ODD

Märchenhaft

Dieses Märchen wird nicht gut aussehen…?

Eine gute Freundin bat mich heute, aus zu dem Zeitpunkt noch nicht näher geklärten Umständen, ihr doch mal ein Märchen zu schreiben: „Was Schönes, was Positives am Ende.“

Spontan grinste ich, weil ich dachte, sie sei es einfach Leid meine Geschichten zu lesen, die in den meisten Fällen für mindestens eine Person ja eher ungut ausgehen. Ohne zu wissen, worum es ihr ging, wollte ich ihr demonstrativ sofort einen Text schicken, der zwar kein Märchen sein, aber wenigstens „gut ausgehen“ würde.

Ich scheiterte.

Mir fiel so spontan einfach keiner ein. Und selbst als ich die Kategorien meiner aktuellen Textseite überflog, stieß ich nicht wirklich auf einen Text, der dieser Anforderung vollkommen gerecht werden würde. Was sagt mir das? Klar, nicht wirklich etwas Neues, aber es stimmte mich doch etwas nachdenklich.

Aber nicht sehr lange :-)

Denn auch wenn ich nicht so recht weiß, wohin ich laufe, weiß ich schon, wohin ich eher ungern gehen möchte. Ich habe ohnehin nicht sooo viel Einfluss auf das, was aus mir herauskommt, um sich in Buchstaben, Worte, Texte zu verwandeln. Abgesehen davon: so manches Märchen ist verfluchter HARDCORE! Nur hübsch verpackt… Nun, es ließ mir keine Ruhe und ich ging meine Texte durch, insbesondere die meiner Schreibanfänge, die inzwischen andernorts offline und hier nie online genommen wurden. Und HEY: Ich habe etwas gefunden!

Es ist sogar ein wenig märchenhaft, heute hieße es bei mir wahrscheinlich „MÄRCHEN-HAFT“, und ich stelle den Text den interessierten LeserInnen zur Erheiterung erneut in der unveränderten Originalfassung zur Verfügung. Man verzeihe mir dies bitte: der Text ist aus einer anderen Zeit und deckt sich nicht mehr mit meinen heutigen Selbstverwirklichungs- und Schreibphantasien. Ihn zu überarbeiten empfinde ich im Moment als Zeitverschwendung. Zeit ist Text. Neuer Text. Demnächst ;-)

Bitte sehr:


 Nurksel [April 2012]

Sie saß in einem Café und hatte gerade erfahren, dass sie versetzt worden war. „Sorry, Babe, ich schaffe es nicht! Kunde droht mit Auftrag, muss mich kümmern! Wir sehen uns zuhause, ich koch uns Lieferpasta, okay? Kuss!“

Dann ab nach Hause. Sie hatten sich auf neutralem Gebiet treffen wollen, um ihre Entscheidung, derer sie sich noch immer nicht sicher waren, noch einmal zu besprechen. So langsam lief die Zeit davon, aber gut, dann würden sie eben doch zu Hause darüber reden. Wenn sie sich beeilte, würde sie vielleicht gerade so an der bald einsetzenden Rushhour vorbei schrammen. Sie legte einen Fünf-Euro-Schein auf den Tisch – die dämliche Bedienung hatte zwar kein Trinkgeld verdient, aber sie wollte einfach nur schnellstmöglich weg – und verließ das Café Richtung Parkhaus.

„Hallo! Halloooho!“ Sie drehte sich um, da kam er auf sie zugelaufen. Ein etwas älterer 0815-Opi, wild mit seinem Regenschirm wedelnd. „Sie haben Ihren Schirm vergessen!“ Sie lächelte den Opi an und sagte „Das ist aber lieb von Ihnen! Das ist aber nicht mein Schirm.“ Sie wandte sich bereits ab, als er sagte: „Oh! Sind Sie sicher?“ „Ja, ich denke schon!“ „Aber haben Sie nicht eben im Café gesessen? Der Platz am Fenster? Sie waren doch die Dame, die sich lauthals darüber beschwert hat, dass die Bedienung Ihnen den Cappuccino mit Sprühsahne gebracht hat, oder?“ „Mmh. Ja, schon! Aber was hat das mit dem Schirm zu tun?“, fragte sie ihn stirnrunzelnd. Der Opi greift sich an sein Ohr und erscheint kurz etwas abwesend. Sie zuckt mit den Schultern und dreht sich erneut weg um weiter zu gehen.

