ODD

Nicht wahr?

„Naja.“, sagte der Hase kichernd und warf ein Auge auf mich.

So oder so ähnlich fangen ja viele wahre Geschichten an, nicht wahr? Höre ich Sie gerade kichern? Wie der Hase? Ja, der Hase kicherte. Und verdammt, JA: es ist immens wichtig für Sie zu wissen, dass er kicherte. Die Andeutung seiner Emotion beim Sprechen ist von ebenso zentraler Bedeutung, wie für einen japanischen Fugumeister die Einhaltung der Reihenfolge beim Zerlegen eines hochgiftigen Kugelfisches. Haben Sie schon einmal davon gehört? In einer sehr speziellen Zubereitungstechnik müssen die durch das darin enthaltene Tetrodotoxin hochgiftigen Körperteile vorsichtig entfernt werden. Nur das meist (!) ungiftige, aber ausgesprochen köstliche, Muskelfleisch darf zum Verzehr verwendet werden. Haben Sie vielleicht Lust auf Russisches Roulette mit einem Kugelfisch?

Dann besuchen Sie New York! Dort sollten Sie Toshio Suzuki in seinemSushi Zen Restaurant“ aufsuchen. Sie finden es in Midtown auf der 108. West, Ecke 44th Street. Bestellen Sie das Kugelfischmenü „Dining With Death“ und Sie werden (wahrscheinlich) ein unvergessliches Erlebnis haben. Schätzen Sie sich glücklich, wenn Sie mir danach davon berichten können.

Ich war noch niemals in New York. Erinnern Sie sich an das gleichnamige Lied? Von diesem alten Schlagerbarden Udo Jürgens? Und wussten Sie eigentlich, dass er Österreicher ist? Die Österreicher verstören mich generell ein wenig: sie sprechen und schreiben Deutsch, SIND aber keine Deutschen. Sie sind vom Prinzip her wie Hundekuchen. Oder Babyöl. Und dieser Herr Jürgens besitzt inzwischen sogar zu-sätz-lich (!) die schweizerische Staatsbürgerschaft. Das ist so absurd wie das Wort „Lebensgefahr“. Oder wie wenn ein Selbstmörder zur Rechenschaft gezogen werden soll für seine Tat. Was halten Sie davon? Nun, ich kann das Rattern Ihrer Gedanken schon so deutlich vernehmen wie einen herannahenden Bummelzug. „Was soll die Frage?“, denken Sie sich. Und Sie wundern sich bereits, wo hier überhaupt noch ein Zusammenhang ist. Sicher suchen Sie den roten Faden zurück zum Hasen und dem Kugelfisch und was das alles mit New York zu tun hat. New York! Genau! Jedenfalls: Ich war noch niemals in New York.

Ich war auch noch niemals auf Hawaii, ging jedoch durch San Francisco in zerrissenen Jeans. Wahrscheinlich. Ehrlich gesagt, ich kann mich nicht darin erinnern, ob ich zu der Zeit überhaupt Hosen trug. Es lohnte sich einfach nicht, da ich meinen Schwanz von einem Loch ins nächste stak. Wie ein Tiefbohrer glitt er stetig auf und ab, rein und raus. Mein Penis war der Förderturm und ich vermute, Sie wollen an dieser Stelle nicht wissen, was er alles zu Tage förderte. Was soll ich sagen, die Weiber waren willig. Sie spreizten ihre Schenkel schon, wenn sie meine Fleischpeitsche nur von weitem sahen, so weit wie ein Bauer das Scheunentor vorm Almauftrieb. Und dann schnappten sie zu wie Venusfliegenfallen. Da fällt mir ein, dass ich Ihnen unbedingt auch noch von meiner Reise auf den Mars berichten muss, aber dazu später mehr.

Denn, und das ist so sicher wie das Amen in der Kirche oder ein Tripper nach einer Nacht mit einer Bordsteinschwalbe downtown L.A., das sind doch alles nur Halbwahrheiten. Heute will ich Ihnen erzählen, wie das damals wirklich war, als ich „mal eben Zigaretten holen ging“ und erst 23 Jahre später an meinem Heimatort zurückkehrte um mich, wie eine Meeresschildkröte, die zur Eiablage immer zu ihrem Geburtsstrand zurückkehrt, zur Fortpflanzung niederzulassen. Die Meeresschildkröte tut das schlicht aus Brutortstreue, denn sie betreibt Philopatrie. Wissen Sie was das ist? Ich erkläre es Ihnen später gerne genauer. Bei mir war es hundsgewöhnliche Vaterlandsliebe.

Doch zurück zum Ausgangspunkt meiner Reise, der sehr, sehr lange vor dem Tag liegt, an dem ich mich hinsetzte, um mit dem Schreiben meines ersten Romans zu beginnen.

