Puzzlement

Kneipchen im Park

Auf Nimmerwiedersehen

„Der Himmel ist blau und der Rest deines Lebens wird schön, jiiihaaa!“, rufst du mir übermütig zu, während du dich zu mir auf die grünblaukarierte Decke fallen lässt. Deine Lebensfreude ist wirklich ein klitzekleines bisschen ansteckend, aber zu mehr als einem müden Lächeln kann ich mich nicht aufraffen. „Es muss nicht immer alles in einem Blutbad enden, weißt du?“, sagst du sanft, während du mir mit einer liebevollen Geste eine Haarsträhne aus dem Gesicht streichelst. Jetzt muss ich wirklich lächeln. Aufrichtig. Ich mag, wie unermüdlich du mich zu motivieren versuchst, ich mag, dass du mich niemals aufgibst, ganz gleich, in welchen Eingeweiden ich gerade wühle und wessen Blut ich zu trinken gedenke.

Wir sind mal wieder im Park. Der Park, in dem so vieles begann und noch viel mehr endete. Sollten wir uns jemals verlieren, wäre hier unser Treffpunkt. Wir wüssten, dass wir beide immer wieder hierher zurückfinden würden. „Weißt du“, fängst du an zu philosophieren, und ich ahne welches Thema es sein wird, „ich glaube, bei dir ist das so eine genetische Sache.“ Ich höre dir trotzdem zu, sehr gerne sogar, schließlich dreht es sich um mich. „Du kannst einfach gar nicht anders. Es ist so vorherbestimmt, dein Schicksal. Also auch meins. Du weißt schon. Weil ich mich ja um dich kümmern muss. Wer sollte es sonst machen? Ja, wer könnte das überhaupt? Mein Schicksal. Ist so vorherbestimmt. Fertig. Aus. Ende-Gelände!“ Ich grinse. Deine Lieblingserklärung. Nur mit dieser kannst du mir immer wieder deine Existenz an meiner Seite schmackhaft machen. Ich könne ja nicht anders, Genetik halt, und deshalb bräuchte ich dich, alleine dich, um klarzukommen. Und verdammt, ich weiß, dass du so sehr recht damit hast. „Ach, schneidest du uns ein paar Äpfel auf? Da hätte ich jetzt Lust drauf.“, sagst du absichtlich unschuldig, wie einen sehr unwichtigen Nebensatz. Ich erstarre. Und ich spüre sofort, wie du mich mit Argusaugen beobachtest und meine Reaktion ganz genau analysierst. Ich würde gerne tief einatmen. Ich würde dir gerne wehtun. Ich würde so gerne… aufstehen, davonlaufen und niemals wiederkehren. Auf Nimmerwiedersehen

„Es ist okay, mein Liebling“, höre ich dich flüstern, „es ist… es ist nur ein Messer, weißt du? Ein… Kneipchen nennen wir das, erinnerst du dich? Komm… sag mir, was es ist, ja?“ fügst du hinzu während du meine Hand in deine nimmst und sie streichelst. Fortwährend streichelst du mich. Es ist deine Art, du glaubst, es hat eine beruhigende Wirkung auf mich. Hat es. Ich tue dir, und noch viel mehr mir, den Gefallen und leiere hinunter, was ich gelernt habe: „Es ist ein Schälmesser. Mit einer nach innen gebogenen Klinge.“ Ganz ruhig kommen mir die Worte über die Lippen, während in mir drin ein Orkan zu wüten droht. „Es ist gut dafür geeignet, Obst und Gemüse zu schälen, ohne…“ Meine Stimme bricht und ich gerate ins Stocken. Vor meinem inneren Auge breitet sich rote Flüssigkeit aus. Du drückst meine Hand, aufmunternd und auffordernd. Ich räuspere mich und fahre fort: „Ohne… ohne dass allzu viel… Fruchtfleisch… verloren geht…“ Die erste Träne kullert aus meinem Auge. „Man kann damit… besonders gut… gut… Kartoffeln schälen.“ Unzählige Tränen folgen der ersten. Ich denke an Kartoffelsäcke. Kartoffelsäcke, in denen alles drin sein kann. Alles, nur keine verdammten Kartoffeln. „Das ist gut, sehr gut! Weiter so!“, greifst du in meine Gedanken ein. „Aber heute, jetzt, jetzt schälst du einfach ein paar Äpfel. Mit einem hundsgewöhnlichen Küchenmesser. Einverstanden?“ Ich nicke. Und tue es einfach. Ich rede mir ein, dass alles gut gehen wird. Ich schneide einfach diese Äpfel, reiche dir die Stücke direkt in den Mund. Ich weiß, dass du das magst. Vielleicht auch von Mund zu Mund, das magst du noch viel mehr. Alles wird gut, der Himmel ist blau und der Rest meines Lebens wird schön. Ist doch alles nur Genetik, ich kann gar nichts dafür. Mit dir an meiner Seite, der mich wieder und wieder daran erinnert, wird alles gut. Irgendwie. Irgendwann. Vielleicht für immer.

