Outside-In

Scheppern

Unendlich laut.

Das ist der Lauf in ihrer Welt. Wie eine Wäscheleine um den ganzen Erdball. Nur dass es sich bei ihr um ein extra starkes Stahlseil handelt, dass sich einmal um ihren Kosmos zieht. Daran hängen sie, diese verfluchten Blecheimer. Die meisten sind bis zum Rand gefüllt mit Emotionen. Einige, längst nicht alle, haben Deckel mit Verschlüssen, die dafür sorgen, dass die jeweiligen Gefühle dort schön verstaut bleiben. Jedoch ist es schwer, den passenden Deckel zu finden, so dass viele der Gefühle offen vor sich hin suppen und immer wieder für Tumulte sorgen. Und noch mehr Emotionen. Ausschreitungen. Revolutionen. Freude, Heiterkeit und Lebenslust. Trauer, Angst und Einsamkeit. Sie sammelt, sie hortet, sie verwahrt. Ganz gleich was es ist. Das ist der Lauf in ihrer Welt.

Der Wind ist immer schuld. Deshalb liebt sie das laue Lüftchen. Es tut ihr fast gar nichts, ist angenehm erfrischend und befriedigt sie. Stetig und verlässlich. Doch wenn der Himmel sich verdunkelt und griesgrämige Wolken aufziehen, dann vergeht ihr das Lachen. Es bleibt ihr im Halse stecken und droht sie zu ersticken. Doch sie tut es nie. Ersticken. Das wäre viel zu einfach. Ihr Schicksal soll das nicht sein. Stattdessen muss sie sich ihm stellen, dem Wind, seinen wilden Böen, dem Sturm. Mit aller Kraft. Aufrecht stehend, die Augen schützend zusammengekniffen, verteidigt sie ihr Universum. Wenn sie sich nicht irgendwo festkrallen muss, dann ballt sie die Fäuste, kampferprobt und widerspenstig. Ganz gleich aus welcher Richtung der Wind auch weht, immer folgt sie ihm und schaut ihm direkt in seine fiese Fratze. Die Tränen, die er erzeugt, die lässt sie einfach laufen. Sie kommen nicht aus ihrem Herzen und sind es nicht wert, darum zu trauern.

Wilder und unbändiger stürmt und kracht es auf sie ein, die Blecheimer tanzen zu dieser verrückten Melodie, hüpfen aufgeregt auf und ab, schlagen zusammen, immer wieder und wieder scheppern sie dröhnend gegeneinander und verändern den Takt ihres Liedes. Aus offenen Eimern spritzen die Gefühle, manche streifen sie nur, andere klatschen ihr voller Wucht ins Gesicht, vernebeln ihr für Sekunden die Sicht. Die Liebe, die verdammte Liebe, trifft sie stets am härtesten. Für diese seltsame Kreatur hat sie bisher noch keinen passenden Deckel gefunden. Sie konnte sie nicht gebrauchen, wollte sie aber zugleich in ihrer Unwissenheit nicht verlieren. Bewahren wollte sie sie, ihrer wahren Bestimmung zuführen. Irgendwann, wenn sie ihren Sinn verstehen würde. Deshalb verteilte sie sie vor langer Zeit bereits auf hunderte, ach tausende, Blecheimer. In der naiven Hoffnung, dass diese elendigen Stürme ihr nichts anhaben könnten. Doch selbst wenn nur ein einziger Tropfen, der dem Sturm nicht trotzen konnte, sich klagend verflüchtigt und dem Wind hingibt, geradewegs in ihre Richtung, dann trifft er auf ihr auf wie tausend Nadelstiche. Dann schreit sie auf. Vor Schmerzen.

Aber auch vor Gier. Und aus dem Schreien wird ein sehnsuchtsvolles Stöhnen. Denn insgeheim, da genießt sie jeden Stich, lechzt danach, saugt jede Injektion besessen auf. Was gibt es denn schöneres als von Liebe getroffen zu werden, egal welcher Art sie ist und egal, welchen Namen sie trägt? Tornados, Orkane, Taifune, was immer sie in Liebe taucht und ihrer Seele Leidenschaft einhaucht. Es ist der Sturm, der sie am Leben hält. Sie muss den Donner und die Blitze tief in ihren tausend Herzen spüren, die Blecheimer müssen scheppern. Unendlich laut. Erst dann findet sie, was keine Naturgewalt ihr zu geben in der Lage ist. Ruhe. Vor und nach dem Sturm. Stille. In der sie sich findet, ohne sich suchen zu müssen. Das ist der Lauf in ihrer Welt. Unendliche Stille.



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