ODD

Wunschkonzert



Wenn es knistert… wünsch‘ dir NIX

„Pass auf, was du dir wünschst. Es könnte in Erfüllung gehen.“

Wer kannte ihn nicht, diesen ach so weisen Spruch? Und wer kapierte ihn eigentlich und tat ihn nicht als Floskel ab? Nun, ich jedenfalls fand den Spruch unglaublich abgedroschen und dämlich, mich dafür aber für besonders schlau. Und wurde eines Besseren belehrt. Mir ist passiert, was mir niemals ein Mensch glauben wird. Sie ist mir tatsächlich begegnet und leierte ihr Sprüchlein runter: „Ich bin eine gute Fee und du hast drei Wünsche frei.“

BÄM!

Ihre Erscheinung wurde begleitet von einer Art Knistern, welches mich auf einmal umgab. Ich hörte und spürte es zugleich, die Umgebung und Menschen um mich herum verblassten und waren schließlich nicht mehr als vernebelte Randerscheinungen. Und dann war sie plötzlich einfach da. Sie war bildhübsch und hatte eine wunderbar sanfte Stimme. Verdammt, sie roch sogar unfassbar gut. Dieses hinterlistige Biest!

An die Erfüllung der drei Wünsche war nur eine einzige Bedingung geknüpft: sie selbst, die gute Fee, würde zwischen all meinen Wünschen auswählen, welche diese drei sein sollten. Mir passte das überhaupt nicht in den Kram, ich mochte es nicht sehr, bevormundet zu werden. Aber dennoch ging ich auf den Deal ein, bei meinen zahlreichen Wünschen würde schon etwas Lohnendes für mich dabei herausspringen. Scheinbar konnte die Fee meine Gedanken lesen oder erriet sie zumindest und sagte in ihrem lieblichen Singsang zu mir: „Du hast tatsächlich dein Leben lang keine schlechten Wünsche für dich selbst geäußert, die meisten sind sehr gut nachvollziehbar. Nur manche sind, sagen wir mal, etwas verwunderlich. Fangen wir doch mit einem solchen an!“

Moment mal, Moment mal! Mein Leben lang? Was hatte das nun zu bedeuten? Als Kind hatte ich mir ein Pony gewünscht, was sollte ich jetzt damit? Ich bin inzwischen allergisch gegen diese Viecher! Oder was hätte ich heute davon, wenn meiner damals wirklich widerlichen Grundschullehrerin der fette Wanst platzen würde? Ich geriet in Panik und sah mich gedanklich schon im Pfefferkuchenhaus sitzen, natürlich ohne böse Hexe, aber das hatte ich mir unter anderem auch gewünscht. Und inzwischen kam ich auch recht gut mit meinem Ex klar! So gut, dass ich ihm wirklich keinen Knoten mehr in den Schwanz wünschen würde. Zumal ich ab und zu noch Gebrauch davon machte. Aber das war eine andere Geschichte.

Es kam viel schlimmer.

Wir saßen wie üblich an einem Donnerstagabend in unserer Lieblingskneipe und sinnierten über das Leben, die Liebe und frönten dem Alkohol. Wir tranken viel, lachten abartig albern herum und sprachen über alles Mögliche. Auch über Freunde von uns, die an diesem Abend nicht dabei waren. Wir lästerten also. Wie üblich. Besonders gerne über Susi und Strolch. So nannten wir ein befreundetes Pärchen hinter ihrem Rücken, weil sie sich genauso liebestaumelig benahmen und ja ach so glücklich waren. Susi nervte uns gerne mit ihren ausschweifenden Erzählungen über Alltäglichkeiten und Strolch… naja, niemand verstand so recht, was er an ihr fand. An diesem Abend hatten sie uns abgesagt, weil sie „mal wieder etwas zu zweit“ machen wollten, also „so richtig schick essen gehen und anschließend vielleicht noch ins Kino… oder auch direkt nach Hause… zwinkerzwinker, ihr wisst schon…“
Wir waren uns selbstverständlich darüber einig, dass das alles nur Show war und hinter geschlossenen Türen, die Sache schon ganz anders aussehen würde. Und ich setzte natürlich noch einen drauf und tönte: „Ach, ich wünschte mir, dass ich einmal Mäuschen bei Susi und Strolch sein könnte!“

BINGO!

Ja, ich hatte es mir gewünscht und ja, ich meinte es in diesem Moment auch so. Ich konnte mir nichts Interessanteres vorstellen, als bei Susi und Strolch hinter den Kulissen herumzuschnüffeln, sie zu enttarnen, bloß zu stellen und mich köstlich darüber zu amüsieren. Ich verfluchte mich dafür und genauso fühlte ich mich auch.

