Puzzlement

Corona

Er wollte immer nur das Eine. Der Existenz einen Sinn abgewinnen und sich ebenjenen einhauchen. Zeichen setzen, Größe zeigen, Spuren hinterlassen. Also ging er los und spielte auf. Melodien aus Botschaften. Als ob es um sein Leben ginge.

Es dauerte nicht lange, da folgte ihm der Erste, Fußabdruck um Fußabdruck setzte er seine Schritte exakt in seine. Behutsam, ehrfürchtig, so dass es ihn fast peinlich berührte. Und doch glücklich machte, sinnestrunken, sinnvoll zu sein. Ein Zweiter und ein Dritter taten es dem Ersten gleich und ihnen wiederum folgten Tausende. Aber nicht alle taten das sehr respektvoll. Manche waren so gierig, dass sie blindlings losliefen, seine Spuren verwischten und sie dabei, im falschesten Sinne seiner Worte, mit Füßen traten, was es denen hinter ihnen erschwerte, ihm zu folgen. Aus seinen Melodien wurden schiefe Töne und seine Botschaften zu wirren Zitaten, die er niemals unterschrieben hätte. Schritt um Schritt zerstörten die Wahnsinnigen sein Werk und schnitten damit alle Wege ab. Sie rannten und rannten voller Hingabe und überbordender Leidenschaft, sodass sie nicht bemerkten, wie sie ihn überrannten, ihn platt und dem Erdboden gleich machten.

Doch er ließ sich nicht unterkriegen, rappelte sich auf, setzte neue Zeichen, schritt neue Wege ab, kreierte neue Melodien alter Botschaften. So lange, bis all die Verirrten ihn wiederfanden und ihm aufs Neue folgten. Aber die Geschichte wiederholte sich und am Ende war alles schon einmal da gewesen. Er begann, seine Spuren mit Blut zu füllen, so dass sich die völlig Enthemmten damit besudelten, sobald sie mit aller Wucht hineinsprangen. Doch es hielt sie nicht ab, es erregte sie stattdessen und sie eilten ihm noch ungestümer hinterher, bis erneut er es war, der wundwaid brach lag. Irgendwann begriff er, dass alles nicht mehr als ein elendiger Kreislauf ist und ebenjenes Elend, seiner Existenz bizarrer Weise die einzige Lösung bot. Also folgte er seinen eigenen Spuren, soweit er sie noch erkennen konnte, denn manchmal befürchtete er, er hätte sie verloren.

Doch auf die Wahnsinnigen war Verlass. Auf ihrer Jagd nach ihm hatten sie derart tiefe Schneisen in sein Vermächtnis geschlagen, dass es ihm ein Leichtes war, ihnen und sich selbst zu folgen. Am Ende seiner Reise war er wieder am Anfang angelangt. Nach einer kurzen Rast, die aus nichts bestand als der Abwägung zwischen Leben und Tod, begann er, seinen letzten Kreis zu ziehen. Der Erste, der Zweite, der Dritte und tausend Andere hefteten sich erneut an seine Fersen. Sie sangen seine Melodien aus seinen Botschaften, doch ob sie sie verstanden, das wollte er sich nicht mehr zugestehen sie zu fragen. Bald lief er nicht mehr voran, sondern war nur noch einer von Vielen. Immer wieder wurde er von den Gleichen überholt und manchmal schlug ihm einer im Vorbeigehen anerkennend auf die Schulter. Doch keiner blieb stehen, niemand harrte an seiner Seite aus. Der Ursprungsmelodie wollte keiner mehr lauschen, die Botschaften waren zu verdrehten Alibis verkommen, als ob es noch irgendetwas zu sagen gäbe.

Stumm ergeben ertrug er ihren Singsang, den Lauf der Welt, seiner Existenz und der Kreise, die jetzt sie für ihn zogen. Andere liefen auf der Suche nach ihm direkt an ihm vorbei und einer fragte ihn sogar, ob er sich gesehen hätte. Er zuckte mit den Schultern und bedeutete dem Fragenden mit einer Kopfbewegung nach vorne, dass er irgendwo dort sein müsste. Er bedankte sich so überschwänglich, als ob er ihn schon gefunden hätte. Doch als er das nächste Mal an ihm vorbeilief, gab er ihm einen verächtlichen Schubs und brüllte ihn an, wie dämlich er doch sei. Vorfälle dieser Art und ähnliche wiederholten sich Runde um Runde. Irgendwann blieb er einfach stehen. Er stellte sich in ihren Weg, zeigte ihnen sein Gesicht und rief: „Hey! Hört auf, nach mir zu suchen! Hier bin ich!“. Die Wenigen, die ihre Köpfe hoben, warfen ihm bedauernde Blicke zu oder lachten ihn aus und gingen weiter ihre Wege. Er trat einen Schritt zur Seite, verließ den ausgetretenen Pfad, beobachtete sie und stellte mit Erschrecken fest, dass selbst die Ersten, die ihm gefolgt waren, ihn nicht mehr erkannten. Sie liefen ihre Runden, kreisten um jemanden, den sie längst vergessen hatten, kreisten, nur des Kreisens wegen. Sie hatten nur die eine Zeichnung von ihm gesehen, das Bild jedoch wollten sie selbst vollenden, völlig gleich, wie er dabei empfindet.

Er fragte sich, wer wen auf die falsche Fährte gelockt hatte. Dabei wollte er doch immer nur das Eine. Der Existenz einen Sinn abgewinnen und sich ebenjenen einhauchen. Zeichen setzen, Größe zeigen, Spuren hinterlassen. Also ging er los und spielte auf. Neue Melodien aus alten Botschaften. WEGE

Weil es um sein Leben ging.


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4 Kommentare zu “Corona

    • Das freut mich sehr, Herzchen. Ich war nicht so happy damit, fand ihn seltsam schwergängig. Aber vielleicht muss das an dieser Stelle auch so? Wer weiß das schon? Vielleicht mal einen aus der Runde fragen?

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