ODD

Mehr Meermenschen



Sie kommen aus dem Meer.

„Bis heute weiß keiner, wann und wo genau sie herkommen. Es gibt kein Schema, man kann sie nicht erwarten. Man weiß nur, dass sie immer aus dem Meer kommen, obgleich das bisher nie bewiesen wurde. Sie kommen bei Vollmond in sternklaren Nächten. Sie kommen am Tag inmitten überfüllter Touristenstrände oder aus versteckten Buchten, an denen einsame Fischer ihr Glück versuchen. Sie sind immer nackt und verschleimt, doch niemals nimmt auch nur ein Mensch sie wahr. Unbemerkt werden sie angespült, befreien sich aus ihrem Kokon und machen sich sogleich auf den Weg zu ihrem Ziel, das immer genau so weit entfernt ist, dass sie es zur exakt richtigen Zeit erreichen“.

So oder so ähnlich begannen alle Geschichten, die er mir erzählte. Immer handelten sie von den Meermenschen, von deren Existenz er vollkommen überzeugt war. Er erzählte mir von ihnen in unzähligen Variationen. Meistens hatte er mich davor sehr lange angeschaut. Ganz ruhig und sehr aufmerksam und in sich ruhend hörte er sich meine Klagen, Sorgen und Nöte an. Dann zwinkerte er mir zu, beugte sich vor, nahm meine Hand in seine und begann zu erzählen: „Sie kommen aus dem Meer…“

„Die Meermenschen sind unter uns. Sie kommen, um uns zu helfen. Sie sind so etwas wie Platzhalter für Menschen, die eine Auszeit vom Leben benötigen. Und sie gehen wieder, wenn der Mensch sich gefangen hat. Manche Menschen wollen nicht mehr zurückkehren. Dann sterben die Meermenschen einen Tod der vorgesehen war und damit unwiderruflich besiegelt ist.“

Er erzählte mir von dem Investmentbanker, der hoch verschuldet nicht mehr ein noch aus wusste. Von dem berühmten Schauspieler, der den plötzlichen Ruhm nicht verkraftet hatte. Von der Bordsteinschwalbe, die den Sinn ihres Seins nicht mehr verstand. Und er erzählte von dem kleinen leukämiekranken Mädchen, deren Lebenswille noch nicht so ausgeprägt war, dass es Hilfe benötigte, um die richtige Entscheidung treffen zu können.

Sie alle wurden durch die Meermenschen ersetzt, damit sie Zeit hatten, sich wiederzufinden. Er erklärte mir, dass die Meermenschen die Körper mit den Menschen tauschen, deren Geist und Seele noch zu schwach oder bereits zu ausgebrannt sind.

„Die Menschen die fortgehen und durch Meermenschen ersetzt werden, haben alle Zeit der Welt, die sie benötigen. Nicht alle nutzen sie, aber die Entscheidung über ihre Rückkehr liegt ganz bei ihnen selbst. Die Zeit spielt überhaupt keine Rolle in der Zwischenwelt der Meermenschen. Das kranke Mädchen war ganze sieben Jahre fort, doch als sie zurückkehrte, war sie noch immer das kleine Mädchen, vielleicht nur den einen oder anderen Tag älter. Doch nur mit dem Wissen, welches sie in ihrer Abwesenheit erworben hatte, konnte sie das Leben lieben lernen und den Kampf gegen ihre Krankheit bestreiten. Man muss die Meermenschen nicht rufen. Ob sie kommen oder nicht, hat der Mensch ganz alleine entschieden.“

Er wurde nicht müde, mir von den Meermenschen zu berichten. Immer wieder hatte er die passende Geschichte parat, die zu meiner Lebenssituation passte. Er erzählte sie mir wie Gleichnisse, solange und beharrlich bis ich etwas begriffen hatte, von dem ich mir oft gar nicht bewusst war, dass ich es bis dahin nicht verstanden hatte.