Die Perspektive einer Maus ist echt beschissen, das war das erste, was ich feststellte. Ich habe viel gehört, aber nicht genauso viel gesehen. Gut, in manchen Situationen war das sicher auch das Beste für alle Beteiligten. Und es war nicht ungefährlich als Maus in einem Haushalt zu leben, in dem eine sonst angeblich so tierliebe Susi ihr Unwesen trieb. Ständig schrie sie hysterisch los und rannte wie ein kopfloses Huhn durch die Wohnung, sobald sie mich erblickte. Lächerlich. Ach ja, apropos „rannte“. Ich bin noch nie in meinem ganzen Leben so viel gerannt, wie in meinem Leben als Maus. Einmal wünschte ich mir, Rollerblades zu haben, aber dann bräuchte ich ja sogar vier davon. Zu spät bemerkte ich meinen Fehler und erstarrte. Aber es geschah nichts, kein Verblassen der Umgebung, kein Knistern, und ich notierte mir innerlich, ab sofort vorsichtiger mit solchen Wunschäußerungen zu sein.

Gut gut, was hat es mir also eingebracht „einmal Mäuschen bei Susi und Strolch zu sein“? Ich habe eine Menge unangenehmer Dinge zu sehen bekommen. Strolch zeitungslesend auf dem Klo, abwurstend und nasebohrend zugleich, war noch eines der harmloseren Vorkommnisse. Erstaunt war ich über die unglaubliche Energie, die Susi beim Masturbieren an den Tag legte und sie muss das richtig gut drauf haben. Gesehen hatte ich es ja nicht, aber das Jubelkonzert, welches sie dabei zum Besten gab, sprach Bände. Und das obwohl Strolch sie wirklich regelmäßig bestieg und das auch noch mit allem Drum und Dran.

Überhaupt… Obwohl die beiden schon ein paar Jahre zusammen waren, gingen sie wirklich sehr liebevoll miteinander um. Es war so harmonisch zwischen den beiden, dass ich anfing mich zu schämen. Aha. Darum ging es also? Mir sollte eine Lektion erteilt werden? Ja, schon gut, ich hatte es kapiert. Es gab sie. Diese „wirklich glücklichen Paare, bei denen einfach alles stimmt“… kein Grund, sich darüber lustig zu machen… das ist der Neid der Besitzlosen… blablabla, ist klar. Ja, verdammt, die beiden liebten sich abgöttisch, gingen ziemlich respektvoll miteinander um, Meinungsunstimmigkeiten wurden voll erwachsen in neutralem Tonfall ausdiskutiert. Ich persönlich fand das stinkendlangweilig, aber meine Güte… die sind happy miteinander, also AUS-DIE-MAUS!! Könnte ich jetzt bitte unverzüglich hier weg?

Die Katze nervte, war aber zu alt und zu fett, um eine Chance gegen mich zu haben. Aber dann hatte Susi Mäusefallen aufgestellt… DAS wurde hier jetzt echt gefährlich für mich! Gut, immerhin Lebendfallen, aber was brachte mir das, wenn sie mich mit spitzen Fingern und gerümpfter Nase „liebevoll im Garten aussetzen“ würde? So machte sie das nämlich, ich habe es beobachtet. Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass noch eine weitere Maus in der Wohnung lebte. Schade eigentlich, dass wir uns verpasst hatten. Wäre vielleicht mal interessant gewesen, sich auf Augenhöhe mit einer echten Maus zu unterhalten. Hau rein, Kumpel.

Mir wurde dann bald richtig langweilig. Irgendwann hatte ich alles schon gesehen, alles schon gehört und das Essen wurde immer fader. Als Maus schmeckte mir das Trockenfutter von der Katze gar nicht so schlecht, aber es war natürlich schon ein gewisses Risiko, immer mal wieder ein paar Brocken davon zu stibitzen. Ich legte mir dann zwar irgendwann ein Lager unter der Spüle an, aber es hing mir doch sehr zum Hals raus.
Was ich eigentlich machen wollte, tat ich nicht: mir wünschen, dass die gute Fee mich dort rausholt. Ich hatte keine Ahnung, wann sie gedachte das zu tun. Oder sollte ich so enden? Als unerwünschte Hausmaus bei Susi und Strolch? Wie hoch war eigentlich die Lebenserwartung von Mäusen? Was würde aus meinen anderen beiden freien Wünschen werden?

