Puzzlement

Haarscharf

„Da hängen Leichen.

„Wie bitte?“, höre ich ihn mit dumpf klingender Stimme zurückfragen. Er steckt mit seinem halben Oberkörper im Küchenschrank unter der Spüle und sucht etwas, was er mir nicht verraten will.

„Da hän-gen Lei-chen!“, wiederhole ich Silbe für Silbe und absichtlich laut. „An den Wänden.“Kaum ausgesprochen, bemerke ich wie dämlich meine Aussage ist. Wir sind in seinem Haus, er weiß wohl, wie es dort aussieht. „Ähm… Jaja, klar!“, ruft er entsprechend zurück. „Da, wo ich herkomme, machen wir das so.“ Sein Kopf taucht auf und er sieht mich grinsend an. „Ihr bewahrt die ja im Keller auf, richtig?“ Ich nicke irritiert. „Andere Länder, andere Sitten. Weißt du ja“, sagt er lachend und verschwindet wieder zur Hälfte im Schrank.

Ich starre abwechselnd auf seine Wanddekoration und seinen Hintern und frage mich, wieso ich mit ihm hierhergekommen bin. Wahrscheinlich war es sein hübsches Gesicht, sehr markant, und seine Hände, die man ohne Übertreibung als Pranken bezeichnen kann. Dazu der ganze perfekt passende sexy Rest, der umgehend ein Kopfkino startete, indem er mich wieder und wieder nahm, was mich seine spontane Einladung annehmen ließ.

„Ich wollte die schon lange abgenommen haben. Mich anpassen und so, weißt du?“, reißt er mich aus meinen Überlegungen. Er wartet meine Antwort nicht ab. „Aber dann dachte ich mir, dass es gar nicht so verkehrt ist, wenn Besucher gleich sehen, was Sache ist“, sagt er, noch immer im Schrank herumwühlend, während sein Arsch mich kokett anlacht. Ich vermute, dass er das absichtlich macht, um mich weiter anzufüttern. Als ob er das nötig hätte. Doch er macht das richtig gut, mir gefällt die Perspektive.

Ich wende mich einer der Leichen näher zu, um herauszufinden, wie er sie befestigt hat. „Und wie haben deine Besucher… und Besucher-inn-en… bisher so reagiert?“, frage ich währenddessen. Ich kann nicht erkennen, wie er sie angebracht hat. Es sieht so aus, als würden sie von ganz alleine an der Wand… kleben? „Du bist die Erste, Madame“, höre ich seine Stimme plötzlich direkt hinter mir. Erschrocken drehe ich mich um. Er kniet noch immer vor dem Schrank.

Mir wird etwas mulmig, doch ich streife das Gefühl ab, als er gefunden zu haben scheint, was er suchte, sich aus dem Schrank windet und aufrichtet. Er steht mit dem Rücken zu mir und wirkt jetzt viel größer. Ein Kribbeln rast heiß und verheißungsvoll durch meinen Unterleib und ich bemerke, wie ich schwach und meine Knie weich werden. Er wäscht seine Hände am Spülbecken und wiederholt seinen letzten Satz: „Du bist die Erste, Madame. Die allerallererste, die sich in meine Höhle wagt.“ Wieder höre ich seine Stimme so nah und deutlich, als stünde er unmittelbar neben mir. Das Kribbeln stirbt ab. Instinktiv trete ich einen Schritt zurück und stoße dabei mit dem Rücken an den Fuß, der hinter mir an der Wand hängenden Leiche. Ich zucke zusammen, mache einen Satz nach vorne und wische mir hektisch mit einer Hand über die Schulter, als ob ich damit die Berührung mit dem kalten, toten Zeh rückgängig machen könnte. Ich schüttele mich und hege dezente Fluchtgedanken. Automatisch suchen meine Augen den Ausgang und finden die Küchentür, eben noch offenstehend, plötzlich verschlossen vor. Da wo der Türgriff sein sollte, prangt jetzt ein… Ist das ein…? Was ist das, zum Teufel nochmal?

„Genau Darling, das ist ein Schrumpfkopf.“ Ich erstarre, denn diesmal höre ich ihn nicht nur neben mir, ich spüre ihn auch. „Zum Teufel. Nochmal“, fügt er diabolisch flüsternd hinzu. Langsam drehe ich meinen Kopf in seine Richtung und schaue direkt auf seinen mir nun riesig erscheinenden Brustkorb. Der Abstand zwischen uns hat sich von zwei, knapp drei Meter auf maximal 20 Zentimeter reduziert. Will ich wirklich wissen, wie er das gemacht hat? Ich muss meinen Kopf in den Nacken legen, um ihm in die Augen schauen zu können. Sein Blick ist verwegen und durchtrieben, aber sein freundlicher Ton passt nicht zu dem, was ich sehe: „Erinnerst du dich? Ich erzählte dir vorhin, dass ich einige Zeit in Südamerika unterwegs war.“ 

Vorhin, denke ich. Als ich einfach nur eine gute Zeit mit einem toll erscheinenden Typ verbringen wollte. Ich möchte nicken, aber mein Körper versagt mir jede Regung. Dafür nickt er wissend und lächelt mich gutmütig an. „Ist dir aufgefallen, dass der Schrumpfkopf keine Haare hat?“ Ich vermute, dass ich irgendwie zustimme, bin mir aber nicht sicher. „Da habe ich beim Erhitzen des Kopfes leider gepennt. Das Wasser kochte plötzlich, was es nicht darf, aber ich war abgelenkt. Und dadurch haben sich die Haare aus der Haut gelöst. Das ist nicht so gut, weil sich in den Haaren der Sitz der Seele und Lebenskraft befindet. Ich musste sie dann verbrennen.“ Mein Magen krampft sich schmerzhaft zusammen. „Aber was soll’s? Gibt Schlimmeres. Oder was meinst du? Ich finde sie trotzdem wunderhübsch.

