Puzzlement

Schief & Krumm

Etwas bedeutete noch lange nichts…

Meine Beine waren schief und krumm, schon immer. Von Geburt an. Ich konnte nichts anderes, als in meine Gedankenwelt zu flüchten. Dort lief ich gegen mich selbst. Ich war der Hase und der Igel und die freigelassenen Gedanken mutierten zum Selbstläufer. Immer im Takt. Datadam datadam datadam damdam…

Ich war nicht da, als sie darüber sprachen. Wie so oft musste ich mir das zuvor Besprochene aus den daraus folgenden Handlungen der Anderen zusammenreimen. Ich vermutete später, dass ich eine Krankheit habe, die mit „I“ endete, wahrscheinlich sogar mit „ITIS“.

Ich nannte sie lieber „mein Schonungs-Los“.

Ja, schonen müsste man mich jetzt. Und behandeln natürlich. So sanft wie möglich, aber so hart wie nötig.

Man darf sich das nicht so vorstellen, dass ich körperlich abwesend war. Vielmehr war ich unter der mir zugedachten Behandlung, die vor allem aus aneinandergereihten Buchstaben bestand, abgeschweift. Aus den Worten formten sie Sätze, aus den Sätzen Litaneien. Ihr widerlicher Singsang betörte mich auf eine unangenehme Weise und verformte mich. Sie wollten mich aus dem Takt bringen. Entstören.

„Offensichtlich sind ihr ihre eigenen Gedanken wertvoller, als die Erzählungen anderer. Warum versteht sie nicht, dass sie daraus etwas lernen könnte?“ So oder so ähnlich sprachen sie über mich. Auch in meiner Anwesenheit, wenn mein Blick ihnen scheinbar suggerierte, dass ich in meiner eigenen Welt unterwegs war. „Warum merkt ihr nicht, dass ich euch gerade jetzt besonders aufmerksam zuhöre?“, wollte ich ihnen dann manchmal zurufen. Sie würden zusammenzucken, sich bedeutungsvolle Blicke zuwerfen und mich anschließend erneut in ihren Worten ertränken. Ohne zu bemerken, dass ich dann längst wieder von alleine untergetaucht wäre. Ich hielt stand, lauschte meinem eigenen Takt und klammerte mich daran fest. Datadam datadam datadam damdam…

Ich ging im Wald spazieren, marschierte durch das erwachende Sonnenlicht. Ich genoss die frische Morgenluft…

Aber es lohnte sich doch nicht. Ich konnte kaum meine eigenen Gedanken steuern, wieso sollte ich mich an ihren versuchen? Seit ich denken konnte, und ich konnte mich beim besten Willen nicht daran erinnern, wann das war, führten meine Gedanken ein Eigenleben. Und ich ließ sie laufen. Dass das anormal sein könnte, hatte ich niemals in Erwägung gezogen. Ich dachte, es ginge allen Menschen so. Bis sie mir sagten, das sei nicht normal. Bis zu einem gewissen Grade, ja. Doch bei mir sei das krankhaft. Behandlungsbedürftig.

… und lauschte entzückt dem fröhlichen Zwitschern der Vögel.

Ich fragte mich, wie sie etwas behandeln könnten, was sie nicht sehen konnten.

Wieso behauptete ich, dass das Zwitschern der Vögel fröhlich sei? Ich sprach doch ihre Sprache nicht. Genauso gut könnten sie einen ausufernden Disput austragen. Eine fröhliche Melodie bedeutete noch lange nichts Gutes…

Vielleicht fragten sie sich das auch, denn sie begannen zunächst nur, den sogenannten Ist-Zustand festzustellen, die Krankheit zu klassifizieren. Sie nahmen merkwürdige Messungen vor, Tag und Nacht schlossen sie mich an ihre Phantasiegeräte, nur um dann stirnrunzelnd über den Ergebnissen zu brüten. Das war ihre Art in mich hineinzuschauen.

Marschmusik zum Beispiel. Sie klingt fröhlich, kraftstrotzend, motivierend. Wer sie hört, will sofort zur Tat schreiten. In den Krieg ziehen. Völker unterjochen. Töten. Datadam datadam datadam damdam…

„Wir müssen eine organische Fehlfunktion ausschließen!“, hörte ich irgendeinen aus der Ferne referieren. Ich wollte fragen, was dann noch bliebe, wenn alle Organe das taten, was sie sollten, aber es war mir dann doch die Mühe nicht wert. Keiner von ihnen kam auf die Idee, dass meine Organe einwandfrei funktionieren könnten und nur zusätzlich noch etwas anderes taten.

Ein Fuchs kreuzte meinen Weg. Als er mich bemerkte, blieb er kurz stehen und sah mich erschrocken an. Dann fletschte er die Zähne. „Das ist eine Warnung!“, verstand ich.

Vielleicht waren meine Organe die einzigen, die richtig funktionierten? Und es waren ihre eigenen, die unterentwickelt nur mit halber Kraft vor sich hin tuckerten. Ist das eine Mehrheitsentscheidung? Wenn alle krank waren, war der Gesunde der behandlungsbedürftige Außenseiter?

