Puzzlement

Tick-Tick



Und Regen, der nicht nach Eisen riecht.

Ein Kopf, zwei Arme, zwei Beine, zehn Finger, zehn Zehen plus den verbleibenden Torso. Damit wäre sie erst bei 26. Sie würde noch den Hodensack und den Penis abtrennen. 28. Zwei Ohren. 30. Wie sollte sie bloß auf 37 kommen? Dreißig ginge auch, aber nur wenn sie die Sieben noch irgendwie unterbringen könnte, doch sie hatte keine Idee dafür. Sie könnte noch Augen, Nase und Brustwarzen dazu nehmen, jedoch hatte sie eigentlich nicht vorgehabt das Gesicht derart zu entstellen. Und Brustwarzen waren in dem Sinne ja gar keine Körperteile.

Nachdenklich schaute sie aus dem Fenster. Sie hatten Gewitter angekündigt, aber scheinbar konnte sich das Wetter nicht so recht entscheiden und der Himmel hatte eine ganz eigentümliche Farbe angenommen. Ihr fiel keine Farbe ein, die dazu passend wäre. Konnte es das geben? Eine Farbe, für die es keine Bezeichnung gab? Plötzlich hatte sie das Bedürfnis zu erfahren, wie dieses merkwürdige Wetter riechen würde. Wie immer wenn sie eines dieser spontanen Bedürfnisse überkam, sprang sie sofort auf. Eins, zwei, drei. Dreimal kräftig durchatmen, während sie den Weg von ihrem Schreibtisch zum Fenster abschätze. Es müssten etwa drei bis vier normale Schritte sein. Es wäre sehr leicht die Distanz auf sieben Schritte aufzuteilen. Seit sie sich jedoch einmal mit fatalen Folgen verschätzt hatte, war sie vorsichtig geworden und hatte sich angewöhnt, sich auch bei kurzen Distanzen so gut wie möglich zu konzentrieren.

Schritt Eins.
„Das ist doch die mit dem Tick-Tick!“, hatte sie die kleine pummelige Krankenschwester ihrer fast doppelt so großen und dürren Kollegin zuraunen hören. Die beiden sahen zusammen wirklich zu albern aus.

Schritt Zwei.
„Austherapiert. Ja, ich bedauere, es so sagen zu müssen. Aber sie ist austherapiert. Wir können hier nichts mehr für sie tun.“ Ob der Herr Doktor das wirklich so gesagt hatte, wusste sie nicht. Sie hatte es jedoch so von seinen Lippen gelesen. Eine Fähigkeit, die sie sich mühsam in einem Jahrzehnt antrainiert hatte und die ihr immer wieder zu Gute kam.

Schritt Drei.
„Ich ertrage es einfach nicht mehr! Verstehst du das nicht? Hast du auch nur ansatzweise eine Vorstellung davon, wie es ist mit einer Frau zusammen zu leben, die alles, wirklich alles, drei oder sieben Mal machen muss?“

Schritt Vier.
Sie hatte nicht auf die Uhr geschaut, aber sie war sicher, dass es exakt drei mal sieben Minuten gedauert hatte, bis er seine wichtigsten Sachen in zwei Koffern verstaut hatte. Als sie bemerkte, dass ihm dies offenbar reichte, wäre sie am liebsten in die Kammer gelaufen, um einen dritten Koffer zu holen. Schnell überschlug sie im Kopf die dafür notwendige Schrittzahl. „Stopp!“, schrie er sie an. „Hör auf damit! Ich weiß genau was du da gerade tust und ich sage dir: lass es! Lass es sein!“ Seine Stimme überschlug sich fast dabei und sie erstarrte.

Schritt 5.
Chloroform. Sie hatte alles beisammen, was sie benötigen würde. Nur kein Chloroform. Das müsste sie sich noch besorgen.

Schritt 6.
Er sah so friedlich aus. Er sah so friedlich aus. Er sah so friedlich aus.

Schritt 7.
Das Herz in sieben gleiche Teile schneiden. Bei einen derart unförmigen Organ gar nicht so leicht. Doch es wird schon irgendwie gehen.

Die ersten Tropfen fielen als sie gerade das Fenster erreicht hatte. Sie öffnete es und schloss die Augen. Sie hatte das Geräusch eines beginnenden Schauers schon immer gerne gemocht. Sie lauschte auf jeden einzelnen Tropfen, denn noch konnte sie sie als solche wahrnehmen. Sie wartete bis das Gewitter losbrach, bevor sie dreimal tief und kräftig einatmete. Eisen. Natürlich roch es nicht nach Eisen. Das war nur ihre Phantasie. Es roch einfach nach gar nichts. Sie hoffte, dass sie sich mindestens dreimal drehen würde, bevor sie aufschlug.



 

Advertisements

°Kommentar °Kritik °Anregung... Very Welcome ♥

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s