Puzzlement

Warnungen ↔ Chancen [V1]

„Mein Ego ist zu groß!“

Ich war überrascht, das aus Deinem Mund zu hören.


„Komm doch rein, nimm Dir nen Keks! Und fühl Dich wie zu Hause!“ Ich hatte meinen Standardspruch runter geleiert und hatte mich schon fast abgewendet, sicher dass Du mir folgen würdest.

„Ich kann nicht! Mein Ego ist zu groß!“ Ich war überrascht, das aus Deinem Mund zu hören.

Immerhin setzt diese Aussage ein gewisses Maß an Selbstreflexion voraus, was ich Dir am allerwenigsten zugetraut hätte. Sicher, dass Du ein arrogantes Arschloch bist, das wusste ich. Trotzdem hieß ich Dich willkommen. Wie alle, die den Weg zu mir fanden.

„Ich passe nicht durch diese Tür! Und selbst wenn ich mich irgendwie ‚durchwurschtle‘… wenn ich erst mal drin bin, mache ich alles kaputt!“

Ich musterte Dich intensiv. Du hattest recht, es könnte wirklich etwas knapp werden, so groß und kantig wie Du bist. Trotzdem! Du musstest irgendwie reinkommen. Du solltest die lange Reise nicht umsonst auf Dich genommen haben.

„So ein Quatsch! Wir kriegen das schon hin! Schau mal die Kleine da drüben.“ Ich lenkte Deinen Blick in ihre Richtung. „Als sie vor ein paar Tagen hier ankam, hatte sie nur 0,375 Prozent Selbstbewusstsein dabei. Sie wollte auch erst nicht reinkommen, weil sie Angst hatte, sie wäre so klein, dass sie andauernd herum kullern würde, von einer Ecke in die andere. Und schau sie Dir jetzt an, wie gefestigt sie da sitzt.“

Ich war glücklich, sie so zu sehen.

Du zögertest noch immer, Dein Gesichtsausdruck wurde noch zerknirschter. „Meinst Du wirklich? Mein Ego ist wirklich enorm ausgeprägt und ich bin ein gebranntes Kind. Am Ende wirst Du mich doch wieder davon jagen…“

Langsam wurde ich wütend, denn Deine Worte zeigten mir, dass Du wirklich keine Ahnung hattest.

„Ja! Ich meine wirklich!“ Also gut, ich musste dann wohl etwas weiter ausholen. „Es ist so: In meiner Welt hat jeder einen Platz! Man muss sich nur benehmen und die Grundregeln des menschlichen Miteinanders beachten. Jeder kann das lernen, ob groß oder klein. Die Welt passt sich an! Bist du riesig, dehnt sie sich aus. Und bist Du winzig klein, so kommt sie Dir entgegen und bettet Dich behutsam ein.“

Ich warf Dir einen aufmunternden Blick zu. „Und? Probieren wir es einfach mal?“

Zusammen und mit Hilfe von Trick Siebzehn, meinem engsten Vertrauten, hatten wir Dich dann durch die Tür geschoben. Ein paar Kratzer hast Du dabei abbekommen, aber ich wusste, alles würde heilen.

Mit hochroten Köpfen standen wir da und mussten erst einmal Luft schnappen, doch es war vollbracht.

Der größte Fehler meines Lebens.

Es fing ganz gut an. Ich führte Dich herum, stellte Dich allen vor. Du warst höflich und zuvorkommend, gar nicht so, wie Du Dich selbst zuvor beschrieben hattest. „Na also, geht doch!“ dachte ich mir.

Einige hatten tatsächlich Angst vor Dir. Dein Schatten eilte Dir immer voraus und verdunkelte die Umgebung um Dich herum. Doch alle wussten: wenn ich Dich hereingelassen hatte, kannst Du so schlimm nicht sein. Sie vertrauten mir.

Ich habe sie alle enttäuscht.

Ich habe sie nicht absichtlich im Stich gelassen, doch ich musste raus. Ich brauchte mal wieder etwas Abstand, etwas Ruhe, ich wollte zu mir kommen. Zu viele Emotionen haben ihren Preis. Ich nahm mir schon seit einiger Zeit immer wieder kleine Auszeiten. Wenn ich dann erholt und frohen Mutes zurück kam, gab es immer ein großes Hallo und wir veranstalteten Feste, auf denen wir ausgelassen feierten. Für eine kurze Zeit sind alle immer auch ohne mich klar gekommen.

Die letzte Auszeit war tödlich.

Ich kehrte zurück und da stand ich vor ihnen, den Trümmern meiner Gefühle.

Ich hatte den Rauch schon von weitem gesehen. Wie ein hässlicher grauer wabernder Wurm zog er gen Himmel. Panik überkam mich und ich lief los. Meiner Welt entgegen.

Lange stand ich da und starrte sie an, unfähig auch nur ein Wort zu sagen oder einen Schritt zu tun.

Nur eine hat überlebt, wobei noch nicht sicher ist, ob sie durch kommt. Sie war eine der ersten die von Dir getroffen wurden und war dann lange Zeit ohnmächtig. Nur mühsam konnte sie die Ereignisse rekonstruieren. Ausgerechnet sie, die Kleine mit den großen Minderwertigkeitsgefühlen, die wie ein Tumor aus ihr herausgewachsen waren, als sie damals zu mir kam.

Sie erzählte mir, wie Du durchgedreht bist. Wie Du anfingst, alle zu vergiften. Die Ausdünstungen Deines Hasses verbreitet hast. Dann wie Du ohne Rücksicht auf Verluste, Deine gewetzten Messer in ihre Seelen gestoßen und genüsslich darin herum gestochert hast. Zuerst haben sie sich noch zur Wehr setzen können. Doch Du warst zu stark, zu dominant. Und ihre nur mühsam gesundeten Herzen zu schwach. Du sollst hämisch gelacht haben, während Du sie abgeschlachtet hast.

Sie hatten versucht mich zu erreichen. Doch ich war nicht greifbar, zu weit weg. Die Vorwürfe lassen mich nicht schlafen. Wieso habe ich es nicht gespürt? Ich habe sie alle nicht retten können.

Du hast ein Messer zurück gelassen. Ich habe es aufgehoben. So wie es ist, verschmiert und mit angetrockneten Resten der verlorenen Seelen, habe ich es eingesteckt und trage es nun immer bei mir.

Als ewige Mahnung. Und als Waffe. Denn ich werde nicht aufgeben, ehe ich Dich gefunden habe.

Derweil werde ich mir eine neue Welt aufbauen. Das Geschehene wird mich nicht aufhalten, es wieder zu versuchen. Aber ich werde jetzt vorsichtiger sein, viel vorsichtiger. Und ich werde besser zuhören.

Es ist ja nicht so, als ob Du mich nicht gewarnt hättest.


[Text: März 2012]


 

 

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4 Kommentare zu “Warnungen ↔ Chancen [V1]

  1. „In meiner Welt hat jeder einen Platz! Man muss sich nur benehmen und die Grundregeln des menschlichen Miteinanders beachten. Jeder kann das lernen, ob groß oder klein. Die Welt passt sich an! Bist du riesig, dehnt sie sich aus. Und bist Du winzig klein, so kommt sie Dir entgegen und bettet Dich behutsam ein.“
    […]
    „Es ist ja nicht so, als ob Du mich nicht gewarnt hättest.“

    Grandioses Kino, Madame…. Ich verneige mich… :-)

    Gefällt 1 Person

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