Ob er die Gans schon gestohlen hatte? Wieso unterstellte ich dem Fuchs, dass er auf Beutezug sei? Genauso gut könnte es eine Fuchsdame gewesen sein, die befürchtete, dass ich ihrem Nachwuchs zu nahe kommen könnte. Ein drohender Blick bedeutete noch lange nichts Böses…

Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass sie eine finale Diagnose gestellt hatten. Nur was sie sehen konnten, hatte einen Namen bekommen. Schiefe und krumme Beine. Sie ergingen sich in Vermutungen und verloren sich in Spekulationen. Irgendwann hörten sie auf, mich und sich selbst mit Worten zu bombardieren. Stattdessen gaben sie mir Pillen. Und beobachteten mich. In meinen Gedanken lief ich ihnen mit meinen schiefen und krummen Beinen davon.

Fuchs, du hast die Gans gestohlen, gib sie wieder her, gib sie wieder her…

Ich spürte keine Veränderung. Mein Leben ging weiter wie bisher. Schonungslos. Meine Gedanken mussten weiterhin ihr Eigenleben geführt haben, ohne dass ich davon etwas mitbekam. Alles was ich vorfand, waren unzählige Enden. Keines passte zu einem anderen. Ihre verdammten Pillen änderten gar nichts. Auch nicht den Takt. Datadam datadam datadam damdam…

Sonst wird dich der Jäger holen, mit dem Schießgeweheher. Sonst wird dich der Jäger holen…

Ich begriff es einfach nicht. Wie konnte man ein Lebewesen dafür verurteilen, dass es tat, für was es gedacht war? Warum sollte der Fuchs bestraft werden, obwohl er doch nur sein Überleben sichern wollte?

… mit dem Schießgewehr!


Als ich mir dieses Gedanken gewahr wurde; gewiss eine Seltenheit und sollte es schon einmal vorgekommen sein, so hatte ich es bereits wieder vergessen; verstand ich ihr Problem. Es durfte nicht sein, dass man nicht wollte. Krankheit musste behandelt und Sterben vermieden werden. Man stirbt nicht so einfach ohne um sein Leben zu kämpfen. „Kämpfe! Aber bitte nur auf unserer Weise! Überleben sichern! Ja, aber bitte nicht auf die Kosten anderer! Nur so, wie es in den Büchern seit Jahrhunderten geschrieben steht!“ Datadam datadam datadam damdam…

Mit dem ersten Takt der Melodie in meinem Kopf schrie ich ihnen entgegen: „Fickt euch, ihr elendigen Weltverbesserer! Verreckt am Speichel, den ihr anderen aus dem Maul leckt! Zersetzen soll er euch und eure scheinheiligen Gesetze!“

Dann drückte ich den Abzug. Einmal. Zweimal. Dreimal. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich versucht hatte mir das Leben auszuhauchen. Jedes Mal, wenn ich dachte, ich hätte es geschafft, sprang der Igel hinter der Ziellinie hervor und rief mir zu: „Ich bin schon da!“

Wie viele Stacheln hat so ein Igel? In meinen Gedanken reiße ich ihm jeden einzelnen aus. Im Takt. Datadam datadam datadam damdam…


Irgendwann konnten sie meiner Krankheit einen Namen geben. Sie endete tatsächlich auf „I“. Doch eine Krankheit bedeutete noch lange nicht, dass man gestört war.

Ich nannte sie lieber „mein Takt-Los“.



 

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3 Kommentare zu “Schief & Krumm

  1. Verstehe. Glaube ich …

    Es gibt Krankheiten, die auf ‚I‘ enden? Das ist mir in der Tat neu.

    Mir fällt noch das dazu ein:

    Bist du zu schlau, um nicht unangenehm aufzufallen
    und nicht schön genug, um damit durchzukommen?
    Weißt du genau, wie es ist, immer raus zu fallen
    nur nicht weit genug, woanders anzukommen?

    Es tut weh, so zu sein, wie du solltest
    Es tut weh, zu sein, wie du bist – Aber wenn der
    Quarterback kommt, um dir die Brille abzunehmen
    Sag ihm:
    Danke, die bleibt wo sie ist
    Ich weiß doch:

    Die Verletzten sollen die Ärzte sein
    Die Letzten sollen die Ersten sein
    Sieh es ein: The Meek shall inherit the earth
    Die Verletzten sollen die Ärzte sein
    Die Letzten sollen die Ersten sein
    Die Ersten sehen als Letzte ein:
    The Geek shall inherit the earth

    Nicht deine Zeit, nicht deine Füße,
    nicht dein Beat, nicht deine Leute,
    deine Welt nicht, und nicht mal dein Schmerz
    Du musst hier nicht dazugehören, aber such dir, was zu dir gehört
    Du musst nicht tanzen, aber beweg dein Herz

    Es tut weh, so zu sein, wie du denkst, dass du solltest
    Es tut weh, so zu sein, wie du denkst, dass du bist – Aber wenn die
    Homecoming Queen kommt, um dich wach zu küssen
    Sag ihr Danke, ich hab nichts vermisst
    Ich weiß doch:

    Die Verletzten sollen die Ärzte sein
    Die Letzten sollen die Ersten sein …

    Es tut weh, so zu sein, wie du denkst, dass du solltest
    wenn dein Lehrer dich fragt, sollen wir uns nicht öfter sehen
    Es tut gut, so zu sein, wie du denkst, dass du möchtest
    wenn du sagst: Herr, lass diesen Knilch an mir vorübergehen

    Liebe Grüße

    Gefällt 1 Person

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