gekommen war. Vielleicht war es Schicksal und Strafe zugleich, dass wir sie tot in ihrer Wohnung finden mussten. Wir hatten zu viel Angst um sie und Panik, um die Polizei zu rufen, so dass wir einfach ihre Wohnungstür aufbrachen und in ihre Wohnung stürmten. Zuvor hatten wir mehrere Minuten lang vor ihrer Tür gestanden und verwundert dem Lied gelauscht, welches offenbar in einer Wiederholungsschleife wieder und wieder lief. Dieser alte Rock’nRoll-Schlager von Peter Kraus. Sie hatte nicht auf Klopfen, Rufen oder Hämmern reagiert, aber sie musste doch da sein, oh bitte, bitte… sie MUSSTE doch da sein.

Dong ding-a ding, dong ding-a-dong…

Die Wohnung war ein Schock. Wir wussten zwar aus ihren Erzählungen, dass sie noch recht karg eingerichtet war. Wie das halt so ist, wenn man nur mit ein paar Koffern aus Übersee in eine neue Stadt kommt. Aber in der Wohnung befand sich außer einer Matratze auf dem Boden kein einziges Möbelstück. Ihre Klamotten lagen verteilt in mehreren offenen Koffern oder hingen auf einer Leine, die quer durch den Flur gespannt war. In der Küche stand lediglich eine alte, umgedrehte Weinkiste, auf der ein Wasserkocher, ein Glas Pulverkaffee und eine Tasse mit einem Kaffeelöffel darin stand. Sie hatte keine Küche, noch nicht einmal einen Kühlschrank.

Sie hatte uns erzählt, dass sie noch mit dem Renovieren beschäftigt sei. Wir konnten nicht ahnen, was sie unter Renovierung verstand. Statt Tapeten hatte sie hundsgewöhnliche A4-Blätter mit Klebefilm an den Wänden angebracht. An allen Wänden von oben bis unten.
Es wirkte völlig absurd. Während wir auf die Wände starrten und versuchten zu realisieren, was wir hier sahen, lief im Hintergrund weiterhin dieser verdammte Song. Irgendeiner von uns hatte dann schließlich die Quelle gefunden, einen riesigen alten Ghettoblaster versteckt in einem Einbauschrank, und den CD-Player ausgeschaltet.

Jedes Blatt Papier war entweder bedruckt, handschriftlich beschrieben oder mit ausgeschnittenen und draufgeklebten Buchstaben aus Zeitungen versehen. Auf jedem Blatt stand der gleiche Text: der komplette Songtext des Schlagers der eben noch in Endlosschleife gelaufen war. Auf einigen Blättern stand auch nur der Titel des Songs, der zugleich ihr Spitzname war.

Irgendeiner von uns musste sich übergeben und suchte den Brechreiz zurückhaltend die Toilette oder das Badezimmer. Es tat einen Schlag, als er es offenbar gefunden hatte, aber gegen die abgeschlossene Tür donnerte. Er kotze dann vor die Badezimmertür.

Irgendwie war uns klar, dass wir sie dort drin finden würden und entsprechend lahm fielen unsere Versuche aus, anzuklopfen oder sie zu rufen. Wir brachen nur eine weitere Tür auf, die uns unserem aller Elend näher brachte.

A One, a Two, a One, Two, Three, Four!

Das erste was wir sahen war, dass auch im Badezimmer alle Wände mit diesen Blättern beklebt worden waren. Auf diesen hier stand jedoch ausschließlich der Titel dieses verdammten Songs. Dieser stand auch auf dem Spiegel geschrieben. Mit einem knallroten Lippenstift. Aber hier waren die Worte durchgestrichen und mit einem schwarzen Stift war darunter ein anderes Wort  geschrieben worden: AUFSCHNEIDERIN!