Nur eine Sache, die hatte er mir nie erzählt, sondern stattdessen wohlweislich verschwiegen. Ich musste es selbst herausfinden, nachdem er gestorben war und ich mich ein letztes Mal von ihm verabschiedete.
Ich stand an seinem offenen Sarg. Selbst im Tod sah er weise und friedlich aus. Mein Herz schmerzte und schien zu zerspringen vor Trauer und Wut, dass er gegangen war. Nie wieder würde er mir eine Geschichte von den Meermenschen erzählen. Nie wieder würde ich wie gebannt an seinen Lippen hängen und mich an meinen Erkenntnissen erfreuen oder wie manches Mal unter ihrer Last zunächst zusammenbrechen. Ich haderte so sehr mit dem verdammten Leben, dass ich mir wünschte, ein Meermensch würde kommen und mich ersetzen.

Ein letztes Mal nahm ich seine Hand in meine und erschrak, dass sie nicht so kalt war, wie ich erwartet hatte. Sie war stattdessen warm und… tröstend? Fast hatte ich das Gefühl, er würde zärtlich meine Hand drücken. So wie er es immer getan hatte, wenn er wieder einmal eine Geschichte der Meermenschen zu erzählen begann. Und da hörte ich seine Stimme.

„Liebes, das letzte Geheimnis der Meermenschen habe ich dir bis heute nicht offenbaren können. Es gab keinen Anlass dazu und du wärst ohnehin nicht bereit gewesen, sie anzunehmen. Nicht alle, die aus dem Meer angespült werden, kommen um einen Menschen zu ersetzen. Manche sind auch einfach nur so da. Sie kommen, lassen sich nieder und begleiten einige Menschen für eine Weile. Es sind Menschen, die innerlich zu stark und zu schwach zugleich sind. Menschen, die der Existenz der Meermenschen keinen Glauben schenken können, weil sie zu fest in ihrem Leben verankert sind. Sie sind zu gefestigt und stark auf der einen Seite, sie glauben keine Hilfe zu benötigen. Andererseits sind sie zu schwach um zuzugeben, dass genau das der Fall ist. Sie sind bisweilen nicht einmal in der Lage zu erkennen, wer sie selbst sind. Andere verleugnen schlichtweg alles, was sie nicht mit eigenen Augen gesehen und eigenen Ohren gehört haben. Auch du wirst in diesem Moment an dir zweifeln. Du wirst dich umschauen und dich fragen, ob auch die anderen Trauergäste hören, was du nun zu hören glaubst. Ihre Reaktionen zeigen dir, dass sie nicht wahrnehmen, dass ich zu dir spreche. Und das ist gut so, denn die Menschen könnten es nicht verkraften. Tote Menschen sprechen nicht. Und dennoch hörst du meine Worte klar und deutlich. Nun ist es an dir, mein Liebes. Glaubst du an mich oder zweifelst du noch immer an dir? Vertraue mir, dein Glaube an dich selbst ist nicht verloren. Du weißt, dass Zeit keine Rolle spielt.“

Fieberhaft überlegte ich, ob er mir jemals eine Geschichte erzählt hatte, in denen Meermenschen in Gestalt Toter mit anderen Menschen gesprochen haben. Oder sprechen Meermenschen auf diese Weise nur unter ihresgleichen? Das würde ja bedeuten, dass…

Während meine Gedanken rasten und ich gleichzeitig das Gefühl hatte, den Boden unter den Füßen zu verlieren, streichelte ich unablässig seine warme Hand. Plötzlich war ich mir ganz sicher, dass er meine tatsächlich gedrückt hatte. Nun war es mir egal, ob es nur meine Phantasie war, die mir einen Streich spielte. Ich beugte mich hinunter um seiner Hand sanft einen Kuss aufzuhauchen. Mein letzter Gruß und mein letzter Dank an ihn … mehr hatte ich nicht zu geben und ich wusste, dass er nach nichts verlangte.

Ich hatte schon davon gehört, dass bei toten Menschen Haare und Nägel noch für einige Zeit weiterwachsen. Bei Meermenschen ist das offensichtlich nicht der Fall. Da wächst scheinbar nur die dünne Haut zwischen den Fingern wieder und der Meermensch kann nichts mehr dagegen tun. Ich sah es und war nur verwundert darüber, dass es mich in diesem Moment nicht mehr überraschte. Ich küsste ein letztes Mal zum Abschied seine Wange und… ich bin mir sicher, dass ich im Augenwinkel gesehen habe, wie er mir zugezwinkert hat. Seine letzten Worte klingen bis heute in mir nach.

„Du weißt, wo du dich findest.“



 

 

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