Puzzlement

Vielleicht. Irgendwann.



Vielleicht wird es irgendwann besser.

„Ich muss neben einem Jungen sitzen, der Hans-Peter heißt! Hans-Peter! Mama! Was stimmt mit denen seinen Eltern nicht?“

Übertrieben ernst und verständnisvoll nickend stimme ich Karli zu, während ich ihr eine große Portion Spaghetti auf den Teller häufe und kichere innerlich über ihre Empörung. Ganz die Mama. „Aber was viel schlimmer ist, Mama… der riecht aus dem Mund! Bäääh!“ Karli schüttelt angewidert den Kopf, ihre dunkelbraunen Löckchen federn im Takt dazu mit. „Mmh… lecker! Extra viel Soße, bittäää!“ fordert sie überdreht ein. Ihr Wunsch ist mir Befehl und ich freue mich über ihr ‚bitte‘ darin. Karli heißt eigentlich Charlotte, aber sie hat es sich ausdrücklich verboten so oder gar ‚Charly‘ genannt zu werden. Mit ‚Karli‘ jedoch ist sie einverstanden. Verstehe einer dieses Kind.

Karli liebt Spaghetti mit Tomatensoße und es war klar, dass sie sich dieses Essen zur Feier des Tages wünschen würde. Ihr Gesicht glüht und ihr Stimmchen ist schon etwas heiser, so viel hat sie bereits zu erzählen gehabt. Die ersten Spritzer Tomatensoße suchen sich ihre neue Heimat in Karlis Gesicht und gesellen sich zu den unzähligen Sommersprossen. Es sind 47, um genau zu sein. Karli hat sie gezählt. „Gehen die wieder weg, Mama?“ fragte sie mich einmal. „Vielleicht irgendwann…“ hatte ich ihr unbestimmt geantwortet.

Ich zähle die Sekunden bis ihr T-Shirt und die Tischdecke ebenfalls vom Tomatensoßenmonster heimgesucht werden. Ich nehme alles in Kauf, mein Kind ist glücklich, was will ich mehr? Der Tag der Einschulung war vollends gelungen und ich beneide sie ein wenig um dieses Erlebnis, denn ich kann mich kaum an meine eigene erinnern. Die wochenlang aufgestaute Anspannung und Vorfreude, die sich heute endlich aus Karli entladen durften, werden mir mit viel Glück außerdem einen ruhigen Abend bescheren und ich rechne fest damit, dass das heutige Gute-Nacht-Ritual entspannter als üblich vonstattengehen wird. Ich habe keinen großen Hunger und spiele Karlis Spiel „Einen Löffel für Mama, einen Löffel für Papa, und… Trommelwirbel bitte… einen Löffel für die wuuunderbaaare Kaaarliii“ bereitwillig mit und lasse mir von ihr den einen oder anderen Happen zu füttern. Dass sie sich selbst als ‚wunderbar‘ bezeichnet, ist so ein Papading, das sie immer wieder gerne zelebriert. Wobei sie unabsichtlich, aber stetig dafür sorgt, dass einer meiner Wunden sich vielleicht niemals richtig schließen wird.

Denn ‚Papa‘ ist nicht da. Ich sehe Tom mehr in unserem Kind, als ich es tatsächlich im richtigen Leben tue. Ich denke an sein herb männliches Gesicht, kantig aber mit diesem gewissen Hauch weiblicher Züge, welche ihn so sinnlich und leidenschaftlich wirken lassen. Diese Züge, die er freundlicherweise auch Karli überlassen hat und unverkennbar ‚sein wuuunderbaaares Mädchen‘ aus ihr machen.

Er fehlt uns oft. „Vielleicht wird es irgendwann besser…“, tröste ich Karli und mich selbst regelmäßig. Ich mache ihm deswegen keine Vorwürfe, er tut was er kann und sorgt dafür, dass wir das Leben leben können, wie wir es tun. Er leidet selbst genug darunter. Heute hat er es wie üblich gerade so geschafft und traf ein, als die standardmäßige Erinnerungsfotografierei losging, so dass Karli ihn später einmal auf jeden Fall in ihrem Fotoalbum wiederfinden würde. „Und das ist mein Papa!“ sehe ich sie mit stolzgeschwellter Brust tönend vor mir. Ich weiß schon, dass ich ihn heute nicht mehr zu Gesicht bekommen werde und habe das schönste Foto von uns dreien bereits ausgedruckt und ihm auf den Nachttisch gelegt. Schon morgen wird es dann in seinem Büro hängen, dessen Pinnwand inzwischen überquellen muss von Familienfotos und ‚Karli-Kunst‘, wie er ihre krakeligen Zeichnungen liebevoll nennt.

