ODD

On the road with Jackie K.

Eine Wanderung… eine Episode… eine Freundschaft…

Da war diese Jägermeisterin. Sie trug eine beige Cordhose, ein grünweißkariertes Hemd und dazu orangefarbene Hosenträger. Sie war ein verzauselter Rotschopf und ihr freches Gesicht zierten unzählige Sommersprossen. An einer Leine in ihrer Hand führte sie ihren besten Freund, diesen überaus riesigen Marder spazieren. Einen prächtigen Vielfraß. Auf ihm saß diese Elfe in einem rosaroten Prinzessinnenkleid. Eine niedliche Elfe. In ihrer linken Hand hielt sie stets einen Spiegel, mit welchem sie regelmäßig ihr Make-Up überprüfte. In ihrer rechten Hand hielt sie eine Gerte, mit der sie unaufhörlich versuchte den prächtigen Vielfraß zu einer schnelleren Gangart zu bewegen. Doch der Riesenmarder war gut erzogen und hörte nur auf die Anweisungen der Jägermeisterin und diese hatte klar und deutlich „bei Fuß“ gesagt. Das Hauen störte den prächtigen Vielfraß nicht, dazu war sein Fell viel zu dick. Vielmehr störte ihn die niedliche Elfe generell. Sie hatte sich den beiden Freunden als die wiedergeborene Jackie Kennedy vorgestellt, obwohl sie keinerlei Ähnlichkeit mit dieser aufwies. Doch genauso benahm sie sich: wie eine verwöhnte First Lady. Sie hatte versucht sich zwischen ihn und die Jägermeisterin zu drängen und ihre Freundschaft zu zerstören. Zwar war ihr das nicht gelungen, aber dennoch hatte die Jägermeisterin ihr gestattet, dass sie die beiden Freunde auf ihrer Wanderung begleitete. Sie war einfach zu gutmütig.

Die niedliche Elfe hielt sich für ausgesprochen klug und erzählte den ganzen Tag weise Geschichten. Sie trug eine außergewöhnlich hübsche Krone in ihrem goldblond gelockten Haar, in welcher sich ein zierliches Rotkehlchen ein Nest gebaut hatte. Die üppige Haarpracht der niedlichen Elfe ergab umrandet von der Krone an sich schon ein recht stabiles Nest. Das Rotkehlchen hatte es mit wenigen Zweigen nur ein wenig dekoriert. Dort thronte es auf ihrem gerade gelegten Ei. Ein herrliches Ei. Eigentlich hatte sie einmal fünf herrliche Eier gelegt, doch vier davon hatte die niedliche Elfe zu Rührei mit Speck und Bratkartoffeln verarbeitet. Ein leckeres Mahl für die ausgehungerten Wanderer, trotz allem Leid, was es über das Rotkehlchen gebracht hatte. Das letzte Ei hatte die niedliche Elfe dem Rotkehlchen gelassen. Jedoch nicht aus Mitleid oder Barmherzigkeit, sondern nur deshalb, weil das Rotkehlchen der niedlichen Elfe mit eindringlich und hasserfüllten „Ziibziibziib“-Lauten gedroht hatte, ihr die Augen auszupicken, sollte sie sich wagen auch nur daran zu denken, auch noch das letzte Ei anzurühren. Das Rotkehlchen wäre zwar ohnehin alleinerziehend und mit fünf Küken eventuell überfordert gewesen, da die niedliche Elfe Papa Rotkehlchen nach der Paarung in die Pfanne gehauen hatte. Dennoch sah das Rotkehlchen sich dieser Aufgabe gewachsen und hatte ihr letztes Ei vehement verteidigt.

