DreiNeunEins/KindOfSoulMates/Puzzlement

Weit-Weg-Sein

Manchmal, wenn ich mich einsam fühle, verschwinde ich im Wald. Dann, wenn sich dieses Manchmal wie ein ganzes Leben anfühlt.


Lange Zeit war ich mir der Gefahren nicht bewusst. Ich ahnte nichts von den Tieren im Unterholz. Nachdem eins nach dem anderen über mich hergefallen und ich ihnen unmöglich nah gekommen war, ging ich nur noch wegen ihnen dorthin. Ich leckte Blut und verschenkte mein eigenes, während ich mich ihnen gierig zum Fraß vorwarf. Ich lockte, kokettierte, provozierte. Sehnsüchte mussten gestillt und Hoffnungen erfüllt werden. Ich schöpfte aus dem Vollen, um Leere zu füllen.

Solange bis ich begriff, dass ich wie ein Fass ohne Boden bin.

Heute beeindrucken mich diese Kreaturen nicht mehr. Nach und nach überließ ich ihnen alle meine Waffen, ergab mich, bot ihnen an, mich auf der Stelle kalt zu machen. Seltsamerweise entpuppten sich die meisten wilden Tiere als erstaunlich harmlose Zeitgenossen. Einige zogen die Schwänze ein, manche legten ihre schmutzigen Pranken auf mein Herz, nickten, vermeintlich verständnisvoll, und trollten sich dann. Andere begleiteten mich ein Stück und bis heute glaube ich hin und wieder ihre Blicke in meinem Rücken zu spüren. Sie sind da, beobachten mich, manche passen vielleicht auf mich auf.

Nie verließ ich den Wald auf demselben Weg. Oft verlief ich mich, irrte eine gefühlte Ewigkeit umher und sah sprichwörtlich den Wald vor lauter Bäumen nicht. Doch ich fand immer wieder hinaus.

Und stets ließ ich das Herz zurück.

Ich wusste nichts damit anzufangen. Rein gar nichts war es mir wert. Und doch ließ es mir keine Ruhe und es trieb mich in den Wald zurück. Dort las ich es wieder auf, schüttete es aus und suchte erneut einen Ausweg aus dem Wald. Eines Tages fand ich das Herz nicht mehr an der Stelle, wo ich es zurückgelassen hatte. Herzlos ging ich auf die Suche, obwohl ich insgeheim begrüßte, dass mir eine Entscheidung abgenommen wurde. Wahllos folgte ich irgendwelchen Spuren, die ich zu erkennen glaubte. Außergewöhnliche Unruhe überkam mich und sie kroch genau in diese wundgescheuerte Höhle, wo sonst das Herz herumlungerte. Wieder hatte ich mich verirrt. Es dämmerte bereits und ich hatte keinen Ausweg gefunden.

Ich ahnte, dass ich nicht alleine bin. Trotzdem traf ich keine Menschenseele in diesem Wald.


Ich bin so viele. Vielleicht alle. Wir müssen mit beiden Welten klarkommen. Die, in der wir leben und in welcher unsere Körper zu Kadavern werden. Und diese bizarre, andere Welt, die wir Kraft unserer Gedanken und Phantasien in uns erschaffen. In ihr können wir alles sein und unendlich fühlen. Wir überschreiten Grenzen und überwinden Kilometer. Nichts und Niemand trennt uns ab, von dem was wir begehren. Unsere Wünsche und Träume werden dort nicht wahr, aber wir leben sie trotzdem aus. Gegen jede Regel, gegen alle Konventionen, jenseits aller gängigen Moralvorstellungen. Gefühle werden frei gelassen. Sie passieren uns und keiner stellt sie in Frage. Wir fragen hier nicht nach einem Kodex. Wir sind der Kodex. Ich werde es sein.


Ich war überrascht, als ich einen Waldarbeiter entdeckte. Ganz entspannt saß er am Ufer meines Sees, den ich angelegt und immer wieder gefüllt hatte. Ein hässliches Entlein schwamm vorwitzig darauf und der Fremde schien es mit Brot zu füttern. Eine sonderbare Stimmung lag auf dieser ganzen Szenerie. Ich lachte, als ich in der Ferne einen Wal in meinem See entdeckte, der gerade eine gewaltige Fontäne ausblies. Der Anblick befreite mich, obwohl ich nicht wusste von was.

