Puzzlement

Zappenduster

Nichts aus Schwarz.

Mit geschlossenen Augen lag er einfach so da. Das Licht war bereits aufs Minimum gedimmt und trotzdem hatte es ihn geblendet. Gerade eben hatte er angefangen, über das Glück nachzudenken, da spazierte es schon in ihn hinein.

Lautlos näherte es sich ihm und schaute sich erst einmal orientierenderweise um. Es kramte in seinen Taschen nach den Streichhölzern, die es in weiser Voraussicht mitgebracht hatte. Es hatte geahnt, dass es in ihm sehr düster sein könnte. Es entzündete das erste Hölzchen und sah sofort, dass tatsächlich alles, wirklich alles, schwarz angemalt war. Eine fast unerträgliche Schwere legte sich auf das Glück, als es den ersten zaghaften Schritt hinein wagte. Automatisch straffte das Glück seine Schultern und durchzog sich selbst mit einer Spannung, die es sonst nur brauchte, wenn es auf einem Grat wanderte. Seufzend trat es komplett ein und machte sich auf die Suche nach dem Lichtschalter.

Der Lichtschalter war völlig entnervt. Er hatte eine ganze Weile vor sich hin gedusselt, als er von einer Art schabendem Geräusch aus seiner Lethargie gerissen wurde. Er blinzelte aus verklebten Äugelein ins Dunkle und wurde von einem winzigen Feuerchen überrascht, durch das ihm fröhlich ein Gesicht zuzwinkerte. Der Lichtschalter verdrehte die Augen und fragte sich, was wohl so zwinkernswert sei. Die gingen ihm alle auf den Senkel. Alle die hier reinkamen und immer als erstes nach ihm Ausschau hielten. Gleich würde er wieder tierisch eins in die Fresse kriegen.

„Ach herrje, ist das furchtbar hier!“, dachte das Streichhölzchen, als es endlich entzündet wurde. Sofort wurde es sich seiner Daseinsberechtigung bewusst und hätte sich jetzt gerne seinen Freunden zugewendet und ihnen zugerufen: „Seht ihr! Ist doch nicht alles so sinnlos, wie es euch immer vorkommt!“. Aber das ging ja leider nicht, weil die alle noch im Schächtelchen hin und her schupperten. Dieses Los war wirklich übel. Ewig lang lagen sie da zusammengepfercht in der Schachtel rum, aber wenn es drauf ankam und endlich losging, wurden sie getrennt. „Beim Sterben ist jeder allein!“, hatten seine Kumpels ihm prophezeit, doch er wollte es nie wahrhaben. Die Kollegen, die als Streichholzmäppchen daherkamen, hatten immerhin mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit die Chance gemeinsam abzubrennen. Insgesamt war deren Leben angenehmer, weil sie immer schön zusammengepresst beieinander waren. Das Streichhölzchen schaute sich um und entdeckte den total missmutig und griesgrämig dreinblickenden Lichtschalter. Es zwinkerte ihm tapfer zu, bevor es für immer erlosch.

Das Glück ließ das abgebrannte Streichholz achtlos auf den Boden fallen, während der Lichtschalter sich ins Fäustchen lachte. Das Glück stand im Dunklen und stellte mit Erstaunen fest, dass ihm dieser Zustand äußerst unangenehm war. Es fragte sich, wie man so leben konnte. Es zündete ein weiteres Streichholz an und hatte dabei die Idee, sich an der Wand entlang zu tasten. Irgendwo musste doch ein Lichtschalter zu finden sein. Ein Hölzchen nach dem anderen entzündend ging es suchend die Wände entlang und fand… nichts.

Besorgt beobachtete der Lichtschalter das Geschehen. Die Wahrscheinlichkeit entdeckt zu werden, war im Laufe der Jahre immer größer geworden. Zwar war auch er einst schwarz angestrichen worden, doch der Zahn der Zeit hatte an ihm genagt und inzwischen schimmerte hier und da sein ehemals elfenbeinfarbenes Selbst hindurch. Der Besucher war nunmehr nur noch einen halben Meter von ihm entfernt und gerade als er meinte entdeckt worden zu sein, erlosch das eben noch brennende Hölzchen. Der Lichtschalter nahm wahr, wie die etwa fünfunddreißigste Streichholzleiche auf dem Boden aufschlug und entspannte sich. Ihm drohte hier wohl doch keine Gefahr mehr.

Das Glück war erschöpft und lehnte sich müde an die Wand. Vielleicht musste es einfach einsehen, dass es hier nichts ausrichten konnte. Es überschlug in Gedanken, ob seine Streichhölzer noch ausreichen würden, um den Rückweg auszuleuchten. Diese Finsternis hier war wirklich undurchdringlich und es befürchtete, einen Teil des Weges im Dunklen zurücklegen zu müssen. Und so geschah es auch. Zwar versuchte das Glück größere Schritte zu machen, um so seine Reichweite zu verlängern, doch dadurch sorgte es für weitaus mehr Luftverwirbelung, so dass einige Hölzchen vorzeitig verglimmten. Das letzte Drittel des Weges tapste das Glück in völliger Dunkelheit unsicher in Richtung Ausgang. Als es diesen endlich erreicht hatte, warf es einen kurzen Blick zurück in das Nichts aus Schwarz. „Schade.“, dachte es und trat kopfschüttelnd hinaus und verschwand.

Für einen kurzen Augenblick war ihm so, als ob er sich etwas leichter gefühlt hätte. Sorgenfreier und lebendiger. Als ob kurz eine innere Glut in ihm aufgeflackert wäre. Doch eigentlich war der Moment auch schon wieder vorbei. Er war dabei gewesen über das Glück nachzudenken und warum es ihm offenbar verwehrt blieb. Er hatte sich vorgestellt, wie es sich wohl anfühlen würde ein glücklicher Mensch zu sein. Doch er hatte keine Erinnerung daran und beschloss, diese Gedanken für immer zu verbannen. Sein Schicksal schien ein anderes. Für einen Moment blieb er noch völlig reglos liegen und horchte in sich hinein. Er spürte die gewohnte Dunkelheit, die ihn bleiern ausfüllte und gab sich ihr hin. Es kostete ihn unendliche Mühe, seine Arme zu heben und einmal in die Hände zu klatschen. Ein Hoch auf die moderne Technik. Das Licht ging aus. Der Raum in dem er lag passte sich seiner inneren Welt an und er spürte, dass dies doch irgendwie auf eine absurde Weise sein Glück war.


 

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Ein Kommentar zu “Zappenduster

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