GuestSpot/SP

GuestSpot: Corypha umbraculifera

WhoooWhooo!!! 

Es ist mal wieder an der Zeit mich und Euch mit einem Gasttext zu beglücken! Erinnert Ihr Euch an den ersten Text von SuSa im Mrs.McGuestSpot? Den heutigen hat die von mir sehr verehrte Madame selbst ausgewählt und ja, was soll ich Euch sagen? Mir schmeckt es… verflucht gut! Danke SuSa

>>> SPOT ON >>>


Corypha umbraculifera

Es war mitten in der Nacht, als die erste Lichtblume durchs Fenster schien und Corinne
weckte. Sie war feuerrot und ihre Punkteblätter wunderschön. Gleich darauf stieß eine
violette Blüte in die Luft, dann ein ganzer Strauß. Die junge Frau zog ihren Mantel an und
ging zügig aus dem Haus. Ein Zischen und Knallen durchdrang die winterliche Kälte und die
Lichterblüten erhellten die Dunkelheit so sehr, dass man ihren nebeligen Überwuchs sehen
konnte, der bis zu der alten Weide am Ende des Gartens drang. Plötzlich zog ein Windhauch
auf und hob deren Schopf in die Höhe. Blitzende Schneefunken erhoben sich unter ihr im
Tanz und zogen ihre Bahnen um Corinne herum. Ein glitterner Regen fiel nun aus dem
Himmel herab und begrüßte sein Abbild, das auf der frischen Schneedecke zu sehen war. Ein
Ballett aus tobenden Farben erhellte die Nacht, bevor ein finaler, tosender Knall und die
größten Blumen darin sich dem reizenden Wind ergaben. Die letzten Funken fielen wie
brennend sterbende Libellenflügel in die Dunkelheit hinab und Corinne begann wieder zu
atmen.

Nachdem sie sich erneut ins Bett legte, starrte Corinne an die Decke und schob ihre Finger
unruhig über den mit Daunen befüllten Stoff. Wie gern wäre sie in der Stadt gewesen und
hätte an den Feierlichkeiten teilgenommen. Aber das Kind, das unter ihrem Herzen heran
wuchs, und alles was damit in Verbindung stand, lähmte sie in diesen Tagen beinahe. Sie
begann flach ein und aus zu atmen und legte ihre Hand auf den prallen Bauch, während sie
Namen in die kühle Luft des Zimmers flüsterte „Maisie. Ava. David. Noah. Evie. Sophia.
Sebastian.“ Sie wusste weder das Geschlecht des Kindes, noch welchen Namen sie ihm
geben würde, wenn sie es wüsste. Jedoch wusste sie, sie würde es niemals zu lassen, dass
dieses Kind leiden wird. Corinne liebte dieses Kind, das sie Anfangs noch als einen Fluch
betrachtet hatte. Sie sah es als Gelegenheit alles wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Wenige Male nickte Corinne ein, richtigen Schlaf jedoch konnte sie nicht finden. Und da die
Nacht ohnehin von zu vielen schweren Gedanken verdorben war, stand sie auf und machte
sich einen Tee. Als sie auf dem Sofa in eine Decke gewickelt saß, sah sie das alte Fotoalbum
vor sich auf dem Tisch und nahm es sich, um wieder darin zu blättern. Sie war ewig nicht im
Ferienhaus ihrer Eltern gewesen und hatte ganz vergessen, dass es in einer Schublade lag,
als sie einmal die Schränke nach Vergangenem durch stöberte. Corinne war ihren Eltern
dankbar, dass sie ihr erlaubten, die letzten Tage ihrer Schwangerschaft dort zu verbringen,
um etwas Ruhe zu finden. Erst wollten sie ihre Tochter nicht allein lassen, da sie
befürchteten, die Niederkunft könne früher als geplant statt finden. Doch Corinne schwor, eine
Woche vor dem eigentlich Termin zurück in ihre kleine Wohnung zu fahren, um schnell
erreichbar zu sein. Die Eltern haderten, doch Corinne sagte ihnen „Die Frauen haben schon
Kinder geboren, als es noch keine Technik gab.“

Bevor sie die Seiten aufschlug, strich Corinne über den ledernen Einband, den sie so mochte.
Die ersten Bilder zeigten sie kurz nach der Geburt, beim Baden, im Kinderstuhl beim Essen.
Übliche Fotografien, die man von seinem Kind macht, um sich später an alles haargenau zu
erinnern. Es folgten Spaziergänge mit den Eltern, Urlaub im Ferienhaus, Kindergeburtstage
und Aufnahmen im Kindergarten und der Einschulung. Corinne überflog die meisten Bilder,
bis sie bei einem stoppte, das ihr einen kleinen Stich im Brustkorb versetzte. Sie starrte auf
die glänzende Oberfläche, starrte hindurch, starrte in ihre Vergangenheit. Und sehen konnte
sie Anna.