Abgesehen davon war ich auch einsam. Ich wurde stinkig und hinterließ an allen möglichen Stellen meine Knödel und biss alles an, was mir vor die Mäusenase kam. Einfach so, aus Protest. Als ich es kaum noch aushielt und wirklich sehr verzweifelt war, versuchte ich Nachrichten an Susi und Strolch zu knödeln, vielleicht konnten sie mir helfen. Aber ich schaffte, wenn überhaupt, nur einen halben Buchstaben und den haben die beiden leider nicht als solchen erkannt. Den Versuch ein S.O.S. zu kacken habe ich dann also bald aufgegeben.

Aus purer Verzweiflung betete ich die gute Fee an: „Liebe gute Fee! Ich habe meine Lektion gelernt, echt jetzt! Es wäre wirklich schön, wenn du mich hier nun wieder herausholen und mir mein altes Leben zurückgeben könntest. Das wäre mein sehnlichster Wun… ähm, ich meine… meine innigste Wunschvorstellung, also KEIN WUNSCH jetzt, ehrlich nicht! Nur wenn ich mir vielleicht vorstellen dürfte, was man sich eventuell, unter Umständen, gegebenenfalls wünschen KÖNNTE, dann wäre es das… Holst du mich heim?“ Ich winselte mit meiner Fiepsmausstimme: „Bitte…?“

Sie ließ mich sehr lange zappeln, gefühlte Jahre, aber erhörte mich dann doch nach ein paar Tagen. Irgendwann schlief ich wie üblich in meinem Lager aus alten Putzlumpen unter der Spüle ein und erwachte… in meinem eigenen Bett! Ich sprang auf und lief in den Flur zu dem großen Ganzkörperspiegel und sah: mich! Als Mensch, alles ganz normal… puuh…

Was ein krasser Traum! Und so intensiv! Wahnsinn. Ich beruhigte mich und fing an zu kichern. Es hatte sich so real angefühlt. Real schmeckte auch meine morgendliche Mundflora, als hätte ich mir wochenlang die Zähne nicht geputzt, pfui! Während ich mir die Zähne putzte und duschte, dachte ich darüber nach, dass ich tatsächlich etwas aus diesem intensiven Traum gelernt haben könnte.

Aber mein Leben ging dann doch weiter wie bisher und schon bald hatte ich meinen abenteuerlichen Traum vergessen. Es war wieder Donnerstag und wir läuteten wie üblich den Feierabend mit ein paar Drinks in unserer Stammkneipe ein. Susi und Strolch waren auch da. Ich erinnerte mich schlagartig an meinen Traum und war ungewöhnlich genervt, die beiden zu sehen. Es fühlte sich tatsächlich so an, als hätte ich wochenlang Zeit mit ihnen verbracht und ich verspürte den unwiderstehlichen Drang nach einer „Susi-und-Strolch-Pause“, ich hatte ihre Stimmen und ihr Geschwafel satt. Ich dachte mir nichts dabei und wendete mich einfach anderen Freunden aus unserer Truppe zu.

Merkwürdig war, dass ich, obwohl ich zwei Tische entfernt von Susi und Strolch saß, jedes Wort verstand, was die beiden sagten. Ich konnte sie einfach nicht ausblenden und mich nicht auf die Gespräche an meinem Tisch konzentrieren. Ich spitzte dann sogar richtig die Ohren als irgendjemand die beiden fragte: „Ach sagt mal, habt ihr die eigentlich dieses Mäuseproblem noch?“

Als Susi antwortete nahm ich ihre Worte nur noch am Rande wahr. Da war etwas, was mich ablenkte, mir wurde heiß und kalt zugleich. Sie sagte: „Ja, was ein Glück! Eine Maus konnte ich mit einer Lebendfalle einfangen, ich habe sie dann draußen im Garten ausgesetzt. Und das zweite Vieh… Stellt euch vor, das war wahrscheinlich gar keine Maus gewesen! Und zwar war das so…“

Oh bitte, bitte nicht! Ich wünschte, die Erde würde sich auftun und sie für immer und ewig verschlingen… Der Rest ihrer Worte wurde von einem Knistern übertönt und ich fühlte mich auf einmal so, als ob ich einen Rausch hätte. Hin und wieder drangen noch ein paar Wortfetzen und Gelächter zu mir durch: „Alles angefressen… Knödel… viel zu groß… keine Maus… wir glauben… also wirklich… sag doch mal, Schatz… … RATTE! …“

Ein süßer Duft stieg mir in die Nase und als ich die Zusammenhänge realisierte, war ich sicher, dem Wahnsinn verfallen zu sein. Da war sie auch schon wieder da und säuselte mir ins Ohr:

„Na, wie sieht‘s aus? Bereit für Wunsch Nummer Zwei?“



 

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