Fortan spazierten sie also zu viert durch das Land, ohne Ziel und einfach immer der Nase der Jägermeisterin nach. Nach etwa 15 Tagen bemerkte das Rotkehlchen das erste Klopfen unter sich und gab das Ei sofort frei. Es verabschiedete sich geschwind von der Jägermeisterin und dem prächtigen Riesenmarder, flog davon und wurde nie wieder gesehen. Verwundert sahen die beiden Freunde dem Rotkehlchen hinterher und verstanden nicht, was es damit auf sich hatte. Die niedliche Elfe bekam davon nichts mit, da sie wie üblich und sehr konzentriert damit ausgefüllt war, den Spiegel zu balancieren und sich darin zu betrachten und den prächtigen Vielfraß mit der Gerte zu malträtieren, während sie nicht müde wurde, ihre altklugen Geschichten zu erzählen.

Das Küken im Inneren des Eis wusste, dass seine Zeit gekommen war und begann gegen die Schale zu picken. Mit Hilfe seines sehr kräftigen Eizahns dauerte es nicht lange bis es durch war. Es hatte jedoch in die falsche Richtung gepickt und stieß auf den Boden seines Nestes, die goldblonden Locken der niedlichen Elfe. Da das mutterlose Küken es nicht besser wusste, wühlte es sich hindurch bis es die Kopfhaut erreichte. Die niedliche Elfe war weiterhin viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt und bemerkte nicht, wie das Küken sich pickend durch ihre Kopfhaut und Plattenknochen fraß und schließlich in ihren Kopf eindrang. Das Küken richtete sich sofort häuslich ein und genoss sein neues warmes Zuhause. Es nährte sich vom Hirn der niedlichen Elfe. Das war sehr praktisch, denn natürlich wuchs das Küken und benötigte mehr und mehr Platz. Doch wer isst, muss auch verdauen. Und so kam es nach kurzer Zeit dazu, dass aus dem Mund der niedlichen Elfe plötzlich nur noch Scheiße kam.

Inzwischen hatten sich auch die Augen des Küken geöffnet und es sah plötzlich, in welch beschissener Umgebung es lebte. Es pickte sich aus dem Kopf der niedlichen Elfe heraus und wollte davonfliegen, schließlich war es ja ein Vogel. Mit nur ein paar Daunen und lediglich Ansätzen von Federkielen ließ es sich aber nicht gut fliegen und so plumpste es über das hübsche Prinzessinnenkleid der niedlichen Elfe über den Nacken des prächtigen Vielfraßes auf den Boden. Direkt zwischen die Vorder- und Hinterläufe des Riesenmarders. Bei dessen nächstem Schritt wurde es von einer der Hinterpfoten mit einem schlotzigen „Pffschtgrr“-Geräusch zerquetscht.

Das Rotkehlchenküken hatte jedoch den Weg über ein Auge der niedlichen Elfe gewählt. Als die Jägermeisterin sich zufällig einmal umdrehte, sah sie den baumelnden Augapfel  der niedlichen Elfe und blieb stehen. Nun nahm sie auch wahr, dass die ganze niedliche Elfe ziemlich derangiert aussah und wies sie zurecht. Aber sie reagierte überhaupt nicht darauf. Dann sah sie das leere Nest und das Loch im Kopf der nun nicht mehr ganz so niedlichen Elfe. Plötzlich registrierte sie, dass die ehemals niedliche Elfe gar keine Geschichten mehr erzählte, sondern nur noch ein monotones „Tschilptschilp“ von sich gab. Es war ihr vorher nicht aufgefallen, weil sie schon lange auf Durchzug geschaltet hatte, sobald die ehemals niedliche Elfe auch nur einen Ton von sich gegeben hatte. Nun stellte sie fest, dass die ehemals niedliche Elfe völlig verblödet war.