Wir alle erinnerten uns sofort an eine Situation vor ein paar Tagen in der Bar. Ein älterer Herr, offensichtlich gut situiert, kam sturzbetrunken in die Bar gestolpert. Er stand dann eine Weile nur herum und schien nach jemand Ausschau zu halten. Als er sie entdeckt hatte, war er völlig ausgeflippt und schrie ihr entgegen: „Hab ich dich endlich gefunden, du elendige Aufschneiderin!“

Sie ignorierte den Mann völlig und fuhr seelenruhig damit fort, ihre Gäste zu bedienen. Irgendeiner von uns hatte den Mann dann schon geschnappt und nach draußen befördert, was er sich erstaunlich anstandslos gefallen ließ. Er hatte dann noch eine Weile vor der großen Glasfront der Bar gestanden und hineingestarrt und immer wieder dieses eine Wort gebrüllt, was zu hören war, wenn die Tür für einen Moment offen stand, wenn Gäste die Bar verließen oder hineinkamen: „Aufschneiderin! Aufschneiderin!“

Keiner wagte es, sie später darauf anzusprechen. Es gibt Momente im Leben, da weiß man einfach, dass keine Fragen gestellt werden sollten. Und so taten alle den Vorfall ab. „Ein irrer Spinner eben.“, sagte irgendeiner von uns.  Später wurde uns klar, dass wir nur zu wissen glaubten.

Sie lag in der Badewanne, völlig zerfetzt. Ihre Arme, Beine, Oberkörper, einfach alles war übersäht mit unzähligen Schnitten. Nur ihr Gesicht war völlig unversehrt. Die Leichenblässe schien ihre Sommersprossen zu betonen und trotz allem sah sie noch immer unglaublich lieblich aus. Irgendeiner von uns musste schon wieder kotzen und rannte aus dem Badezimmer. Der Rest von uns blieb bei ihr, bis wir vom Kriminaldauerdienst mehr oder weniger gezwungen wurden, den Raum zu verlassen. Bis dahin standen wir einfach nur so da, schauten sie an, schwiegen, dachten nach, versuchten zu verstehen, trauerten. Irgendeiner von uns fing an zu weinen und die anderen taten so, als würden sie es nicht bemerken.

Wochen später erfuhren wir, dass sie sich all diese Wunden selbst zugefügt hatte, ein Mord wurde definitiv ausgeschlossen. Da keine lebenden Verwandten ausfindig gemacht werden konnten, übernahmen wir die Organisation ihrer Beerdigung. Die Ermittler hatten uns danach gefragt und wir hatten ohne viele Überlegungen entschieden, das für sie zu tun. Irgendwie war sie doch eine von uns gewesen.

Erstaunlich viele Menschen kamen zu ihrer Trauerfeier, viele Gäste aus der Bar. Einige waren fast empört darüber, dass ihr Spitzname weder in der Trauerrede genannt wurde, noch dass er nicht wenigstens zusätzlich auf dem provisorischen Holzkreuz für ihr frisches Grab stand. Viele kannten sie ja nur unter diesem Spitznamen. Wir nahmen es ihnen nicht übel. Sie wussten nicht, was wir wussten.

Aber was wussten wir eigentlich? Keiner von uns hat jemals wieder ihren Spitznamen ausgesprochen. Wir alle grübelten über die Zusammenhänge, waren das alles nur Zufälle gewesen? Was war zuerst da gewesen? Der Spitzname oder ihre Affinität zu diesem verdammten Schlagerlied? Was hatte es mit dem älteren Mann auf sich und wieso hat sie genau das getan, was er ihr zugerufen hatte, sich aufgeschnitten?

Irgendeiner von uns ging am nächsten Tag erneut an ihr Grab und traf dort auf genau diesen älteren Herrn, der sie damals betrunken in der Bar als Aufschneiderin beschimpft hatte. Er war gerade dabei einen Trauerkranz abzulegen. Als er irgendeinen von uns entdeckte, beeilte er sich den Friedhof zu verlassen. Der Rest von uns wurde sofort per Rundruf alarmiert und wir fanden uns erneut alle schnell an ihrer letzten Ruhestätte ein. Erschüttert standen wir vor ihrem Grab und konnten nicht fassen, was wir dort sahen. Der ältere Mann hatte einen wunderschönen und beeindruckenden Kranz für sie hinterlassen. Schockiert  waren wir jedoch über den Text, den er auf die Schleife hatte drucken lassen. Irgendeiner von uns las leise vor:

„In ewiger Liebe – Dein Sugar-Daddy“

Uns gefror das Blut in den Adern und irgendeiner von uns verschwand wieder zum Kotzen.

