Outside-In

Selbstverehrlichung

Flipflops, Jeans und mein ausgewaschenes Lieblingsshirt waren wohl nicht die richtige Wahl.

Mir ist kalt und ich friere.

Ein paar K.O-Tropfen, ein sehr scharfes Jagdmesser, mehr war nicht nötig. Ganz ruhig lagst du da, als ich anfing, dich aufzuschneiden.

Jetzt bin ich endlich hier, in dir. Ein eisblaues Lichtermeer hat mich empfangen.

Meine Kleiderwahl kam nicht von ungefähr. Du bist der warmherzigste Mensch, den ich jemals kennen gelernt habe. Das ist der Grund, warum ich dich erforschen wollte. Ich wollte dein Herz sehen, den Ort, der diese Wärme erschafft.

Doch es weht ein eisiger Wind in dir, es ist ungemütlich und karg.

„Was du hier siehst, ist meine Seele.“

Ich höre deine Stimme und erstarre. Für einen kurzen Moment erstirbt das Zittern meines Körpers.

„Das kann nicht sein!“, rufe ich in dich hinein und schlinge meine Arme um mich selbst. Ich verspüre das dringende Bedürfnis nach einer Berührung. Ich hatte gehofft, von dir berührt zu werden.

„Du solltest jetzt besser gehen, denn gleich wird es sehr dunkel in mir.“, sagst du mir in dem gütigen Tonfall den ich so liebe. „Aber was ist denn bloß los mit dir?“, frage ich dich verzweifelt und schaue mich suchend nach dir um. Plötzlich fehlst du mir so sehr.

„Sofort!“, antwortest du mir in einem schneidenden Ton, den ich bis heute von dir noch nie auf diese Weise gehört habe. Und tatsächlich scheint eine Art Dämmerung einzutreten und die Temperatur schlagartig um einige weitere Grade zu sinken.

Ich wende mich ab, den Ausgang suchend. Bald sehe ich fast die Hand vor Augen nicht mehr. Gerade noch rechtzeitig, bevor sich völlige Dunkelheit in dir breit macht, finde ich die Öffnung. Ich trete hinaus und wage doch einen Blick zurück. In weiter Ferne, tief in dir drin, kann ich es erkennen. Dein Feuer. Es scheint wild zu flackern und zu lodern. Ich bin entsetzt und laufe davon.

Später, nachdem ich deine Wunden versorgt habe und du langsam zu dir kommst, habe ich Angst dir in die Augen zu sehen. Ich habe einen Teil der Kälte mitgenommen. Doch es friert mich nicht. Ich werde sie stattdessen bewahren, als Mahnung daran, dass auch du einen Menschen brauchst, der für dich da ist. Auch wenn du das niemals zugeben würdest.


 

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3 Kommentare zu “Selbstverehrlichung

  1. Dieses Motiv des Ausweidens … ich versuche immer noch zu ergründen, ob das im Kontext deiner Kurzgeschichten vorrangig symbolisch oder doch eher ‚körperlich‘ zu deuten ist.

    Das macht es wahrscheinlich so interessant … ;)

    Gefällt mir

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