„Entschuldigen Sie, junge Frau!“ Sie mag es ja ganz gerne, wenn man ‚junge Frau‘ zu ihr sagt, bei dem alten Knacker relativierte sich das allerdings wieder. „Gut. Ich gebe zu, dass mit dem Schirm, war nur eine Ausrede, um sie anzusprechen.“ Instinktiv wich sie einen halben Schritt zurück. Wurde sie jetzt mitten auf der Shoppingmeile von einem Opi überfallen? „Darf ich Ihnen eine Frage stellen?“ „Was denn?“ „Eben im Café. Kann es sein, dass Sie sich auch beschwert hätten, wenn die Kellnerin Ihnen den Cappuccino mit aufgeschäumter Milch gebracht hätte? Einfach aus Prinzip, weil sie nicht danach gefragt hatte und so unfreundlich zu Ihnen war?“ Sie war baff und fühlte sich ertappt. „Ähm… Ja, kann sein. Aber wie kommen Sie darauf?“ „Ach, einfach so. Ich habe Sie beobachtet und… Also ehrlich gesagt, ich versuche mich im Gedanken lesen und glaube, es gelingt mir inzwischen ganz gut. Aber natürlich weiß ich es erst sicher, wenn ich es verifiziert habe. Danke, dass Sie es mir bestätigt haben!“ Er lächelte sie an. ‚Du Arschloch!‘, dachte sie ‚Hast Du das auch gelesen?‘, und sagte höflich: „Okay. Fein. Dann haben wir das ja geklärt. Auf Wiedersehen!“ Zum dritten Mal wendete sie sich ab und tatsächlich schien er sie nicht aufzuhalten. Sie hörte ihn noch vor sich hinmurmeln, wollte aber nicht zurückschauen.

Sie war vielleicht vier oder fünf Schritte gegangen, als er wieder nach ihr rief. „Ähm, entschuldigen Sie bitte nochmal!“ Sie ging einfach weiter. Er kam hinterher. „Bitte! So bleiben Sie doch stehen! Ich… ich muss Ihnen etwas Wichtiges sagen!“ Jetzt wurde ihr der Alte wirklich lästig und sie überlegte, in welcher Ecke ihrer Tasche das Pfefferspray war. Sie blieb stehen, drehte sich zu ihm herum und sah ihn mit einem warnenden Blick an: „Hören Sie! Bei allem Respekt! Lassen Sie mich bitte in Ruhe!“ „In Ordnung, in Ordnung. Aber bitte: Schenken Sie mir nur wenige Minuten Ihrer Zeit! Sie werden es nicht bereuen!“ Sein Blick wurde plötzlich flehend. Vielleicht sogar verzweifelt. Geld! Der alte Mann würde sie jetzt bestimmt gleich nach Geld fragen und sie wusste jetzt schon, dass sie ihm auch welches geben würde. Sofort sprang ihr Mitleidsmodus an, obwohl der Opi sein Anliegen noch gar nicht preisgegeben hatte. Wieder hatte er seinen Finger am Ohr und schien sich selbst zuzunicken. Sie sah ihn erwartungsvoll und wieder etwas freundlicher an.

„Danke, junge Dame, vielen Dank! Darf ich mich zunächst einmal vorstellen: Mein Name ist Zeitstehler!“ Na klasse, doch ein Irrer! Trotzdem musste sie grinsen. „Jaja, Sie lachen, aber so ist es. Zeitstehler ist mein Name, mein Beruf und…“, er klopfte sich zweimal mit der flachen Hand auf seine Herzgegend. „meine Berufung!“ „Das glaube ich Ihnen aufs Wort, Herr Zeitstehler!“ Irgendwie war er doch knuffig. „McHide!“ Sie reichte ihm versöhnlich die Hand. „Ich weiß.“

