Inside-Out

KettenKarussell

Wer nicht hören will, muss fühlen. 

Ich schließe die Augen und schalte alles aus, was vor mir liegt. Ich lausche dem Lied, was mein Leben so prägte. Und was Mutter sagte und was ich nicht hören wollte.

„My mother said to get things done … you’d better not mess with Major Tom …“

Keiner hat mich gezwungen einzusteigen, keiner hat mich gezwungen mitzufahren. Es sah nett aus und ein bisschen Spaß muss doch nun mal sein, oder? Ich kann mich inzwischen ohnehin nicht mehr daran erinnern, wie es dazu kam. Habe ich die Karte selbst gelöst oder hat irgendjemand für mich bezahlt? Wie bin ich die Stufen da hoch gekommen? Hatte der ‚junge Mann zum Mitreisen‘ kontrolliert, ob der Gurt richtig eingerastet ist? Und was wäre, wenn nicht? Aber scheinbar ist alles in Ordnung, denn immerhin sitze ich hier schon seit einer Weile gut.

Ich sitze fest.

Ich weiß nicht, wie viele Runden wir schon gedreht haben, als ich erstmals bemerke, dass es schon ganz schön lange dauert und mich leicht darüber wundere. Normalerweise sind die schönen Sachen gefühlt ja immer viel zu schnell vorbei. Aber vielleicht denke ich auch einfach zu viel darüber nach. Ich sollte es stattdessen genießen, solange es dauert.

Das tue ich.

Aber so langsam ist es dann gut. Der Spaß wird träge und mir langsam schlecht. Ich schaue nach oben und folge den Ketten mit meinem Blick bis zu ihrer Verankerung. Doch das fördert nicht mein Wohlbefinden und ich lasse den Kopf in die vorherige Position zurückfallen. Ich schließe die Augen und genieße den kühlen Fahrtwind, bis meine Übelkeit etwas nachgelassen hat. Ich muss daran denken, wie ich als kleines Mädchen, natürlich entgegen der Warnung meiner Mutter, immer mit einem Kaugummi im Mund in das Karussell gestiegen bin. Nach Ende der Fahrt war mein Mund immer leer und der Kaugummi hatte es sich in meinen Haarspitzen bequem gemacht, die dann am gleichen Abend fallen mussten. Ein Drama. Wer nicht hören will, muss fühlen. Es ist trotzdem eine schöne Kindheitserinnerung, die ich nicht missen möchte. Damals hörte das Karussell fahren tatsächlich immer viel zu schnell auf. Jetzt gerade habe ich das Gefühl, dass es sich stattdessen immer schneller dreht.

Und ich drehe mit.

Ich sitze im äußersten Sitz und frage mich, wer eigentlich mit mir fährt. Ich wende meinen Kopf nach links. Es hängen immer drei Sitze nebeneinander, doch ich kann die Gesichter meiner beiden Karussellnachbarn nicht erkennen. Das Karussell dreht sich offenbar so schnell, dass ich nur verschwommene Silhouetten erkennen kann. Egal wie sehr ich mich konzentriere und versuche zu fokussieren, ich sehe nur zwei unscharfe Köpfe, wie auf einem verwackelten Foto. Ich drehe meinen Kopf nach rechts und erwarte den Rummelplatz zu sehen. Doch das tue ich nicht. Ich weiß jedoch auch nicht zu deuten, was ich da sehe. Es scheint eine Art Landschaft zu sein, was aber völlig absurd ist. Das ist das größte Volksfest unserer Umgebung, auf einem Platz so groß wie zwei Fußballfelder. Ich sollte unzählige Fahrgeschäfte sehen, die Achterbahn, das Riesenrad. Außerdem dämmert es schon und alles sollte bunt und farbenfroh sein durch die eingeschaltete Rummelplatzbeleuchtung. Tausende bunte Glühbirnen sollten mich blenden und sich in meinen Augen widerspiegeln.

Doch ich sehe nur einen schmierigen Film aus hässlichen, toten Farben.

Erneut schließe ich die Augen und rede mir dabei ein: ’schlechter Film, ganz schlechter Film‘. Wenn ich die Augen gleich wieder aufmache, ist alles völlig normal, das Karussell wird langsamer werden und die Fahrt gleich zu Ende sein. Mit einem begeisterten Lächeln im Gesicht werde ich torkelnd, aber glücklich das Kettenkarussell verlassen. Ich werde Hunger und Durst haben, aber vernünftigerweise noch einen Moment warten, bis ich etwas zu mir nehmen werde. Vielleicht werde ich mein Glück an der Losbude versuchen?

Doch irgendwie ahne ich, dass ich kein Glück haben werde.

Ich öffne die Augen und stelle keine Veränderung fest. Ich schaue nach meinen Karussellmitfahrern, vielleicht kann ich nun doch etwas erkennen. Sie sind verschwunden. Ich bin nicht darüber verwundert, dass mich das nicht überrascht. Fast gelangweilt wende ich den Blick nach rechts und fühle mich sofort bestätigt, weil dort natürlich auch nichts mehr zu sehen ist. Ich schaue wieder nach vorne und bemerke, dass ich mich jetzt nun auch nicht mehr im Kreis drehe. Stattdessen rase ich durch eine Art Tunnel. Ich mache mir nicht mehr die Mühe zu identifizieren, an was ich da eigentlich vorbei rase. Es ist doch völlig klar, was es ist.

Es ist mein verdammtes Leben.

Ich stelle mir vor, wie ich den Gurt löse, meinen Hintern über den Sitz schiebe und mich einfach fallen lasse. Das wäre noch gegangen, als ich noch im Karussell saß. Doch dafür ist es nun zu spät. Der Zug, aus mir selbst bestehend, ist abgefahren und rast unbeirrt weiter, wird immer schneller und schneller. Zu dumm, dass ich nicht zu dumm bin, um zu verstehen, wo die Notbremse ist und wie sie zu ziehen ist.

Doch Theorie und Praxis liegen einander so fern wie noch nie.

Ich frage mich, wie viel Zeit mir wohl noch bleiben wird, bevor es zur finalen Karambolage kommt. Denn das wird es, wenn ich nicht eingreife. Ich sinniere darüber, was ihn andernfalls wohl aufhalten wird. Eine Wand, ein Schlag und alles ist vorbei? Oder wird ihm einfach die Puste ausgehen, er immer langsamer werden und einfach auf gerader Strecke liegen bleiben?

Mir ist klar, dass dies das Letzte ist, was ich mir aussuchen kann.

Und wie weltfremd ich mal wieder bin. Denn das mit der geraden Strecke ist, wie so vieles, nur eine alberne Hoffnung gewesen. Ich spüre, wie ich in den Sitz gedrückt werde. Der Zug schleppt sich keuchend und stöhnend einen Berg hinauf. Ich muss sofort an diese schreckliche Holzachterbahn denken, die ich vor vielen Jahren einmal fuhr.

Und was passierte, nachdem sie den höchsten Punkt erreicht hatte.

Ich schließe die Augen und schalte alles aus, was vor mir liegt. Ich lausche dem Lied, was mein Leben so prägte. Und was Mutter sagte und was ich nicht hören wollte. Ich summe meinen letzten Song …

„Ashes to ashes … funk to funky … We know Major Tom’s a junkie … Strung out in heaven’s high … Hitting an all-time low …“

Verdammt, das wird so was von abwärts gehen. Und ich werde mir noch wünschen, dass Kaugummi im Haar und fallende Strähnen, die einzigen Konsequenzen sein würden. Wer nicht hören will, muss fühlen.


 #2012


 

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