Anna war ihre beste Freundin in der Grundschule, bevor sich ihre Wege trennten. Vielleicht
hätten sich ihre Wege nicht getrennt, wenn Anna sich nicht als Monster entpuppt hätte. Ja, für
Corinne war sie ein Monster. Anfangs immer mit ihr zusammen unterwegs, traf sie sich später
auch mit anderen Mädchen der Klasse zum spielen. Dass sie auch andere Freundinnen
hatte, empfand Corinne nicht als schlimm. Sie hatte selbst Anschluss gefunden. Eines Tages
jedoch, als es ganz still in der Klasse war, schrie plötzlich eine von Annas Freundinnen
„Corinne ist in Ethan verliebt.“ Corinne erstarrte und wollte sich nicht umdrehen, als alle zu
lachen begannen. Dann blickte sie doch kurz in Richtung ihres Mitschülers Ethan und hoffte
auf Verständnis. Der aber schaute sie nur genervt an und verzog sein Gesicht ablehnend,
bevor er sich von ihr abwendete. Corinne vergrub ihren Kopf in den verschränkten Armen vor
sich. Wie konnte Anna dieses Geheimnis weiter erzählen. Corinne hatte ihr doch vertraut. Als
sie Anna später darauf ansprach, hatte diese nur vier Worte für sie „Sei nicht so empfindlich.“

Vier Worte, die Corinnes Leben prägten. Sie sollte nicht so empfindlich sein, wenn ihre Eltern
ein anderes Programm sehen wollten, sie sollte nicht so empfindlich, wenn sie umgeknickt
war, sie sollte nicht so empfindlich sein, weil ihre Katze nicht mehr nach Hause kam. Und
Corinne versuchte es. Nicht mehr so empfindlich zu sein. Sie log so gut, dass sie sich selbst
irgendwann glaubte. Sie konnte das beklemmende Gefühl, sie würde fehlerhaft sein,
irgendwann ausdünnen. Auch wenn es Situationen gab, die es ihr schwer machten, nicht so
empfindlich zu sein. Vor allem, wenn es um Dinge ging, für die sie sich schämte und die
unkontrolliert Preis gegeben wurden. Ihre Eltern waren ein Paradebeispiel dafür. Nicht selten
erfuhren Verwandte und Bekannte Tatsachen, die Corinne lieber geheim gehalten hätte;
beispielsweise, als sie sich von oben bis unten voll kotze, weil sie Oliven offenbar nicht
vertrug. Sie sagte im Nachhinein oft zu ihren Eltern „Ich hab gesagt, ich kann es nicht leiden,
wenn ihr so etwas einfach erzählt.“ Doch jedes Mal wurde der Diskussionsansatz mit vier
kleinen Worten eingestampft.

Ein Klopfen durchdrang die Stille. Corinne musste auf dem Sofa eingeschlafen sein. Sie
schaute auf die Wanduhr, die schon Mittag anzeigte. Vorsichtig erhob sie sich und ging zur
Tür. Adam stand davor und sie schluckte etwas perplex. Nicht, dass sie vergessen hatte, ihn
eingeladen zu haben. Aber sie wollte ihn nicht in Nachthemd und Bademantel begrüßen
müssen. Sie bat ihn herein und verschwand schnell, um sich umzuziehen. Sie hatte seinen
Blick auf ihren Bauch bemerkt, wollte dazu aber nichts anmerken. Als sie wieder kam, war die
Stimmung etwas gedrückt und litt unter einer gewissen Anspannung. Corinne bot ihm Tee an,
woraufhin er eifrig nickte. Als sie sich auf das Sofa setzte, blickte er auf ihren Bauch und dann
in ihre Augen „Ist es meines?“ Als Corinne nickte, breitete sich ein ehrliches und schönes
Lächeln auf Adams Gesicht aus. Ein Lächeln, das sie mit riss. Sie nahm seine Hand und legte
diese auf ihren Bauch.

Es war seines. Etwas von ihm war in sie gepflanzt und es würde daraus etwas gemeinsames
entspringen. Genau das dachte Corinne, als sie damals auf das kleine rosafarbene Kreuz
schaute und sie dann ein Lächeln auf ihrem Gesicht bemerkte. Warum sie lächelte, fragte sie
sich. Sie stellte sich vor den Spiegel und fragte, warum sie lächelte. Scham schaute aus dem
Spiegel zurück zu ihr. Melancholie, Angst und Scham. Mit bösem Blick ermahnte sie sich
selbst seines. Seinen Betrug um eine gemeinsame Zukunft und ihr Vertrauen.

Erinnerungen stießen ihr wie verdorbenes Essen sauer auf. Erinnerungen, der schönsten
Farben, in denen er ihre gemeinsame Zeit, die noch kommen würde, malte, wurden präsent.
Und die Wünsche, die von ihm respektiert wurden, Kleinigkeiten auf die er geachtet hatte.
Und nie, nie, nie sagte er ihr, sie sei zu empfindlich. Er zeigte ihr, dass die Eltern, Freunde,
Bekannte, dass sie alle Unrecht behielten und Corinne nur ein zartes Wesen in einer harten
Welt war. Sie sagte es ihm nie, aber vor allem deswegen liebte sie ihn. Bis sie lernte ihn zu
hassen.

