BLOODY

Ohrenschmaus: Mahlzeit

Am Ende des Tages öffnen sich längst geschlossene Wunden. Das Knirschen und Krachen alter, aufbrechender Narben tönt laut in allen Ohren. Hässliche Engerlinge und unzählig andere Arten ranziger Gewissenswürmer stolpern hinaus und krabbeln in alle Himmelsrichtungen davon. Der Anblick und das damit einhergehende Geräusch erinnert an das eilige Getrippel ertappter Kakerlaken, auf die man im schlimmsten Fall noch einen Blick erhascht, bevor sie sich in Löcher verkriechen, von deren Existenz man bis dahin nichts ahnte.


Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich das in meinem Leben schon erlebt habe. Vor dem Zusammenbruch kommt die Euphorie. Doch dieses Mal bin nicht ich diejenige, die zusammenklappt. Ich beobachte, etwas gelangweilt und doch amüsiert, wie sie ihr scheinheiliges Interesse und ihre vorgetäuschte Leidenschaft zusammenklauben und sich kleinlaut aufmachen wollen, sich zurück in ihre scheinheilige Welt zu verpissen. Dort, wo sie üblicherweise doppelzüngig ihr einzig wahres Zeugnis auf ihrem Schutzwall aus Lügen ablegen.


Zunächst wollten sie gar keinen Wall errichten, das gestehe ich ihnen zu. Sie stapelten lediglich ihre kleinen Notlügen und billigen Ausreden in irgendeiner Ecke ihres verwackelten Lebens. Doch dann gerieten sie schon bald außer Kontrolle, verwilderten, wuchsen über sich hinaus, so dass aus einem kleinen Häufchen Elend recht schnell ein riesiger Klumpen wahnwitziger Erfindungen und surrealer Dichtungen entstand. Ein wahrlich beeindruckendes Massiv, aus welchem stetig krank wabernde Zellen wuchern und hinter dem es sich angenehm heuchlerisch verstecken lässt.


Längst sind mir die Worte für diese Widerwärtigkeiten abhanden gekommen. Deshalb lasse ich sie nicht gehen. Diesmal nicht. Erschreckend stumm zerre ich sie an ihren Haaren in mein Reich. Die ohne Haare leiden ein wenig mehr, denn ich schneide ihnen vor Ort den fetten Bauch auf. Ich packe sie an ihren übelriechenden Gedärmen und schleife sie zurück an den Ort ihrer Verbrechen. Hysterie erklingt wie Musik in meinen Ohren und ich lausche entzückt und entrückt ihrer Melodie. „Bye bye, Baby!“, hauche ich dem ersten aufrichtig herzlich ins Ohr, bevor ich abdrücke und ein mit meiner Liebe aufgefülltes Hohlspitzgeschoss anmutig seinen Schädel sprengt.DT WO-MAN


Ihre Augen sind wie geschaffen für Tomaten-Mozzarella-Spieße der anderen Art. Ihre Ohren geben nicht viel her, doch geräuchert werden sie zu einem derb leckeren Snack für zwischendurch. Ihre Nasen überlasse ich den Tieren und lasse sie wie Perlen vor die Säue purzeln. Die Geschlechtsteile eignen sich eigentlich für gar nichts. Mit Hilfe des Fleischwolfs ergibt sich, vermischt mit ihren lauwarmen Gehirnen, dennoch erstaunlich feines Mett. Aus ihrer in schmalen Streifen abgezogenen Haut drehe ich kleine Nester und lege sie in Honig ein. Zusammen mit ihrem Fleisch, fein gewürfelt, scharf angebraten und nur leicht gewürzt, werden sie ein herrliches, letztes Abendmahl erleben.


Mein Schatten fragt mich: „Wer bist du, dass du dir anmaßt, über sie zu richten?“

„Du wolltest sicher fragen, wer ich bin, sie so hübsch anzurichten?“, entgegne ich ihm unschuldig. Da kichert mein Schatten. „Und was machst du mit den Knochen und Knorpeln?“ fragt er nach. „Morgen ist Mahlzeit, mein Lieber, Mahlzeit!“


„Diese Arschlöcher“, sagt er später während des Essens kauend und grunzend zu mir: „Echt bitter! Aber man muss sie doch irgendwie gern haben, nicht wahr?“ Ich gluckse schmatzend: „Zum Fressen gern!“


 

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4 Kommentare zu “Ohrenschmaus: Mahlzeit

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