Karli tut mir den Gefallen und ich freue mich insgeheim, als sie die Müdigkeit übermannt und ihr schon beim Zähneputzen die Augen fast zufallen. Ich habe höchstens ein paar Absätze aus ihrem aktuellen Lieblingsbuch vorgelesen, als ich schon ihr gleichmäßiges Atmen vernehme und sie ins Karli-Traumland verschwunden ist. Zu faul mich zu bewegen, bleibe ich einfach bei ihr liegen und schließe die Augen.

Ins Traumland wünsche ich mich auch, doch genauso vermeide ich es, wenn irgend möglich. In letzter Zeit war es dort sehr hässlich und ein immer wiederkehrender Albtraum sucht mich heim. An Einzelheiten kann ich mich nie erinnern, die Bilder wabern nur verschwommen vor sich hin oder tauchen blitzartig im Sekundentakt vor mir auf, entweder zu verwaschen oder zu schnell, um sie festzuhalten. Was bleibt, ist stets nur das Ende des Traums, indem ich mich selbst ein altes, schmiedeeisernes Tor öffnen und in einen zauberhaften Garten gehen sehe. Doch mit jedem Schritt legt sich schwer ein dunkler Schatten auf mein Gemüt. Das ist meistens der Moment in dem ich schweißgebadet und glühend aufwache. An diesem Abend ist es anders, der Traum geht plötzlich weiter.


Ich spüre, wie jemand meine Hand ergreift, so vorsichtig und sanft als wäre sie aus sehr dünnem, zerbrechlichem Glas. Ich lasse es geschehen und suche den Menschen, der das tut. Ich schaue in die wissenden Augen meines Bruders der, als er meinen Blick findet, sich ein Herz zu nehmen scheint und meine Hand in seiner kurz drückt. „Ich verstehe dich und deinen Schmerz“, sagt diese Geste, doch ich verstehe ihren Grund dafür nicht. „Welchen Schmerz?“ frage ich ihn stumm und als Antwort geht er einen Schritt zurück, auffordernd ihm zu folgen und mich von ihm aus dem Garten hinausführen zu lassen. Es widerstrebt mir, ohne zu wissen weshalb und ich bleibe stehe. Ich wende mich ab und will weiter in den Garten hineinlaufen, doch sein fester Griff erlaubt es mir nicht. Empört funkele ich ihn an und will mich ihm entziehen. Beharrlich hält er meine Hand in seiner gefangen, sein Blick hält meinem Stand und bedeutet mir, dass er das nicht zulassen wird. Tränen des Zorns schießen mir in die Augen, Erregung presst sich durch meine Kehle, verengt sie, das Atmen schmerzt. Verzweiflung wickelt sich wie ein kaltes Band um mein Herz und scheint es zerquetschen zu wollen. Ich will mich ihm entziehen, mich entreißen, doch mein Körper versagt mir seinen Dienst, lähmt mich und zwingt mich zu verharren. Mein Bruder nimmt meinen Kopf in seine Hände und redet auf mich ein. Ich starre auf seinen Mund und muss an diese seltsamen Scheibenputzerfische im Aquarium denken. Ich höre nichts. Ich versuche ihn besser zu verstehen, lese Worte, die ich nicht hören möchte von seinen Lippen ab. Auf diese Weise wahrgenommen dringen sie wie Nadelstiche in mein Gehirn, nehmen artig Platz und… gehen explosionsartig in Flammen auf.