„Bitte?“ „Ähm, ich weiß auch nicht, aber das ist ja mal ein interessanter Name! Wie? Woher?“ „Mein Mann.“ „Natürlich! Also sehr erfreut, Mrs. McHide! Wie ich schon sagte, meine berufliche Tätigkeit ist der Zeitdiebstahl! Die genauen Hintergründe sind mir nicht immer bekannt, aber das ist, was ich tue: den Nurkseln Zeit stehlen! Ich saß gerade an der Vorbereitung eines neuen Auftrags und las das Nurkselprofil, als Alarm ausgelöst wurde. Da ich zufällig mit Ihnen im Café saß, war natürlich klar, dass ich die Order bekam und mich sofort um sie kümmern musste. Mir war nicht klar warum, da Sie ja in Sicherheit waren. Aber Auftrag ist Auftrag und es würde sich mir schon erschließen. Leider ist aber Spontanität nicht gerade meine Stärke. Ich bin schon sehr lange im Nurkselgeschäft, aber schließlich auch nicht mehr der Jüngste. Und die Zeit ist so schnelllebig geworden, es ist wirklich von Jahr zu Jahr komplizierter geworden, welche zu stehlen. Es ist verrückt, denn die Zeit ist ja nicht ‚mehr‘ geworden. Entschuldigung, ich schweife ab. Jedenfalls, kaum hatte ich Sie übernommen, da erfuhr ich auch schon, dass mein Kollege ‚Herr Dazwischengekommen‘ einen logischen Fehler begangen und Ihren Mann bereits abgefertigt hatte und Sie deshalb im Begriff waren zu gehen. Daher die Sache mit dem Schirm und dem Cappuccino, dem Gedanken lesen. Mir ist einfach nichts Besseres eingefallen! Ich bin etwas unter, hihi, Zeitdruck! Und so erhielt ich gerade die Freigabe, dass ich offen mit Ihnen sprechen darf! In dringenden Fällen ist das eine Option die nach spontaner Risiko-Nutzen-Abwägung…“

Sie verstand überhaupt nichts und es gefiel ihr nicht, dass der irre Opi ihren Mann erwähnt hatte. Was sollte das heißen ‚abgefertigt‘? Sie griff intuitiv nach ihrem Handy, um ihn anzurufen. Während sie wählte und auf das Freizeichen wartete, musterte sie den Alten skeptisch von oben bis unten und fragte sich, ob er bewaffnet sein könnte. „Was erzählen Sie da eigentlich? Was war das mit dem Murksen?“ Besetzt.

„Nurksel! Enn, U, Er, Ka, Ess, E, Ell! Einfach Nurksel! Ja, entschuldigen Sie bitte, der Begriff ist Ihnen natürlich nicht geläufig. Das ist der Ausdruck unserer Behörde für Euch Menschen.“ ‚Heilige Scheiße!‘, dachte sie und drückte die Wahlwiederholung. „Okay! Alles klar! Danke für das Gespräch! Sie haben mir jetzt ja erfolgreich die Zeit gestohlen, was auch immer. Ich gehe!“ Freizeichen. „Ja? Sie meinen, ich habe meine Sache gut gemacht?“ Der Opi strahlte über das ganze Gesicht. Wieder die Finger am Ohr. Sie war nicht sicher, ob er die letzte Frage wirklich an sie gerichtet hatte, denn sein Blick ging dabei an ihr vorbei. Sie drehte sich um, um zu schauen, ob jemand hinter ihr stand. Aber da war niemand, den er gemeint haben könnte. Ihr Mann ging nicht ans Telefon. Sie wendete sich wieder dem Opi zu, als er ihr noch einmal seine Hand reichen wollte. Sie ließ ihre Hand in der Manteltasche und schüttelte grimmig den Kopf. Jetzt war sie sauer und hatte genug. „Nichts für ungut, junge Frau!“ Plötzlich sah er ganz entspannt aus. „Ich danke Ihnen für Ihre Zeit!“ Er drehte sich um und spazierte in aller Seelenruhe davon. Verdutzt schaute sie ihm nach. Klar, er hatte ja jetzt ihre Zeit gestohlen. Nun begann sie auch schon damit. Apropos ‚gestohlen‘. Sie überprüfte Ihre Taschen. Alles da. Spinner!

Natürlich geriet sie mitten in den schönsten Feierabendverkehr. Zusätzlich musste sie wegen einer Vollsperrung auf der Autobahn einen dadurch völlig verstopften Umweg fahren und brauchte dreimal so lange nach Hause, wie sonst üblich.

Später erzählte sie ihrem Mann von dem merkwürdigen Opi und auch er hatte eine seltsame Geschichte erlebt: Er wollte sich gerade auf den Weg in die Innenstadt zu ihrer Verabredung machen, als er einen Anruf eines eventuell interessierten Kunden bekam. Dieser bestand auf ausführliche Vorabinformation und sofortige Vorortbesichtigung. Das konnte er natürlich nicht ablehnen und fuhr zu der angegebenen Adresse, nicht weit entfernt, aber außerhalb. Dort angekommen fand er außer einer heruntergekommenen Scheune nichts vor. Die Telefonnummer des angeblichen Interessenten war ‚nicht vergeben‘. Er war stinksauer und stand später im gleichen Stau wie sie.