Die Jägermeisterin warf dem prächtigen Vielfraß einen wissenden Blick zu. Er verstand sofort, schaute sich kurz in der Umgebung um und machte einen imposanten Bocksprung. In hohem Bogen flog die ehemals niedliche Elfe durch die Luft und als ob der prächtige Vielfraß die Flugbahn genau berechnet hätte, endete der letzte Höhenflug der nun nicht mehr niedlichen Elfe an einem dicken Baumstamm in einem massiven Ast, der ihr Herz durchbohrte. Der Ast knarzte und knirschte ehe er nachgab und unter dem Gewicht der ehemals niedlichen Elfe brach und diese mit einem dumpfen Schlag auf die Erde prallte. Die Jägermeisterin und der prächtige Vielfraß nickten sich zufrieden zu. Mit einem „Pomperlopompf“-Geräusch fiel der Spiegel zwischen ihnen auf das Gras. Die Jägermeisterin hob ihn auf und steckte ihn ein und hielt dann Ausschau nach der Gerte, konnte sie jedoch nirgends entdecken.

„Klonk!“ Die Krone landete direkt auf dem dicken Schädel des prächtigen Vielfraßes. Er versuchte sie abzuschütteln, was ihm aber nicht gelang, weil sie sich durch die Wucht des Aufpralls fest um seinen Schädel geschmiegt und seine Ohren eingequetscht hatte. Die Jägermeisterin half ihrem Freund, indem sie vorsichtig die Ohren nach oben aus der Krone herauszog. „Ach lass das doch so, das sieht hübsch aus!“ sagte sie und hielt ihm den Spiegel vor die Vielfraßnase. Da durch die befreiten Ohren der Druck auf den Kopf nachgelassen hatte, nickte der Riesenmarder zustimmend und trug die Krone fortan mit Stolz und Würde, wie es sich für einen ohnehin prächtigen Vielfraß gehörte.

Der Blick der Jägermeisterin fiel auf den leblosen Körper der ehemals niedlichen Elfe und sie sah, dass deren bleiche Hand die Gerte noch immer fest umklammert hielt. Der prächtige Vielfraß sah seine Chance einen schon lange gehegten Verdacht zu überprüfen und bedeutete der Jägermeisterin zu der ehemals niedlichen Elfe zu gehen. Dort versuchte er der ehemals niedlichen Elfe unter das Prinzessinnenkleid zu lunzen. Die Jägermeisterin half ihm und lüftete den Rock des Kleides. „Ha! Nicht zu fassen! Unsere First Lady war ein Jack!“

Ein merkwürdiges und immer lauter werdendes „Flappflappflapp“-Geräusch ließ die beiden Freunde zum Himmel schauen: ein riesiger Schwarm Rotkehlchen näherte sich. Sie kreisten für eine Weile über dem Baum unter dem die ehemals niedliche Elfe lag und schienen unschlüssig, was sie tun wollten. Doch tatsächlich brachten sie sich in Position und mit einem Mal begann eine Art Gewitter. Maschinengewehrartig feuerten sie ihren gesamten zur Verfügung stehenden Vogelkot auf die ehemals niedliche Elfe ab. Es dauerte nicht lange bis sie komplett zugekackt war. Nur die Gerte schaute noch vorwitzig hervor.

Da fiel der Jägermeisterin etwas ein und sie nahm dem prächtigen Vielfraß das Halsband und die Leine ab und entschuldigte sich bei ihm dafür, dass sie nie eingegriffen hatte, als die ehemals niedliche Elfe den Riesenmarder damit ständig gereizt hatte. Der prächtige Vielfraß antwortete ihr mit einem kräftigen, aber freundlich gesonnenem „Wouff!“. Die Jägermeisterin verstand. Ihre Freundschaft hatte darunter nicht gelitten und die ehemals niedliche Elfe war nur eine Episode gewesen. Sie hatte halt einen Vogel gehabt.

Die beiden Freunde setzten ihre Wanderung fort und hatten von nun an ein Lieblingslied, welches sie fröhlich pfeifend und singend in die Welt hinaus posaunten…

Hit the road Jack… and don’t you come back no more, no more, no more, no more… Hit the road Jack… and don’t you come back no more…



 

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