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Guten Morgen – Auf Wiedersehen

Breitbeinig steht er vor ihr, die Arme vor der stolzgeschwellten Brust verschränkt. Sie würde ihn gerne fragen, auf was er sich ausruht, worauf er so stolz ist. Was hat er schon geleistet, außer zu existieren? Sie hat nicht nach ihm gerufen. Aber sie bringt kein Wort heraus. Ihre Zunge ist gelähmt, ihr Gaumen schlägt Blasen. Zu heiß waren die Worte der letzten Nacht. Sie hat sich wieder mal den Mund verbrannt. Abgesehen davon redet sie nie, bevor sie sich nicht mindestens drei Minuten die Zähne geputzt hat. Doch sie würde auch nicht mit ihm sprechen, wenn es anders wäre. Sein Blick verrät ihr, dass Schweigen keine Option ist. Er ist kalt, arrogant, aber seltsam wissend. Vielleicht sogar weise. Sie gibt sich wenig beeindruckt. Insgeheim ist sie es sehr. Das ist sie immer, wenn sie mit dem Entzug ihrer Waffen bestraft wird. Und nun hat sie sie auch noch freiwillig abgelegt. Sie starrt ihn an, ist paralysiert. Er kann jetzt mit ihr machen, was er will. Sie wird alles geschehen lassen, sich nicht wehren, einfach mitgehen, sich von ihm treiben lassen, nach hier, nach dort, nach überall und nirgendwo, und tun, was er ihr abverlangt. Sie wird nicht seufzen, nicht klagen, nicht weinen. Aber sehr wahrscheinlich auch nicht lachen. Es gibt doch gar nichts mehr, was wirklich lustig ist. Es gilt nur eines zu beantworten: Wird sie überhaupt noch etwas fühlen?

Die Existenz der Frage beweist, dass sie nicht tot ist. Schade, dass sie nicht einmal weiß, ob sie sich darüber freuen soll. Was soll sie überhaupt? Muss sie etwas? Kann sie? Darf sie? Sein kühler Blick stellt ihr die Gegenfrage: Was will sie? Gut. Dann lebt sie halt. So und nicht anders. Keine Wahl zu haben ist gar nicht so schlecht. Es passiert, was passieren muss. Scheiße zum Beispiel. Niemand kann essen, ohne scheißen zu müssen. Liebe passiert auch. Tod sowieso. Sie ereilen sie ohne Vorwarnung. Alternativlos. Sie kündigen sich nicht an, wie Geburtswehen oder die Wellen eines Orgasmus. ‚Von nichts kommt nichts‘, hört sie seine Worte in ihrem Kopf, obwohl er kein einziges gesagt hat. Es klang milde, aber vielleicht wünscht sie sich das nur. Er ist doch nur der Bote. Kein Grund so angepisst zu sein. Es ist doch nur, weil er recht hat. Kein Input, kein Output. Aber warum soll sie geben, wenn keiner nimmt, was sie wirklich geben möchte? Was sie selbst wunderschön findet. Und andere furchtbar hässlich. Dabei behält sie die wirklich schlimmen Dinge doch für sich. Sie spuckt kein Feuer, weil sie weiß, dass es die anderen versengen würde. Es ist verrückt, absurd, nicht fair.

Unbarmherzig kommt er auf sie zu, bedrängt sie, baut sich vor ihr auf und sie muss ihren Kopf in den Nacken legen, um ihm weiterhin in die Augen schauen zu können. Sie hört ihre Halswirbel knacken und ihr wird etwas schwindelig. Seine Größe überwältigt sie. Jetzt riecht sie ihn auch, seine Ausdünstungen steigen ihr in die Nase und legen sich auf ihre Geschmacksnerven. Ein bisschen süß, ein bisschen säuerlich, ein bisschen bitter und sogar ein wenig scharf. Es ist der Duft seiner Macht. Sie verflucht ihn, hasst ihn und seine Konsorten abgrundtief. Warum geht er nicht dorthin zurück, wo er hergekommen ist? Dahin würde sie ihm doch folgen, anstandslos, bereitwillig, es könnte so einfach sein. Sie wollte doch niemals dort weg. Aber ständig soll sie seinem Rhythmus folgen und ihren eigenen Takt negieren. ‚Leck mich‘, denkt sie und schnaubt verächtlich. Sie zieht die Decke über ihren Kopf und sich zurück in die Dunkelheit. Er soll sie in Ruhe lassen, jemand anderem seinen Willen aufzwängen. Druck erzeugt bei ihr nur Gegendruck. Normalerweise. Doch heute, nein, heute geht das einfach nicht. Sie will nichts wollen, nichts müssen und ihretwegen auch nichts dürfen. Sie lehnt ihn ab und schickt ihn weg. Oder verlässt sie ihn? Wer hat hier eigentlich die Hosen an? Morgen wird er ohnehin wieder da sein, sie unsanft wie üblich wecken und die gleiche, verdammte Show abziehen, sie weiß es ganz genau. Aber sie gibt die Hoffnung nicht auf, noch nicht, dass er dann vielleicht etwas freundlicher zu ihr ist, weniger abweisend, weniger kalt.

Sie schließt die Augen. Wenn sie ihn nicht sieht, sieht er sie vielleicht auch nicht mehr. Sie blinzelt, lunzt verstohlen. Er ist noch immer da. So geht das schon seit vielen Morgen. An manchen, sogar den meisten, setzt sie sich dann gequält seufzend auf. Und zieht ihn irgendwie durch. Oder sich durch ihn? Hauptsache ist, sie funktioniert und übersteht ihn. Weil sie sich ja nie sicher sein kann, ob es noch einen geben wird. Aber heute, da weiß sie beim besten Willen nicht, wie sie ihn bewältigen soll. Sie weiß es so ganz und gar nicht, dass Indifferenz zum Zünglein an der Waage wird. Sie wird nie erfahren, was aus ihm geworden wäre. Ein guter Tag? Ein schlechter Tag? Wenn es ihr letzter ist, dann ist es eben so. Es passiert, was passieren muss. Scheiße zum Beispiel. Liebe auch. Tod sowieso. Sie glüht und denkt ans Feuerspucken. Ob sie das Feuer löschen und aufs Messerwerfen umsteigen sollte? Sie schaut ihn fragend an, doch der Tag bleibt ungerührt auf ihrer Bettkante sitzen. Bis die Nacht in ihr siegt. Guten Morgen. Auf Wiedersehen. Vielleicht.


 

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6 Kommentare zu “Guten Morgen – Auf Wiedersehen

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