Auch noch heute bitte sehr
liebt ein Sugar-Babe mich sehr
sagt mir Tag und Nacht
wie sehr sie mich braucht.
Sie geht mit mir in die Stadt
wo es nur Klamotten hat
und sie zärtlich mir in die Ohren haucht:

Sugar-Sugar-Daddy
Du bist mein Sugar-Sugar-Daddy
Gell, gell das kaufst du mir?
Sugar-Sugar-Daddy
Mmh, Sugar-Sugar-Daddy
Mmh, dann bleib‘ ich bei dir.

Nur dann bleib‘ ich bei dir.

Irgendeiner von uns, wahrscheinlich derjenige der ihr den Spitznamen als erstes verpasst hatte, verfiel in eine tiefe Depression. Eines Abends wollten wir ihn abholen, rausziehen aus seinem Elend, ihn wieder motivieren, am Leben teilzunehmen. Schon von weitem hörten wir die Musik plärren, die die ganze Straße beschallte. Einige seiner Nachbarn hatten sich bereits vor dem Haus versammelt und warteten dort wahrscheinlich auf die Polizei.

In einiger Entfernung blieben wir stehen und lauschten entsetzt dem Song, der in einer Endlosschleife in unsere Ohren drang. Von dort aus erreichte er ohne Umweg unsere Herzen, die, wenn nicht ohnehin schon gebrochen, mit jedem Takt zu Staub zerfielen.
Wir warteten nicht auf die Ermittler, die würden uns schon finden. Jeden einzelnen von uns. Wir würden alle aussagen, was wir wussten. Und jeder von uns würde abends vor dem Einschlafen als letztes diese verdammte Melodie im Ohr haben, auf immer und ewig würde sie uns verfolgen.

Sugar-Sugar-Baby, oh-oh, Sugar-Sugar-Baby… mmh… sei doch lieb zu mir…

Bis als nächstes einer den Verstand verliert. Irgendeiner von uns.

Sugar-Sugar-Baby…


Ich denke über die vergangenen Monate nach. Irgendeinen von uns… gibt es nicht mehr. Ich bin alleine. Einer nach dem Anderen hat sich verpisst. Alles ist den Bach runtergegangen. Nachdem die Presse von der Selbstmordserie erfahren und es entsprechend ausgeschlachtet hatte und sich alle daran aufgegeilt haben, habe ich die Stadt verlassen. Ich bin einfach in mein Auto gestiegen und los gefahren. Ich schlafe im Auto, lebe von meinem Ersparten. Ziellos fahre ich von Stadt zu Stadt. Irgendwo niederlassen kann ich mich nicht. Überall wimmelt es von ihr, ihr Gesicht ist allgegenwärtig. Selbst die lahme Kassiererin heute trug es. „Sind sie sicher, dass sie das kaufen möchten?“ hatte sie mich mitleidig gefragt. Ich verließ den Laden ohne auf mein Wechselgeld zu warten.

Favorite Classics – Best of fucking Peter Kraus

Ich hatte diese verrückte Idee. Eine einzige silberne Scheibe von etwa 13cm Durchmesser, etwa 1,2mm hoch. Diese soll mein Schicksal sein, sie soll mich richten. Ich lese mir die Titelangaben durch. An erster Stelle natürlich der Hit schlechthin: Sugar Baby…  Mir wird schlecht. Sofort habe ich den Klang dieses verdammten Schlagers im Kopf. Ich habe das Gefühl mein Herz setzt für einen Moment aus. Ich spüre und bin verwundert darüber, dass ein Funken Hoffnung in mir aufkeimt. Will ich doch leben? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Zufallswiedergabe ausgerechnet Song Nummer 1 auswählt?

Denn so ist der Deal, den ich mit mir selbst vereinbart habe. Ich weiß genau über die Schnittführung Bescheid, habe mich schlau gemacht, wie lange es dauern wird, bis ich unwiderruflich verblutet sein würde. Ich werde ansetzen, sobald ich es höre, diese verdammte Lied. Dann werde ich ihnen folgen. Irgendeinem von uns. Ihr. Allen.

Ich lehne mich zurück, versuche ruhig zu werden, konzentriere mich auf meine Atmung. Alles wird gut. Ich drücke die Taste für die Zufallswiedergabe und lausche den ersten Takten meiner Schicksalsmelodie. Mmh… viele dieser alten Rock’n’Roll-Schlager fangen so an…

A One, a Two, a One, Two, Three, Four…



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