Sie können es sich nun also denken: ich zog aus um Schriftsteller zu werden. Wie Jack Kerouac reiste ich durch das „land of the free“. Wenn Sie Jack nicht kennen, ist das zwar eine Schande, aber keine nicht wieder Gutzumachende. Lesen Sie zuerst seinen Roman „On the Road“ (damit Sie schon mal mitreden können) und dann seine restlichen Werke. Und nein verdammt, lesen Sie nicht erst „alles was Bukowski geschrieben hat“ (nur damit Sie mitreden können), wie ein dummes Frauenzimmer, das „die Pille danach“ vor dem Vögeln einnimmt. Das können Sie auch später noch in aller Seelenruhe tun. Wenn Sie unbedingt einen „Charles“ lesen wollen, dann lesen Sie lieber ÜBER einen, und zwar „Helter Skelter – Der Mordrausch des Charles Manson“ von Vincent Bugliosi oder „The Garbage People“ von John Gilmore:

>>[…] Er steht hinter schusssicherem Glas im Bezirksgefängnis von Los Angeles. Er legt eine Hand mit der Handfläche an das Glas. Eine merkwürdige Geste. Eigenartig. Die Knochen selbst scheinen sich zu verbiegen. Er verrenkt seinen Körper mit der Kontrolle eines Fakirs – in eine Gestalt, die nicht menschlich ist. Sein Skelett scheint wie aus Gummi zu sein, unzerbrechlich; verblüffend. Die kleinen Hände, die dünnen länglichen Finger mit langen, rechteckig abgefeilten Nägeln, quetschen sich plötzlich ineinander. Sie bewegen sich schützend über den Körper, verknoten sich vor der Brust. Er kauert sich hin (das ist ihm zur Gewohnheit geworden, wenn er Wirkung erzielen will), und dabei macht er das hässlichste aller möglichen Gesichter: die Wangenknochen selbst biegen sich nach oben, mit einem heftigen Ruck, während sich die Augenbrauen mürrisch nach unten in Falten legen; das ganze Gesicht faltet sich in sich selbst zusammen. Es dauert nur einen Moment, und die Haut ist ein gummiartiges Etwas, das sich ganz eng zusammenzieht, sich strafft wie die Bespannung einer Trommel. Die Augäpfel sehen aus wie nach innen gesaugt, und genau da sind auch die sehr eindringlichen Konturen seines Schädels. Man ist schockiert. Er ist ein Monster. […]<< [Zitat Ende]

DAS ist Charles Manson. Lesen Sie über ihn und gehen Sie dem Gesicht des Bösen aus dem Weg. Sie werden nach der Lektüre wissen warum. Werden Sie ein besserer Mensch. Wenn Sie es schon sind oder glauben zu sein, bleiben Sie es.

Zurück zu damals, als ich loszog um Jack zu folgen. Ich flog also nach San Francisco. Ich wollte mich erst vor Ort entscheiden, welche der vier möglichen Routen von Jacks Reisen ich nachstellen würde. Was soll ich Ihnen sagen? Ich habe es nie aus Frisco raus geschafft. Diese Stadt hat mich geschluckt, wie Linda Lovelace einst… naja, Sie wissen schon was sie schluckte und keine Sorge: ich stelle die Frage „Wissen Sie, wer Linda Lovelace gewesen ist?“ jetzt nicht. Selbstverständlich kennen Sie sie NICHT, nicht wahr?

Also Frisco. Übrigens nennen Sie diese Stadt nie bei diesem Spitznamen, wenn Einheimische in ihrer Nähe sind, dieser Kosename ist verpönt bei ihnen und Sie machen sich damit keine Freunde. Es ist nicht ganz so schlimm, wie damals für John McClane, der mit einem „I hate Niggers“-Schild durch Harlem laufen musste, aber lassen Sie es dennoch einfach sein.

Nun werden Sie staunen, denn jetzt hat der eingangs erwähnte Hase, der kicherte, seinen großen Auftritt. Der Hase war in Wirklichkeit ein verflucht heißes Honeybunny aus China Town und sie war aufrichtig an mir interessiert. Ja doch, dieses Hot Babe hatte ein Auge auf mich geworfen. Ich konnte mich ihrer Avancen kaum erwehren und sie überschüttete mich mit all ihrer Liebe und Zuneigung und…

Sie glauben mir nicht? Ach, streiten Sie es doch nicht ab, ich sehe Ihre skeptischen Blicke förmlich vor mir. Ja ja ja, bitte sehr: Sie haben Recht! Sie war so interessiert an mir, wie ein Blinder an einem Stummfilm.

Es ging ihr nur um meine Kohle und die Schlampe nahm mich aus, wie eine Weihnachtsgans. Von heute auf morgen war ich arm wie eine Kirchenmaus. Wobei ich eben mal eine Lanze für Kirchenmäuse brechen muss: die führen nämlich ein verdammt cooles Leben! Versetzen Sie sich einmal rein in so eine arme, arme Kirchenmaus… na? Alles halb so wild, oder? Die haben ein Dach über dem Kopf, den Heiligen Geist stets bei sich und in der Küsterei fällt immer mal ein Stück Brot für sie hinunter. Aber ich… Ich hatte von alledem nichts mehr.

