ODD

Viel, viel, viel!

Der Fall mit dem Killer, der noch Tinte auf dem Füller hatte

Ich fiel und fiel und fiel… Der Fall schien unendlich und nicht wie erwartet rasend schnell gelöst, so dass kaum ein Gedanke zu Ende gedacht werden konnte. Im Gegenteil: ich hatte ausreichend Zeit verschiedene Positionen auszuprobieren. Meine letzten Stellungswechsel und ich wollte nichts anderes, als sie genießen.

Andächtig spreizte ich die Arme und spielte Adler. Ein wunderbares Gefühl einer derart bislang nie erlebten Freiheit breitete sich tief in mir aus. Ich spürte den Wind unter meinen imaginären Flügeln und endlich ergab dieses Sprichwort einen Sinn. Obwohl ich fiel, stieg ich hinauf. Vogelfrei flatterte ich dem Himmel entgegen. Ich segelte durch die Wolken und genoss den Auftrieb. „Sterben ist so wunderschön“, dachte ich und „Warum tat ich das nicht öfter?“

Ausgelassen und beschwingt versuchte ich mich an einem Parabelflug. Schwerelosigkeit… wer träumt nicht davon? Es gelang mir zunächst ganz gut, doch plötzlich wurde ich mir während des Steigflugs der Hitze bewusst, und dass ich die gute alte Sonne nicht auf dem Zettel gehabt hatte.

Diese unglaubliche Hitze. Schweißtreibend, anregend, vielversprechend. Ich räkelte mich ein wenig in ihr, bevor mir die Einsicht einen fiesen Seitenhieb verpasste: Ich würde nicht nur brodeln und glühen, sondern Blasen werfen und in Flammen aufgehen! Und der armselige Rest, der von mir übrig blieb, würde wie ein Stein zu Boden plumpsen. Oder? Ich war doch schon dem Tod geweiht, eigentlich konnte mir rein gar nichts mehr passieren.

Waghalsig setzte ich zum Sturzflug an. Und wurde umgehend geläutert. Denn noch war ich nicht tot und Schmerzen kennen keine Barmherzigkeit. Kein Verständnis haben die, auch nicht wenn man ohnehin am Sterben ist. Der Luftzug stieß mir wie abertausend Dolche in die Kehle und drohte, mich zu ersticken. Ich sinnierte darüber, wie bizarr es ist, an Luft zu sterben.

Ich tat, was ich mir jahrelang und mühselig erarbeitet hatte: Ich ließ den Schmerz zu und öffnete meine eigene Büchse der Pandora. Ich gab vor, ihn zu respektieren und lud ihn ein, noch einen Gang höher zu schalten. Und dann, als er es sich so richtig schön gemütlich in mir gemacht hatte, begann ich ihn hinterrücks mit meiner Arroganz zu Tode zu langweilen!

BÄMM!

Friss oder stirb, du Tier! Ha! Ich war gut, gelernt ist gelernt. Es dauerte nicht lange und zwar starb der Schmerz nicht ab, doch er kroch mit eingezogenem Schwanz und erbärmlich winselnd davon. Es war wie Musik in meinen Ohren und ich lauschte ihm noch eine Weile. Zufrieden mit meinem Werk drehte ich mich um, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und tat so, als läge ich in einer Hängematte, die im Einklang mit meinem ruhigen Atem sanft hin und her wippte. Ich wartete gespannt auf diesen berühmten letzten Film, der nun bestimmt gleich losgehen würde. Doch dann… fing ich an zu denken.

Ich fiel und fiel und fiel… Panik, Schweißausbruch und Fassungslosigkeit inklusive. So ging es also mit mir zu Ende? Ein unbedachter Schritt, der doch nur einer von vielen war? „Aber man kann doch nicht auf jeden Einzelnen achtgeben!“ versuchte ich scheinheilig mich zu rechtfertigen. Doch das letzte Hemd hat leider wirklich keine Taschen. Keine Chance etwas mitzunehmen und Nichts, wo ich mir hätte hineinlügen können. Nun gut, es war abzusehen gewesen, dass ich irgendwann einmal dafür die Quittung bekommen würde. Ausgestellt vom Tod persönlich. Als Verwendungszweck schrieb er:

Wie vorhergesagt!

