MediumRare

ER-KLÄRUNG

Seltsamer Halt.

Seltsam ruhelos warst du plötzlich. Wir waren auf einer langen gemeinsamen Wanderschaft gewesen, fast immer Hand in Hand, hatten Berge erklommen, Täler durchschritten und Meere durchschwommen. Ich versuche noch immer den Tag einzukreisen, an dem sich das änderte. Ich finde ihn nicht. Nur den Tag, an dem es endete.

Es war der erste warme Frühlingstag in diesem Jahr und wir rannten förmlich hinaus, um ihn zu zelebrieren. Dir war enorm wichtig, dass ich mich wohlfühlte und du verwöhntest mich mit wunderschönen Erlebnissen. Und immer wieder schautest du mich so seltsam an. Ungewöhnlich lange Blicke, die ich genoss und welche mich doch irritierten. Es war der friedlichste Tag in unserem Leben, fast wie in Gold getaucht.

Der Tag klang harmonisch aus, voller Austausch und Zuneigung. Zum Abschied lange intensive Küsse, verheißungsvoll und aufregend. Umarmungen, Verschlingungen. So fest. So wissend. So sicher. Ich verließ dich seltsam befriedet und beschwingt. Ich war noch nicht weit gelaufen, als ich mich entschied zurückzukehren. Auch die Nacht sollte unsere werden. Aufgeregt lief ich die Treppen zu deiner Wohnung hinauf. Hier und da nahm ich zwei Stufen auf einmal, ich konnte kaum erwarten, dich wiederzusehen. Seltsam, es müssen Jahre vergangen sein.

Die angelehnte Tür hätte mich warnen sollen. Doch ich bildete mir ein, du wusstest, dass ich zurückkommen würde. Du wusstest doch immer so viel über mich. Ich hörte das Lied, welches damals auch im Hintergrund lief, als wir uns das erste Mal küssten. Der Song, bei dem wir uns lieben lernten und ich fühlte mich bestätigt, dass du in gleicher Stimmung sein musstest. So oft dachten wir das gleiche und konnten uns dennoch stundenlang darüber streiten. So viele Gemeinsamkeiten hatten wir gefunden und gleich doppelt so viele Unterschiede darin. Ich ließ dich in meine Abgründe schauen und hatte kaum zu Ende gesprochen, da warst du schon darin verschwunden. Wenn du wieder auftauchtest, erzähltest du mir, wie tief es wirklich dort war und warum ich davor keine Angst zu haben bräuchte. Du lehrtest mich hinzuschauen, hast mir die Welt mit deinen Augen gezeigt und mir erklärt. Du schultest und schärftest alle meine Sinne. Du wolltest mich wachsen sehen und ich wuchs über mich hinaus. Dann hast du mir die Augen verbunden, mich wild im Kreis gedreht, mich angehalten, festgehalten, so fest. Und mich geküsst. Mich groß und stark gemacht, fast riesig.

Mit klopfendem Herz schob ich behutsam die Tür weiter auf. Sekundenbruchteile bevor mein Verstand aussetze, wurde mir bewusst, dass du mir eine Sache nie erklärt hattest. Und dass ich nie danach gefragt habe. Mir genügte, was ich sah, was ich fühlte und zu wissen glaubte. Alles über dich. Dann hast du mir die Augen geöffnet, mich wild im Kreis gedreht, mich angehalten, festgehalten, so fest. Bis heute hältst du mich fest, du, der Moment, die Tür, der Raum, der umgeworfene Stuhl, deine Füße, frei im Raum schwebend. Ich wusste gar nichts über dich. 


 

Werbeanzeigen

4 Kommentare zu “ER-KLÄRUNG

°Kommentar °Kritik °Anregung... Very Welcome ♥

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s