Inside-Out

HerzSchmerzFluid

Schmerzfluid. Das bewährte Mittel gegen Schmerzen. Abschwellend. Schmerzlindernd. Kann bei Bedarf auch über längere Anwendungszeiträume täglich angewendet werden.

Du lässt ein wenig von dem Fluid in deine Hand tropfen. Etwas rinnt über und schnell nimmst du deine andere Hand dazu und verteilst das Fluid zwischen deinen Handflächen. Du betrachtest deine offene Wunde und atmest tief ein. Nun ist es also soweit. Du bereitest dich darauf vor, dass die erste Berührung sehr schmerzhaft sein wird. Aber du fragst dich, ob es noch schmerzhafter werden kann? Oder wird dieser Schmerz den anderen überdecken? Denn das ist, was du willst. Gleiches mit gleichem bekämpfen, Schmerz gegen Schmerz.

Du stellst dir einen offenen Stumpf vor und den dazugehörigen Körper, der den elendigen Phantomschmerz erdulden muss. Würde Feuer diesen Wundschmerz eliminieren? Kann verbrennen, was nicht mehr vorhanden ist? Du hältst den Stumpf über die lodernden Flammen. Der Geruch erinnert dich an einen Grillabend aus deiner Vergangenheit. Damals, als du noch Gesellschaft ertragen konntest. Doch schnell wird er einfach nur ekelerregend und abscheulich. Aber tatsächlich, das Feuer löscht diesen Schmerz. Ersetzt ihn durch ein Gefühl aus brennender Glut. Du kannst dich nicht mehr erinnern, ob es vorher schlimmer war. Du bist so verfangen in deinem Leid, dass du dich nicht mehr fragst, wie es sein kann, dass erdachte Schmerzen real wirken können.

Vorsichtig legst du deine Hände auf dein Herz. Ganz sanft. Du bildest dir ein, ein leises Zischen zu hören und Dampf zu sehen, als deine kalten, feuchten Hände das heiße Fleisch erstmals berühren. Du wunderst dich, dass es nicht brennt, sondern sich nach so etwas wie Erlösung anfühlt. So ist es also, wenn der Schmerz nachlässt? Anspannung wird durch Erleichterung ersetzt. Du hast dich schon so lange in den Schmerzen gesuhlt, dass du die Ahnung von Freiheit längst verloren hattest. Schmerzfreiheit. Den Schmerz los und ziehen lassen. Soll er doch ein anderes Opfer heimsuchen. Die Auswahl ist groß, so viele bieten sich an und stellen sich frei-willig zur Verfügung. Du musst lachen über diese Absurdität. Und während du lachst und gleichzeitig Tränen deinen Blick verschleiern, wird dir bewusst, dass du es nicht verlernt hast. Lachen. Du hattest es verloren geglaubt. Verloren wie so viele andere Gefühle. Freude. Glück. Zufriedenheit. Sie waren so fern von deinem Leben, dass sie völlig aus deinem Bewusstsein gedrängt worden schienen. Nur zwei Gefühle hattest du nicht vergessen. Die Liebe und die Trauer. Sie waren allgegenwärtig in deiner Erinnerung, denn sie waren es, die einst die Schmerzen brachten.

Verzweifelt hast du dich in deinem Bett aus Leid und Kummer gewälzt und immer wieder versucht, dich zu erinnern, wie sich diese schönen und guten Gefühle aus alten Zeiten wohl anfühlen würden. Du wolltest dich selbst hypnotisieren, dich überlisten durch Konditionierung. So lange bis sich die eingeredeten Empfindungen manifestieren würden. Doch dieser übergroße Schmerz war zu mächtig um das zuzulassen. So ist dir nur der Wunsch nach dem Einen geblieben. Dem Nichts. Nichts mehr fühlen. Doch der Händler des Nichts wollte keine Geschäfte mit dir machen. Er verhöhnte dich, denn du hattest ihm nichts anzubieten. Für alberne Tauschgeschäfte war er nicht zu haben. Du konntest ihn nicht angemessen bezahlen. Schmerzen gegen den Tod seien ein schlechter Deal. Du solltest stattdessen dankbar sein, sie zu haben. Denn Schmerzen bedeuten Leben.