Und in Klammern, ja er fügte tatsächlich in Klammern hinzu:

(Sie wollte ja nicht hören. Und wer nicht hören will, muss fühlen! 
Die, Bitch die! Hihi…)

Hihi. Soso. Der Tod war ein Scherzkeks und ich lachte ihn aus. Wer jemals glaubte, er würde mit einer in Blut getränkten Pfauenfeder schreiben, welche sich mit ekligen Kratzgeräuschen über Pergamentpapier quält – der sei hiermit seiner Illusion beraubt: Der Tod hat einen hundsgewöhnlichen Quittungsblock und schreibt mit einem abgegriffenen und widerlich abgekauten Geha-Füller! Zu meiner Schulzeit waren die Geha-Füller-Schreiber die Loser schlechthin. Es versteht sich von selbst, dass ich in Besitz eines Pelikan-Füllers gewesen war. In Rot. Die blauen Füller benutzen die Jungs. Ich mochte die Rebellen, die mit Kugelschreiber schrieben. Ich fragte mich, ob der Tod zum Tintenschreiber auch einen dazugehörigen Tintenkiller parat hatte. Im gleichen Moment fand ich die Frage absurd. Ich war die Tinte und er der Killer.

Er würde mich entfernen. Einfach so auslöschen! Ich erinnerte mich daran, dass beim Einsatz eines Tintenkillers, auf dem Papier immer noch ersichtlich war, dass da etwas gekillt wurde. Der Gedanke gefiel mir, denn sehr gerne würde ich Spuren hinterlassen. Oder ob er mich einfach überschreiben würde? Das richtige Wort einfach drüber montieren? Welches Wort ich wohl gewesen bin? Und was ist falsch daran gewesen? Ich schauderte bei dem Gedanken vielleicht ein jämmerlicher das/dass-Fehler gewesen zu sein. Oder gar ein „h“ in dämlich? Vielleicht bin ich als Wort auch einfach überflüssig geworden. Ein Blähwort wie „eigentlich“. Ich vermutete, ich wäre irgendein trotziges Widerwort gewesen. „Aber“ oder „Doch“.

Vielleicht.

Auch.

Nicht.

Am wahrscheinlichsten war ich jedoch ein Fremdwort, das gekillt werden musste, weil keiner es Aussprechen konnte oder gar verstand. Plötzlich war ich mir sicher: ich war ein aussterbendes Wort! Bedroht durch Wegfall! Ich starb schließlich in diesem Moment weg. Zwar im freien Fall, doch allein diese Tatsache war so albern und widersprüchlich. Wie frei kann ein „Freier Fall“ schon sein? Das Fallen geht mit einer unwiderruflichen Zwangsläufigkeit einher. Definitiv: ich würde bitterböse aufschlagen! Irgendwann. Früher oder später. Ja, wann überhaupt? Wurde ich nun etwa ungeduldig? Ich verspürte tatsächlich das Bedürfnis auf die Uhr zu schauen, obwohl ich nie eine trug. Ich war doch zeitlos immer so glücklich gewesen. Und jetzt spielte ich die Hauptrolle in „Vom Winde verweht“? Es dämmerte mir, denn dieser Klassiker hat ja auch eine Spieldauer von fast vier Stunden.

Es weht der Wind ein Blatt vom Baum,

von vielen Blättern eines.

Das eine Blatt man merkt es kaum,

denn eines ist ja keines.

Ich zäumte den Gaul von hinten auf. Als ich es bemerkte, schob ich die Gedanken an Trauersprüche in Beileidskarten beiseite.

Okay… Ja, es war die rechte Hand des Teufels, der das tat. Mit der linken zerrte er mich unsanft, wirklich sehr, sehr unsanft, also verdammt grob, aus meiner Hängematte. Für mich war ganz klar: das symbolisiert das Aufprallen! Hach, das war ja Pillepalle, nur so ein bisschen Rumgezerre.