Finden Sie das nicht furchtbar traurig? Ich finde es so traurig wie eine Kurzgeschichte, deren erster Satz mit >>„Naja…“, sagte der Hase kichernd und warf ein Auge auf mich.<< beginnen würde. Eine Schande wäre das. Wie auch immer: es waren die schlimmsten 23 Minuten meines Lebens. Dann rief ich Anita zu Hause an. Anita fand ich übrigens irgendwo allein in Mexiko und das ist jetzt KEIN SCHERZ. Diese Geschichte erzähle ich Ihnen ein anderes mal. Anita ist ein Schatz und sie setzte sofort alle Hebel in Bewegung, ließ die Kreditkarten sperren, mir Geld über Westernunion zukommen und sorgte dafür, dass ich nach Hause kommen konnte.

Oh.

Sie haben es bemerkt, nicht wahr? Vorhin schrieb ich noch von 23 JAHREN. Nun ja. Und diese Sache mit dem „mal eben Zigaretten holen gehen“. Aber finden Sie nicht auch, dass es sich verflucht weltmännisch anhörte? Also gut, Sie müssen wissen: dieser Tag, an dem ich mich hinsetze um mit dem Schreiben meines ersten Romans zu beginnen… der Tag war heute. Doch daran bin ich gründlich gescheitert, DAS wissen wir inzwischen alle. Ich will das gar nicht mehr schön reden. Ich bin ein Gaukler, ein Ganove, ein Hans Guck-in-die-Luft, aber verdammt, ich war reinen Herzens als ich damit begann, das müssen Sie mir glauben. Ich zog nie aus um Schriftsteller zu werden, ich wurde nie einer und ich bin nicht mal mehr in Besitz eines Stuhls, eines Schreibtischs, geschweige denn einer Schreibmaschine. Alles was ich noch habe, sind die Kleider an meinem Leib und drei weiße Blätter: die Rückseiten unbezahlter Rechnungen. Und diesen Minibleistift aus einem bekannten, schwedischen Möbelhaus. Dort treibe ich mich hin und wieder herum, besonders jetzt im Winter, wenn es sehr kalt ist und richte in Gedanken meine Wohnung ein, die gerade zwangsgeräumt wurde. Manchmal lege ich mich auch in eines der Ausstellungsbetten, schließe für einen Moment die Augen und träume von einem besseren Leben. Ein Leben, in dem ich nicht schon beim Hinsetzen scheitere, weil es einfach keinen Sitzplatz für mich gibt. Nicht mehr…

Nun sagen Sie mal: Ist es mir gelungen Sie ein wenig runterzuziehen? Ein klitzekleines bisschen? Bitte seien Sie nicht zu traurig, denn das wäre ziemlich phantastisch, wenn mir das gelungen wäre. Sind Sie ein bisschen verwirrt? Verspüren Sie vielleicht etwas Empörung in sich aufsteigen, langsam aber stetig, wie ein kleiner Luftsack in ihrem Rektum? Haben Sie eigentlich geglaubt, dass ich zum Mars geflogen bin? Denn wenn ja, dann könnte ich Ihnen auch ein X für ein U verkaufen. Dann würde ich Ihnen nun mitteilen, dass alles was sie gerade gelesen haben, das Ergebnis eines perfiden, ausgeklügelten, von langer Hand geplanten Coups gewesen ist, um Ihnen Ihre Lebenszeit zu stehlen. Ich jubele Ihnen diese knapp neunzehnhundert Worte als gezielt geschriebene Kurzgeschichte unter, wie ein Kuckuck seine Eier in die Nester anderer Singvögel legt. Aber sagen Sie mal: Wenn Sie bis hierhin meine kleine Reise begleitet haben, wenn Sie in dieser Sekunde genau diesen Satz hier lesen, (Könnten Sie JETZT noch aufhören?), dann ist es doch genau genommen kein Stehlen gewesen, oder? Dann haben Sie mir (bei allem Respekt, muss ich sagen), recht bereitwillig, wie ein leichtes Mädchen das sein Höschen fallen lässt, etwas sehr wertvolles geschenkt: Lesezeit! Nicht wahr?


PS: Ich hätte gerne das Wort „Stummelfußfröschen“ im Text untergebracht, aber an diesem Kniff bin ich dann wohl gescheitert, nicht wahr?

PPS: Das mit Anita war doch ein Scherz.

Ihr Name war Rosinante. Wie das Pferd von Don Quijote. (Kennen Sie „Don Quijote“ und die berühmte Episode seines Kampfs gegen die Windmühle? Falls nicht: Lesen Sie es!)


 

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