Meine Kehle ist staubtrocknen und tut ein wenig weh, als ich krächzend frage: „Sie?“ Er presst die Lippen aufeinander und legt seinen Kopf ein wenig schief. „Ja, ich weiß“, murmelt er, offenbar sich selbst tadelnd. „Ihre Weiblichkeit hat ein bisschen unter der Mumifizierung und Schrumpfung gelitten.“ Sein Blick wirkt jetzt verträumt und er scheint gedanklich abzuschweifen. „Aber weißt du was?“, fragt er in einem erstaunlich euphorischen Tonfall. Ich scheitere kläglich bei dem Versuch, einen aufrichtig interessiert fragenden Blick zustande zu bringen. Ein diffuses Gefühl der Fremdkontrolle macht sich in mir breit. „Ich zeige dir später ein paar Fotos von ihr! Und den Anderen! Dann kannst du das mal vergleichen.“ Das „später“ wirkt beruhigend auf mich. Die „Anderen“ heben dieses Gefühl sofort wieder auf. „Das Vorher und das Nachher“, fügt er hinzu, während er lachend seine Arme um mich schlingt, mich an sich zieht und mir einen schmatzenden Kuss auf den Kopf gibt. 

Auf mein Haar, denke ich. Dem Sitz meiner Seele und Lebenskraft. „So ist es, mein Liebling, so ist es“, brummt er. „So soll es sein.“ Es klingt liebevoll und innig. Seltsamerweise fühlt es sich auch exakt so an. Wir sind nun beide nackt und ich wundere mich nicht mehr darüber, dass ich nicht weiß und bemerkte, wie es geschah. „Ich will, dass du glücklich bist.“, flüstert er mir zu, bevor er mich hochhebt, zum Küchentisch trägt und mich so behutsam darauf ablegt, als könnte ich jederzeit zerbrechen. „Das könntest du in der Tat, mein Herz, das könntest du“, sagt er. Seine Lippen bewegen sich dabei nicht. Ich höre ihn trotzdem. Jedes seiner Worte brennt wie Feuer in mir und ich verlange gedanklich nach mehr. Seine Antwort darauf lese ich in seinen funkelnden Augen.

Am anderen Ende des Tisches liegt, was er zuvor gesucht haben muss. Mit seinen Pranken umfasst er sanft meine Taille und zieht mich zu sich, bis mein Becken dort ist, wo er es haben möchte und wo ich es selbst von Beginn an haben wollte. Jetzt weiß ich nicht mehr was ich will. Mein Blick schweift von seinem gewaltigen Oberkörper an ihm vorbei zu dem Schrumpfkopf, über die unzähligen Leichen an den Wänden. Ich denke an meinen Keller zu Hause und muss grinsen. Eigentlich hat er recht: Warum nicht damit hausieren gehen? „Ist doch irgendwie ehrlicher, oder?“, fragt er mich. Ich antworte ihm nicht mehr laut, sondern denke nur: Ja. So ist es. So soll es sein.

„Du lernst schnell, Madame“, höre ich seine Stimme in mir. What a mighty good man… denke ich, während ich beobachte, wie er sich über mich beugt und nach dem Makhaira greift. Ein intensiver Blick, der gefühlte abertausend Jahre dauert, besiegelt unsere stille Übereinkunft. Diese Hörner stehen ihm verflucht gut und dass seine rote Haut nun Blasen schlägt, tut seiner Schönheit keinen Abbruch. Dann nimmt er mich endlich. Wie ich es mir wünschte, wieder und wieder.

Ich bin ein aufgeklapptes Buch mit unbeschrifteten Seiten. Stoß um Stoß schreibt er meine Geschichte. Währenddessen vernehme ich seine Stimme, sie vibriert und fließt durch mich hindurch. Er warnt mich fortwährend, dass es gleich vorbei sein wird, doch ich antworte ihm stets lautlos: „Das ist es nie.“ Dann lacht er amüsiert und macht weiter und weiter. Wort um Wort, Satz für Satz, ein Kapitel nach dem anderem. Ich genieße es, zu viel, viel zu viel zu spüren. Ich stelle mir vor, wie die Leichen das Treiben vor ihren toten Augen ungläubig betrachten und denke an das arme Schrumpfköpflein, das haarlos sein restliches Dasein fristen muss, während ich tausend großartige, kleine Tode sterbe, bevor…

Ich suche seinen Blick und finde drei Augenpaare, deren Glühen sich in der Klinge des Schwertes widerspiegeln. Ich lache und denke: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann…

Ich erwache schreiend und kann mich an nichts mehr erinnern. Ich schreibe es trotzdem auf.


  

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2 Kommentare zu “Haarscharf

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