Du nimmst deine Hände von deinem Herz und stellst fest, dass die Stellen an der sie lagen, nicht mehr ganz so feuerrot glänzen. Auch das stetige Pulsieren hat nachgelassen. Das Mittel scheint zu helfen, wenn auch anders als erwartet. ‚Schmerzfluid. Äußerlich. Zum Einreiben.‘, steht auf dem Fläschchen. Du träufelst dir die doppelte Menge in die Hand, verreibst es erneut zwischen den Handflächen und beginnst vorsichtig dein Herz damit zu benetzen. Die Wirkung war keine Einbildung. Jede Stelle, die erstmals mit dem Fluid in Berührung kommt dampft und zischt. Die Schwellungen gehen zurück und der Druck der Entzündungen lässt nach. Nachdem du alles mit einem leichten Film überzogen hast, lehnst du dich zurück, schließt die Augen und lauschst in dich hinein. Der Schmerz deines Herzens scheint endlich ausgeschaltet. Wie lange wird die Wirkung wohl anhalten?

Während du darüber sinnierst, bemerkst du, wie die Abwesenheit des Schmerzes deine verschütteten Sinne öffnet. Du bestehst nicht mehr nur aus einem blutig zerfetzten Herzen. Da ist noch so viel mehr. Aber du erkennst dich kaum wieder. Du weißt, dass diese ganzen Teile zu dir gehören, doch sie fühlen sich fremd an. Bevor du in den Abgrund fielst, warst du frisch und jung, duftig und voller Energie. Was du nun wahrnimmst, fühlt sich jedoch alt und verdorben an. Natürlich tut es das, denn es lag lange Zeit brach. Wie ein Feld, das nicht mehr bestellt wurde, ist alles jenseits deines Herzens verrottet.

Ein übler Geruch steigt in deine Nase und löst einen Würgereiz aus. Du versuchst kläglich ihn zu unterdrücken, doch das Bedürfnis, sich erbrechen zu wollen steigert sich mit jedem Versuch. Bitterer Saft sucht sich aus deinem Inneren einen Weg hinauf. Kriecht deine Kehle hoch und fließt zäh in deinen Mund. Du presst die Lippen fest zusammen, denn du willst dich nicht übergeben. Du kämpfst gegen den Reflex an, dich vorzubeugen und dem Schwall nachzugeben. Denn du weißt nicht, dass das nötig ist. Du versuchst die widerliche Masse zurückzupressen, runterzuschlucken. Es gelingt dir endlich und du nimmst erleichtert einen kräftigen Atemzug. Ein scheußlicher Nachgeschmack ist in deinem Mund verblieben.

Die Anstrengung hat dich erschöpft und du bemerkst den Schweißfilm, der deinen Körper überzieht. Auch dein Herz ist damit bedeckt und du spürst, wie er eindringt und eine unglückliche Liaison mit dem bereits eingezogenen Schmerzfluid eingeht. Fassungslos schaust du zu, wie sich kleine Bläschen bilden, die immer mehr anschwellen und scheinbar zu platzen drohen. Du willst es aufhalten, aber du weißt nicht wie. Dein Blick fällt auf das kleine Fläschchen. Du nimmst es und lässt vorsichtig ein paar Spritzer des Schmerzfluid darauf tröpfeln. Das erste Bläschen platzt und gibt eine ölige und dampfende Flüssigkeit frei. Der damit einhergehende Geruch erinnert dich an Verwesung. Doch so grässlich es riecht, so wenig tut es weh. Du bist irritiert. Weitere Bläschen platzen und mit jedem ekelhaften Zerbersten und Abfließen der brütenden Lymphe fühlst du dich besser. Du verstehst es nicht, aber mit einem Mal weißt du, was zu tun ist und leerst das ganze Fläschchen über deinem Herzen aus.

Dein Herz fängt regelrecht an zu brodeln und strahlt eine immer intensiver werdende Hitze aus. Sie breitet sich schnell  über deinen ganzen Körper aus und du fängst an, noch mehr zu schwitzen. Bald schwimmst du in deinem eigenen Saft, einer ekelerregenden Brühe aus Selbstmitleid und Illusion. Es stinkt erbärmlich und du wirst überrannt von dem Gefühl einer beginnenden Ohnmacht. Du würdest dich ihr nur zu gerne hingeben, dann wäre alles endlich vorbei. Doch der Würgereiz hat dich erneut in seinen Klammergriff genommen. Dir ist schwindelig und wird gleichzeitig klar, dass du keine Wahl mehr hast. Die Entscheidung ist gefällt und so gibst du nach.

