Inside-Out

F.R.A.N. I

Fran.

Niemand vermochte später noch sagen zu können, von was dieser Kosename abgeleitet worden war. Die einen sagten so [Francis], andere so [Franziska]. Manche spekulierten darüber, dass es vielleicht so etwas wie eine Abkürzung gewesen sei. F.R.A.N. Fantastisch. Fett. Fatal. Rebellisch. Radioaktiv. Radikal. Archaisch. Abartig. Atemberaubend. Nicht normal. Namenlos. Nicht von dieser Welt.

Letztendlich war es gleich. Sie war klassisch. Sie kam. Sie sah. Sie handelte. Und wir siegten. Sie hat uns alle befreit. Natürlich: keiner wusste, woher sie kam, keiner wusste, wohin sie gegangen ist. Sie verschwand und hinterließ ein Meer, indem wir fortan täglich badeten. Es wurde eine Sucht, in ihren Hinterlassenschaften zu schwelgen.

Noch heute streiten wir darüber, wie sie ausgesehen hatte. Für die einen war sie eine rassige Schönheit mit langem, gewelltem, schwarzem Haar. Andere haben sie als kokette Blondine in Erinnerung. Manche behaupten sogar steif und fest, sie sei ein Mann gewesen. Es dauerte lange bis wir begriffen, dass sogar diese Differenzen uns vereinigten. Erneut hatten wir etwas gemeinsam. Ein Bild, so unterschiedlich es auch sein mochte.

Fran.

Sie stahl unsere Herzen, bearbeitete unsere Gehirne und stieg in die Abgründe unserer Seelen. Sie trennte uns, nur um uns zusammenzuführen. Einige sagen, sie war allgegenwärtig. Für andere war sie sogar übermächtig. Für die meisten jedoch war sie einfach nur da.

Sie brach uns und setzte uns wieder zusammen. Sie zerrte unsere Schwächen ans Tageslicht, hielt sie uns lachend unter die Nasen und verschwand damit. In der Nacht hörten wir sie kichernd daran herumwerkeln, während wir bloßgestellt unsere Wunden leckten. Wir waren nackt und froren. Wir weinten und wollten nur noch schlafen bis wir sterben. Doch kurz bevor das geschah, kam sie zurück, unsere Schwächen, die keine mehr waren, in ihren Händen. Sie hatte sie manipuliert und für uns umgestaltet. Sie öffnete uns die Augen, bis wir unsere Stärken darin erkannten.

So tat sie es immer. Erst infizierte sie uns. Dann heilte sie uns. Sie füllte uns wieder auf. Manchmal übertrieb sie es und wir liefen über. Und dennoch ging nichts verloren. So dachten wir. So fühlten wir. Sie wusste es besser.

Sie war der glühende Aschefunken und das Feuer selbst, was ihn entfachte. Wir schauten in ihr Licht und folgten ihr mit den Augen, wie sie glitzernd und funkelnd in den Nachthimmel verschwand. Wir alle wollten ihr folgen und verharrten doch regungslos. Wir wollten sie haben, doch keiner wollte sie besitzen. Wir ließen einfach zu, dass sie geschah.

Fran.

Wenn uns heute einer nach ihr fragt, werden unsere Blicke glasig und unsere Schultern schwer. Wir können nicht sagen, wie das damals war. Wir können keine Geschichten über sie erzählen. Wir alle fühlen sie, doch wir können sie nicht beschreiben. Der Zweifel steht uns im Gesicht geschrieben. Ihre Existenz verblasst mit jeder Frage nach ihr. Und irgendwann wird sie gestorben sein. Jeder, der damals dabei gewesen ist, wird einen Teil von ihr mit in sein Grab nehmen. Die, die nach uns kommen, werden nicht von ihr berichten können. Sie werden sie nie gespürt haben. Sie wird ihnen im Herzen fehlen, ihr Wissen wird ihre Gehirne nie erreichen, ihre Seelen bleiben taub.

Fran.

Wir waren die Einzigen und werden die Letzten sein, die sie berührte. Wir fühlten ihre Last, die uns erleichterte. Wir spürten unser Innerstes und trugen es nach Außen. Wir spielten um unser Leben, weil sie uns wissen ließ, dass sie uns gewinnen lassen würde. Wie soll man das einem Außenstehenden erklären. Alles was sie tat, alles was sie war, steht in den Geschichtsbüchern unserer Fantasie.


 

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