Der Fremde wirkte merkwürdig vertraut auf mich. Er beachtete mich nicht ausdrücklich, schien aber nichts dagegen zu haben, dass ich mich neben ihn setzte. Schweigend saßen wir eine Weile einfach so da, aber ich beobachtete ihn von der Seite. Hin und wieder zog er eine bezaubernde Schnute oder runzelte ernsthaft die Stirn. Ich fragte mich nicht, was in seinem Kopf vorging. Ich verstand es und er nickte.

Plötzlich wandte er sich ab und begann in einer Tasche zu wühlen, die ich vorher nicht bemerkt hatte. Unterdessen beobachtete ich die Ente und den Wal und es kam mir so vor, als würde ich schon ewig mit diesem Fremden dort sitzen. Ein Schauer von Zufriedenheit ließ mich vergessen, weshalb ich hier war. Alles wirkte seltsam absurd und zugleich angenehm selbstverständlich. Es war keineswegs überraschend, dass ein weißer Hase vorbeilief und den Fremden herzlich grüßte, als ob sie alte Freunde wären. Der Fremde wühlte noch immer herum und ich musste grinsend an meine eigene Handtasche denken, in der ich auch nie fand, was ich suchte. Und an den Wald. Kein großer Unterschied offenbar.

Ich zuckte zusammen als der Fremde mir plötzlich eine Schüssel unter die Nase hielt und das Wort an mich richtete: „Tomaten?“ Völlig perplex starrte ich ihn an. „Sind lecker! Solltest du unbedingstens probieren!“

Wahrscheinlich schüttelte ich mit dem Kopf, denn schon zog er seine Hand mit der Schüssel wieder zurück und zuckte mit den Schultern. „Ich lasse sie hier stehen, bediene dich, wenn du soweit bist.“

Ich weiß nicht, wie lange wir dort saßen. Wir sprachen kein Wort und dennoch war es eine Unterhaltung, wie ich sie selten führte. Vielleicht auch noch nie. Ich weiß nicht wann sie anfing und wie sie endete. Sie erregte mich, sie erschöpfte mich, sie berührte mich. Irgendwann muss ich eingeschlafen sein. Ich wachte auf, weil mich irgendetwas im Gesicht kitzelte. Ich erschrak fürchterlich, als ich meine Augen öffnete und dieses Vieh über mir entdeckte. Schmatzend und heftig atmend schnüffelte es an mir herum und ich bin ganz sicher, dass es mir zuzwinkerte. Ich schloss für einen Moment die Augen. Das konnte nicht wahr sein. Als ich sie wieder öffnete, war das Nilpferd verschwunden.

Dafür fand ich mich selbst in eine kuschelig weiche Decke eingewickelt vor. Geräusche drangen an mein Ohr. Sie kamen mir zwar bekannt vor, in meinem Wald aber hatte ich sie noch nie auf diese Weise wahrgenommen. Der Waldarbeiter. Ich sah ihn nicht, aber ich hörte ihn und das gefiel mir. Er war da, irgendwo da draußen, und ich spürte, wie gut mir allein dieses Wissen tat.

Plötzlich watschelte der weiße Hase auf mich zu. Er begrüßte mich freundlich mit einem „Guten Morgen, Madame!“ und begann, wie am Abend zuvor der Fremde, in einer Tasche zu wühlen. „Tataaa!“ rief er triumphierend, als er fand, was er gesucht hatte. Er reichte mir ein zusammengefaltetes Blatt Papier. „Bitte sehr! Mit besten Grüßen von Du-weißt-schon-wer.“ Dann war er mit einem Satz verschwunden. Ja, ich-wusste-schon-wer und ich musste das Blatt nicht auseinanderfalten, um zu wissen, welche Nachricht mir der Fremde hinterlassen haben würde. Aus der Ferne lauschte ich seiner Melodie. Musik in meinen Ohren. Sie drang tief in mich ein und schien nicht aufzuhören, mich zu berühren. Sie übertönte den Klang meiner Unruhe. Ich grinste, als ich bemerkte, dass sie im Takt eines Herzschlags erklang. Es war ein Goldstück.


 DT WALD

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