Warme Hände legen sich auf meine Schultern, drücken sie sanft, dann fester, schütteln mich. Irgendjemand schreit, schreit so laut und hysterisch, dass es mich aus dem Garten katapultiert. „Wach auf, Kleines, wach auf!“ Ich schrecke hoch und kehre aus dem Traum zurück. Ich schnappe nach Luft und schaue in die vertrauten und besorgten Augen meines Bruders. „Schscht… Beruhige dich. Du hast wieder geträumt“, sagt er mit rauer Stimme. Ich bin zu verwirrt und zu kraftlos um mich zu wehren, als er mich hochzieht, mich stützend langsam aus Karlis Zimmer führt und ins Wohnzimmer bringt. Erschöpft lasse ich mich auf die Couch fallen und nehme dankbar das Glas Wasser an, was er mir reicht. „Besser?“, fragt er leise und ich nicke stumm. Minutenlang sitzen wir schweigend da und ich lausche dem abklingenden Rauschen in meinen Kopf. Es wird abgelöst durch ein Flirren, was ich noch nicht so recht einordnen kann. Aber es ist da, es flimmert immer deutlicher zwischen mir und meinem Bruder hin und her. Ratlos suche ich seinen Blick. „Hör zu“, beginnt er zu sprechen. „Ich denke… Ich… denke… es ist an der Zeit etwas zu verändern. Meinst du nicht auch?“ Fragend starre ich ihn an. Er räuspert sich und fährt fort: „Karlis Zimmer…“.

Manchmal sind es nur zwei Worte, die die Welt aus den Angeln hebt. Ich lasse ihn nicht aussprechen, sondern springe auf und laufe durch den Flur. Vor dem Schild „Kein Zutritt für Erwachsene! (Außer Papa!)“ auf Karlis Zimmertür halte ich kurz inne und versuche meinen hektischen Atemimpuls unter Kontrolle zu bekommen. Ich möchte Karli nicht erschrecken und ihr keine Angst machen. Sie soll mich nicht so aufgelöst sehen.

Karli hat keine Angst. Nicht mehr. Ich weiß es in dem Moment, als ich die Tür langsam öffne und von Erkenntnis erschlagen auf ihr verlassenes Prinzessinnenhimmelbett starre. Ein eisiger Windstoß weht das kalte Band in meine Richtung. Seltsam souverän fange ich es auf und weiß, dass es nicht das erste Mal ist, dass ich das tue. Ich weiß jetzt exakt, wohin meine nächsten Schritte mich führen werden. Ich gehe sie. Im Schlafzimmer angekommen lasse ich mich auf Toms Seite des Bettes nieder. Die Seite, die seit einem Jahr so leer und kalt wie mein Herz geblieben ist. Ich nehme das Foto von seinem Nachttisch und starre minutenlang diese zwei wunderbaren Augenpaare an, in die ich niemals mehr leibhaftig blicken werde. Als ich höre wie der Teufel den Film einlegt, halte ich das Foto an meine Brust. Ich muss es vor meinen Tränen schützen. Schlag auf Schlag fallen die Bilder der Erinnerung auf mich herab.


Karli und ihre riesige Schultüte. Tom, der es nicht lassen konnte und ihr die größte und schönste besorgt hatte. Karli und ihre vor Aufregung rotglühenden Wangen. Tom, der vor Stolz fast platzte. Die Tanten und Onkel und Omas und Opas. Alle so glücklich. Ich so glücklich. Karli kuschelnd auf meinen Schoß sitzend und dabei „Vergiss nicht, heute ist mein Leibgerichttag“, in mein Ohr glucksend. Tom, mich umarmend, zufrieden drückend und mir einen liebevollen Kuss aufhauchend. Karli und Tom. Fröhlich lachend und winkend im Auto davonfahrend. Das Klingeln an der Haustür und mein nicht ernstgemeinter Ärger darüber, dass beide mal wieder zu bequem sind, selbst aufzuschließen. Tom, lieber jede Minute mit seiner Tochter genießend. Karli, freudestrahlend und beglückt. Die ernsten Gesichter der Polizisten. Todernst. Das Auto. Zermalmt. Zwei Körper. Zerquetscht. Zermahlen. Zu Staub. Asche, die der Wind ein letztes Mal gemeinsam über das Meer jagt. Ich presse das Foto fest an mein stolperndes Herz, es schenkt ihm ein wenig Wärme. Und Heilung. Vielleicht. Irgendwann.



 

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