Da fiel ihr wieder ein, dass der alte Mann etwas von einem ‚Herrn Dazwischengekommen‘ geplappert hatte und irgendwie ergab das mit dem ‚Ihr Mann sei bereits abgefertigt worden‘ plötzlich einen merkwürdigen Zusammenhang. Aber keinen Sinn. Ihnen beiden war das alles etwas unheimlich und sie zweifelten ein wenig an ihrem Verstand.

Erst recht als sie später in den Nachrichten von dem Massenunfall auf der Autobahn erfuhren. Ihrer Haus- und Hofstrecke. Normalerweise. Wenn sie nicht aufgehalten und umgeleitet worden wären.

Ein Geisterfahrer hatte eine Massenkarambolage ausgelöst, es gab einige Tote und viele Schwerverletzte. Er war sprachlos, sie fing an zu weinen.

Sie versuchten den zeitlichen Ablauf zu rekonstruieren. Dafür schrieb sie alles, was der Opi gesagt hatte und an was sie sich erinnern konnte, auf. Sie glaubten zu verstehen, doch andererseits überstieg es ihre Vorstellungskraft.

Zwei Tage später schrieb Herr Zeitstehler ihnen eine Nachricht per Email. Darin erklärte er ihnen ‚der Vollständigkeit halber‘ ausführlich die Chronologie der Ereignisse. Er trat jedoch auch mit einer Bitte an sie heran.

Ein ‚Herr Uhrenversteller‘ hatte selbst verschlafen und so das schlimmst mögliche aller Szenarien ins Rollen gebracht. Es wäre dessen Aufgabe gewesen, dafür zu sorgen, dass ein Nurksel, dem es laut Nurkselprophezeiung bestimmt war, durch eine Unaufmerksamkeit viele Menschen zu töten, verschlafen zu lassen. Dadurch wäre der gesamte Tag dieses Nurksels völlig anders verlaufen und er am späten Nachmittag niemals in verkehrter Richtung auf die Autobahn aufgefahren. Als der Fehler viel zu spät bemerkt wurde, war der Unglücksnurksel längst unterwegs und nicht mehr aufzuhalten gewesen.

Sofort wurden alle verfügbaren Nurkselbeauftragten angepiept und auf alle möglicherweise betroffenen und für die Nurkselchronik noch sehr wichtigen Nurksel in ihrer Nähe angesetzt. Eine reine Notfalllösung, es konnte nur gerettet werden, wer zu richtigen Zeit am richtigen Ort war. In der ganzen Aufregung und unübersichtlichen Lage wurden dann versehentlich noch weitere Nurksel fehlgeleitet. Sie hätten am Ende zwar die ursprünglich vorausgesehene Anzahl der Toten reduzieren können, aber selbstverständlich sei die Behörde untröstlich über diese vielen nicht wieder gut zumachenden Fehler. Herr Zeitstehler versicherte ihnen, dass der Vorfall lückenlos aufgeklärt werden würde und die Sicherheitsmaßnahmen bereits entsprechend erhöht wurden.

Aber eines wolle er noch loswerden: Die Sache mit dem Gedankenlesen wäre keine Erfindung gewesen. Natürlich könnten alle in der Behörde Nurkselgedanken lesen, anders wäre der Job ja gar nicht durchführbar. Er dankte ihr für ihre Geduld mit ihm, denn wenn sie ihm nicht zugehört hätte, wäre die Nurkselchronik an einigen Stellen noch schwerer zu Schaden gekommen. Sie möchten beide doch bitte ihre Entscheidung überdenken. Denn wenn nicht und sie dabei blieben, wäre auf gewisse Weise – und sie möchten das bitte nicht falsch verstehen – der Notfalleinsatz umsonst gewesen. Es würde ihn und seinen untröstlichen Kollegen sehr beglücken, wenn sie melden könnten, dass die Aufträge „mit Sternchen“ abgeschlossen werden konnten. Sie bräuchten ihm darauf nicht zu antworten, abgesehen davon, dass es Ihnen auch gar nicht möglich sei. Seine Behörde würde es schon auf ihre Weise registrieren, wenn der Name des neuen Nurkselkindes feststünde.

Als sie die Nachricht später anderen zeigen wollten, war sie verschwunden und nicht mehr auffindbar.

Sie haben nie mehr über die damals anstehende Entscheidung gesprochen, es war kein Thema mehr. Gerne hätten sie ihrem Sohn wenigstens den Zweitnamen Nurksel gegeben, aber irgendwie konnten sie es niemanden plausibel erklären.


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