„Warum Corinne? Warum bist du einfach gegangen?“ unterbrach er die Seligkeit des
Momentes. Corinne wandte ihren Blick ab und sah aus dem Fenster „Du weißt, was du getan
hast.“ Adam schüttelte den Kopf „Was? Weil ich Isabella und Gabriel erzählt habe, dass du
nicht die Grippe hattest, sondern einfach nicht unter Menschen wolltest?“ Corinne funkelte ihn
böse an. „Corinne, das sind meine besten Freunde. Die verstehen, dass du damals in einer
schwierigen Phase warst.“ sagte er verständnislos. Corinne stand auf und schlug seine Hand
weg, als er ihr helfen wollte „Ich dachte, ich bin deine beste Freundin.“ Adam stockte kurz „Du
bist meine beste Freundin und ich liebe dich.“ Einen Augenblick schaute sie ihn an und war
beinahe geneigt, das zu glauben. Dann drehte sie sich weg „Warum hab ich das dann von
denen erfahren müssen? Dass du ihnen dieses Geheimnis anvertraut hast? Ein Geheimnis
zwischen dir und mir und dem Arzt?“ Adam stand auf und stellte sich vor Corinne, um ein
wirkliches Gespräche führen zu können „Und deshalb bist du einfach gegangen? Deshalb
hast du acht Monate lang meine Anrufe ignoriert und bist mir aus dem Weg gegangen?“
Corinne stutze. Offensichtlich verstand er nicht, wie weh ihr dieser Vertrauensbruch getan
hatte. Sie drehte ihren Kopf zur Seite „Ja Adam, genau deswegen. Ich habe dir gesagt, dass
ich Verrat nicht leiden kann“. „Aber ich wollte dich nicht verraten, ich brauchte Zuhörer, ich
kam mit der Situation nicht klar und dachte, die beiden könnten mir helfen. Corinne, ich liebe
dich. Und ich liebe unser Baby.“

Wut staute sich in ihr. Acht Monate lang, vielleicht noch länger. Wahrscheinlich sogar. Als sie
gehen wollte, berührte er sie sachte am Arm „Warum reagierst du darauf so empfindlich?
Plötzlich zog ein Rauschen durch Corinnes Kopf. Vier Worte, die alles zum Einsturz brachten.
„Fass mich nicht an!“ bellte sie beinahe. Monate lang quälte sie sich, hatte sie ihn anrufen
wollen und es sich selbst verboten. Monate lang lag sie in Tränen ihres Kummers und einer
großen Sehnsucht nach Adam gebettet. Monate lang zweifelte sie, ob sie das Richtige getan
hatte. Und er zerstörte all das mit vier kleinen Worten. An die nächsten Minuten konnte sie
sich nur schemenhaft erinnern, bevor sie vor Adam stand und er sie anflehte, das Messer
weg zu legen. Corinne starrte auf den Holzgriff in ihrer Hand. Ihre Knöchel schrien ihr Weiß
entgegen, ihre Adern ein unstimmiges Blau.

In Adams Augen zeichnete sich Angst ab und Corinne genoss diesen Anblick. Sie genoss die
Ungewissheit, die sich zwischen ihnen staute. Sie genoss, dass er nicht wusste, was sie als
nächstes tun würde und das sie zu solch einer Tat überhaupt fähig war. Sie selbst hätte nie
gedacht, dass sie zu solche einer Tat fähig war, auch wenn sie in ihren Gedanken schon viele
der vergangenen Verräter getötet hatte. Sie genoss die Macht, die sie in diesem Moment
ausübte und mit dieser Dominanz die Gesetze der Zeit aufhob. Tränen rannen über Adams
glühende Wangen und doch schritt er auf sie zu. Ein schemenhaftes Gefühl stieg in Corinne
auf. Hatte er vielleicht Recht? War sie vielleicht doch etwas zu impulsiv in diese Situation
hinein geraten? Sie schüttelte den Kopf, als könnte sie diese irrsinnigen Fragen damit aus
ihrem Schädel pressen. Adam stand nun genau an der Spitze der Klinge und sah Corinne an,
als gäbe es keine Welt mehr um sie herum. Seine Lippen zitterten, seine Blicke flehten.

„Willst du mich wirklich töten?“ schienen seine Augen zu fragen. Nein, sie wollte ihn nicht
töten. Sie wollte, dass er wusste, wie sich Verrat anfühlte, sie wollte ihn wissen lassen, wie
sich ihr Schmerz anfühlte. Und dann ging sie wenige Schritte zurück, gerade weit genug,
dass er sie nicht mehr erreichen konnte. Dann hob sie den Arm und ließ die Klinge herab
fahren. Ein Schrei riss die zündelnde Stille zuvor entzwei. Das Messer fiel zu Boden und
Corinne auf ihre Knie, als sie Adam anstarrte und ein kleiner Rinnsale unter ihrer gelben
Bluse große Blüten auf die Wölbung zeichneten „Ich habe dir gesagt, ich kann das nicht
leiden.“


Feedback, Fragen, Anregungen? Gerne hier oder bei SuSa direkt

>>> JIMIBOYBURTON <<<SuSa


Advertisements

°Kommentar °Kritik °Anregung... Very Welcome ♥

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s