Und dann…

zerrte ich zurück.


Kinoabend mit Popcorn und mit dem Teufel und viel, viel, viel Tamtam und der Morgen danach

Er presste mich in einen Sitz und ich nahm wahr, dass wir in einer Art Kinosaal waren. Es war ein recht kleiner Raum und es fehlten alle Sitzreihen, bis auf die, in der ich nun saß. Vor mir ein hübsch liebevoll gedeckter Tisch mit allem Tamtam, auf dem sogar eine Kerze brannte. Sie war schwarz und ich fragte den Teufel trocken: „Der Letzte macht das Licht aus?“ „Ich stelle hier die Fragen, also Klappe!“ schnauzte er mich an. Ich verstummte vorsorglich. „Also“, fuhr er etwas netter fort „Welchen Film willst du sehen? Was willst du essen? Was trinken? Und, ach ja“, er grinste. „Rauchen ist nicht!“ Sprachlos sah ich zu, wie er sich direkt im Anschluss genüsslich eine Zigarette an meinem Lebenslicht anzündete. Immerhin hat er kein Streichholz benutzt und dabei einem Matrosen das Licht ausgeblasen.

Der fahle Schein der brennenden Kerze warf seltsame Schatten in seine Teufelsfratze. Ich musterte ihn von oben bis unten und dachte „Meine Güte, der Teufel ist sooo sexy!“, während ich, sagen wir mal „der Situation nicht ganz angemessene“ Gefühle in mir aufwallen spürte, die mich schon immer etwas übermütig werden ließen. Unter Berücksichtigung einer Prise Verruchtheit in der Stimme und in dem mir bestmöglichen untertänigstem Tonfall fragte ich ihn also: „Wie sieht es denn aus mit…–“

Was?

unterbrach er mich schroff und starrte mich mit glühenden Augen warnend an. Ich räusperte mich, um etwas Zeit zu schinden und entschied mich dann natürlich doch dafür, die Warnung tollkühn zu ignorieren. Nun eher kläglich leise schloss ich meine Frage mit dem Wort:

„Sex?“

Sein schallendes Lachen schien direkt aus der Hölle zu kommen, aber es lockerte die Stimmung ungemein auf und ich entspannte mich ein wenig. Es war klar gewesen: ich hatte nicht wirklich eine Wahl was den Film betraf. Dennoch wurde ein ausgesprochen nettes Stelldichein daraus. Nachdem ich jedes Essen genossen hatte, was mir in den Sinn gekommen und Jack in Strömen durch meine Kehle geflossen war – ich hatte mir fest vorgenommen, an meinem letzten Lebensabend mein Blut durch Mister Daniels‘ lieblichen Saft auszutauschen – schauten wir uns den Film meines Lebens an. Der Teufel hatte sich inzwischen ganz lässig neben mich gesetzt und stopfte wie in Trance Popcorn in sich hinein, während er gebannt auf die Leinwand starrte. Ich vergaß irgendwie wer er war und kuschelte mich bei besonders anrührenden Szenen an ihn. Die Hitze, die von ihm ausging übertrug sich auf mich und ich wurde unruhig. Besonders wenn ich mich selbst fast oder völlig unbekleidet auf der Leinwand sah. Heimlich beobachte ich ihn von der Seite und stellte mir vor, wie –

Vergiss es!

knurrte er mich an, ohne dabei seinen Blick vom Film lösen. „Und bock jetzt nicht rum!“ ermahnte er mich streng, als ich mich empört von ihm abwendete und trotzig meine Arme vor dem Körper verschränkte. „Alles zu seiner Zeit, okay? Komm wieder her.“, fügte er etwas freundlicher hinzu und sofort war ich wieder bei ihm. Hach, so göttlich dieser Teufel…

Leider muss an dieser Stelle der berüchtigte Filmriss stattgefunden haben und ich erwachte, sehr darüber empört, in meiner fiktiven Hängematte. Der Wind blies nun allerdings weitaus stärker und ich hatte Mühe, meine Position zu halten, während die „Hängematte“ wild hin und her tänzelte. Das ganze bekam eine merkwürdige Dynamik und es kam, wie es kommen musste: ich flog in hohem Bogen raus und…

Ich fiel und fiel und fiel… Der Fall ging rasend schnell, so dass kaum ein Gedanke zu Ende gedacht werden konnte. Panik, Schweißausbruch und Fassungslosigkeit waren nun wohl doch meine finalen Begleiter. So ging es also mit mir zu Ende.