Und du hast Recht. Es klappt ganz wunderbar. Niemals habe ich süßere Äpfel genossen. Die Stücke, die ich dir reiche, führen schnell dazu, dass es dir eben nicht mehr reicht. Kauend und schmatzend küssen wir uns, immer wieder und wieder, wälzen uns ineinander, umeinander und ich werde leichter und leichter. Das Leben ist wunderbar leicht, wenn man weiß, wie es geht. Und wenn man weiß, was man besser nicht tun sollte. Ich weiß es bald, ich bin mir sicher. Bald wird meine Welt nur noch aus schönen Dingen bestehen. Aus Tagen im Park, und im Hochsommer vielleicht sogar aus Nächten. Grünes Gras, das meine Füße kitzelt und Hummeln, die mir in die Ohren brummen. Blauer Himmel und weiße Wolkengebilde, aus denen bei längerem Hinsehen, irgendwelche Silhouetten werden. Sonne auf meiner Haut und ganz viel Wärme in meinem Herzen. So wird es sein. Ich werde zufrieden und glücklich sein.

Ich schaue in deine hübschen, warmen Augen und sehe, dass du es wahrnimmst und voller Hoffnung bist. Selbst der Himmel, der gerade dabei ist, sich zu verdunkeln und uns wahrscheinlich ein klärendes Sommergewitter bescheren wird, kann unsere Stimmung nicht trüben. Ich bin regelrecht vergnügt, als wir unsere Sachen zusammenpacken und den Park verlassen. Die ersten Regentropfen lassen sich blicken und hinterlassen angenehm kühle Tröpfchen auf meiner aufgeheizten Haut. Instinktiv schaue ich nach oben. In den graublaudunklen Himmel, der das Ende dieses wunderbaren Tages einläutet. Da sehe ich sie. Zunächst bin ich noch unsicher, aber nicht lange, ich identifiziere sie recht schnell. Diese Regentropfen, die sich nur tarnten. In Wirklichkeit sind es abertausende Glitzersternchen, die vom Himmel regnen, direkt auf mich hinab. Sie hüllen und lullen mich ein, ich bin fasziniert von ihrer unschuldigen Schönheit. Sie sind bunt, wunderschön bunt. Sie färben auf mich ab und dringen in mich ein. In jede Pore setzen sie sich fest, machen es sich gemütlich und ich glaube, sie fangen sogar an zu schnurren. Und sie sind warm, so herrlich warm und weich. Sie füllen mich nun vollends aus und es hört und hört nicht auf, zu regnen. Sie formieren sich zu einem Regenbogen. Ich würde so gerne… auf ihm spazieren gehen, flanieren… auf ihm davonlaufen und niemals wiederkehren. Auf Nimmerwiedersehen…



 

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8 Kommentare zu “Kneipchen im Park

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