Es ist, als ob die Zeit still steht, als ob jemand die Pausetaste deines Lebens gedrückt hat. Standbild. Es ist ganz still geworden. Um dich herum und in dir drin. Du bist wie eingefroren und plötzlich spürst nichts mehr und alles zugleich. Es ist überwältigend. Ist es endlich da? Das Nichts? Während du dich fragst, wie man Nichts überhaupt spüren kann, beugst du dich langsam vor. Du hast das Nichts zwar gesucht, doch insgeheim nie erwartet, es zu finden. Es ist absurd.

Du öffnest deinen Mund und wie abgesprochen bricht es sofort los. Ein galliger, ätzender Schwall sprudelt aus dir heraus und du hast das Gefühl, deine Eingeweide gleich mit. Der Druck ist so gewaltig, dass es dich umwirft. Aus der Bahn deines armseligen Lebens.
Du richtest dich auf und betrachtest den abartigen Brei, der dich fast implodieren ließ. Dieses barbarisch stinkende Häufchen Elend war es also, was du so lange mit dir herumgetragen hast. Es ist raus. Es ist vorbei.

Doch etwas fehlt Dir. Dieses erleichterte, befreite Gefühl, nachdem man sich erbrochen hat. Es stellt sich nicht ein. Da war doch noch etwas. Dein Herz. Dein Schmerz. Du weißt nicht, ob du wirklich nachsehen möchtest, was da los ist. So schließt du zunächst die Augen und versuchst es zu spüren. Aber da ist nichts mehr. Wirklich rein gar nichts. Erlösende Leere ist das einzige was du wahrnimmst. Du kannst es nicht in Worte fassen, aber nun weißt du, dass man Nichts suchen und finden kann. Man kann Leere spüren. Und sie tut nicht weh, denn sie ist ja Nichts. Kann das wahr sein? Du denkst, dass es nun doch zu schön ist, um wahr zu sein.

Ein Blick in den Spiegel würde dir verraten, dass da alles ist, nur keine Schönheit. Das ist das einzige, was wahr ist.

Jetzt, wo du weißt, wie der Schmerz zu besiegen ist, fühlst du dich plötzlich unverwundbar. Und du bemerkst nicht, wie du von einem Extrem zum nächsten taumelst. Du nimmst das leere Fläschchen und betrachtest es zufrieden. Du musst gleich losgehen und dir einen großen Vorrat davon zulegen. Du liest: ‚Schmerzfluid – Das bewährte Mittel gegen Schmerzen, Verstauchungen, Zerrungen. Abschwellend. Schmerzlindernd. Kann bei Bedarf auch über längere Anwendungszeiträume täglich angewendet werden.‘ Du fragst dich, warum du nicht früher darauf gekommen bist.

Du wäschst dich und polierst dich auf. Du machst dich fertig für die Welt und trittst hinaus. Mit stolzgeschwellter Brust läufst du herum und erzählst, wie du den Schmerz besiegt hast. Du wirst gefragt, wo dein Herz dabei geblieben ist und du antwortest ihnen: „Kein Herz, kein Schmerz.“

Du bist so besessen von deiner vermeintlichen Heilung, dass du nicht mehr mitbekommst, wie die anderen sich von dir abwenden und sich kopfschüttelnd fragen, warum du die Dummheit nicht mitausgekotzt hast. Du glaubst nun, herzlos und schmerzlos und dadurch glücklich zu sein.

Sie greifen nicht ein und lassen dich und deinen Wahnsinn ziehen. Sie wissen, dass niemand geläutert werden kann, der das nicht will. Denn sie wissen auch, dass niemand ein Herz komplett entfernen kann. Es bleibt immer ein wenig zurück. Eine kleine Wurzel, die nichts anderes benötigt als Zeit.


#2012


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2 Kommentare zu “HerzSchmerzFluid

  1. 2012 erklärt wohl, warum ich diesen text noch nicht kannte. oder vielleicht doch? ich erkenne eine schreiberische entwicklung, die diesen text aus heutiger sicht etwas abwertet. er zieht sich obgleich der gut getroffenen worte. etwas weniger fluid und schneller auf den punkt wäre vielleicht mehr gewesen.

    und dann denke ich: jetsam, das ist quatsch!
    nimm die erkenntnis zum schluss und baue den text danach auf. dann muss er so lang sein.

    herzschmerz – warzenmittel – loch – zupappen (sieht sonst einer) – zufrieden – lächeln – fertig. ach nee. taschentuch reichen fehlt noch .

    Gefällt 1 Person

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