Hart schlug ich auf dem Boden auf. Benommen wartete ich auf die Schmerzen meiner zersplitterten Knochen und aufgeplatzten Organe. Doch außer einem fürchterlichen Pochen und Pulsieren in meinem Kopf spürte ich nichts. Wieso konnte ich mit zertrümmertem Hirn überhaupt noch Denken? Ich schlug die Augen auf. Und sofort wieder zu. Da lag ein Kerl neben mir. Und er hatte unheimliche Ähnlichkeit mit dem Teufel. Ich schnellte hoch und schaute mich um. Mir wurde schwindelig als ich erkannte, dass ich nackt und einfach nur in meinem Schlafzimmer war. Ich quälte mich aus dem Bett, schlang die Decke um mich, tappte verwirrt hinaus und schaute mich im Rest der Wohnung um.

„Himmel, Arsch und Zwirn!“

Mein Blick wanderte vorbei an überquellenden Aschenbechern über unzählige leere Flaschen und, was mich sehr irritierte, über verschiedene Spielbretter und dazugehörige Spielfiguren. Ich mochte spießige Gesellschaftsspiele nicht. Ich entdeckte weiteres Spielzeug: Würfelbecher, Kartenspiele, Zettel auf denen scheinbar irgendwelche Spielstände notiert worden waren. Es war die reinste Spielhölle. Und wer räumt das jetzt alles wieder auf?

„Der Tod soll wundervoll sein?“ rief ich empört in den Raum. „Ach egal“, brummte ich und watschelte ins Badezimmer. Nix mit Flatline. I walk the damn line! „Same shit, different day”, murmelte ich und warf einen Blick in den Spiegel. Und dann… wollte ich sofort sterben.

Wie ein ebensolcher Schwan sank ich zu Boden und suhlte mich in meinen Elend. Ich muss kurz abgedriftet sein, denn plötzlich saß der Teufel kniend vor mir und reichte mir ein Glas Wasser. Dankbar nahm ich es an und leerte es gierig. Angriffslustig fixierte ich ihn und wollte gerade zu einer Schimpftirade ansetzen, als er mir zuvorkam und grinsend sagte: „Kaffee läuft, keine Sorge.“ Hachja…

Beim gemeinsamen Frühstück klärte er mich auf. „Du wolltest unbedingt um dein Leben spielen. Normalerweise machen wir sowas nicht. Aber du hast so bittersüß darum gebettelt, dass ich dann auch Lust bekam. Ich musste zwar ein bisschen zaubern und den alten Gevatter überzeugen, aber schließlich stimmte er zu.“ Lachend erzählte er weiter: „Er hat sich deinen Film im Schnelldurchlauf angesehen und meinte, es könnte durchaus amüsant mit dir werden.“

„Und? Und? Wer hat gewonnen?“ hakte ich ungeduldig nach. Er blieb mir die Antwort nicht sooo direkt schuldig, aber sie ging im Rauschen meines Kopfs irgendwie unter. Ich fiel und fiel und fiel…

Tief und tief und tiefer drang er in mich ein und raubte mir den letzten Funken Verstand, den ich ihm, zugegebenermaßen ausgesprochen bereit und willig, überließ. Ich wurde ganz friedlich, wie ein schnurrendes Kätzchen, das seinen Rausch ausschläft. Meine Krallen würde ich später auch noch ausfahren können. Dann, wenn der Teufelskerl es nicht erwartete. Manchmal gewinnt man, manchmal verliert man. Aber: ich war mich sicher, dass ich noch ein Ass im Ärmel hatte.


 



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6 Kommentare zu “Viel, viel, viel!

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