Puzzlement

HeißKaltVerknotet

Ich schaue sie mir an, diese Stelle, auf der du stehst, auf der du trittst, diese Stelle, an der du sterben möchtest. Ich lege meine Hand auf sie und verstehe nicht, was es ist, das ich dort spüre. „Wie kann es so heiß und kalt zugleich sein?“, frage ich dich. „Das ist so, wenn man Glück nicht in sich festhalten kann“, erwiderst du und es klingt wie auswendig gelernt, runtergeleiert, konditioniert. „Rede dir das nicht ein“, will ich dich besänftigen, doch dann spüre ich es selbst. Zuerst nehme ich nur leichte Vibrationen wahr, ein Donnergrollen aus weiter Ferne. Die Haut, aus der du so gerne fahren möchtest, die Haut, die du immer wieder abzustreifen versuchst, schlägt Wellen. Der Orkan, der in dir brodelt, beginnt zu röcheln und ich werde Zeuge seines Ausbruchs. Dann spuckt er kleine Kugeln aus, doch sie finden keinen Ausgang, prallen ab an deiner dünnen Haut, in die alles eindringt, aber nichts hinaus. Seltsamerweise verstehe ich das. Du hast ja sonst nichts und an irgendetwas muss sich jeder nähren. Du bist dein eigener Wirt und deine heißkalten Gefühle, die sind auf absurde Weise dein Lebenselixier. „Auch ’n Schluck?“ fragst du mich trocken und weil ich nicht weiß, was ich sagen soll, schüttele ich bloß mit dem Kopf. Doch du siehst ein Nicken, zapfst dich an und lässt mich direkt aus deiner Quelle trinken. Nie schmeckte Erkenntnis bittersüßer. Die Kugeln haben sich inzwischen zu Knoten manifestiert und ich frage mich, wie schmerzhaft sie wohl sein mögen. „Es tut kaum noch weh“, beantwortest du mir meine nicht gestellte Frage. „Wann gehen sie wieder weg? Wie verschwinden sie?“, will ich von dir wissen. „Früher oder später“, sagst du leise, „lösen sie sich wieder auf. In Luft. Als wären sie nie da gewesen.“ Meine Hand ruht noch immer auf der Stelle, als ich nachfrage: „Wann wird das sein?“ „Wenn ich ein Bonbon bekomme“, antwortest du und dann lachen wir beide, bis uns Tränen aus den Augen kullern. „Die Knoten verschwinden, wenn ich für einen oder mehrere Momente glücklich bin.“ Bei diesen Worten lächelst du sogar ein bisschen und ich entdecke ein zaghaftes Funkeln in deinen Augen. Ich spüre, wie sich ein paar Knoten unter meiner Hand auflösen. Ich hoffe, dass es noch mehr werden, doch dann ist es plötzlich wieder da, lautes Schweigen, stumme Schreie und das Flackern in deinen Augen wird stumpf. „Aber irgendwann“, seufzt du, „ist jeder Drops gelutscht“.

Herzblut rinnt durch meine Finger und lässt meine Hand von der Stelle gleiten, diese Stelle, auf der du stehst, auf der du trittst, diese Stelle an der du sterben möchtest. Ich lasse meinen Blick schweifen und entdecke plötzlich unzählig weitere Stellen, kleinere, größere, in unterschiedlichen Phasen der Heilung und plötzlich begreife ich diese Male. „Das nächste Mal wird wunderschön!“, flüstere ich dir zu und ich stelle mir vor, wie ich dir dann feierlich einen Lollipop überreichen werde. Deine Zunge streicht über deine Lippen. Doch dann zuckst du mit den Schultern, wendest dich ab und gehst davon. Ich bleibe auf der Stelle stehen und lausche deinen Schritten. Ich möchte mich mit dir verknoten oder in Luft auflösen. Ich will in dich eindringen und nicht wieder hinauskönnen oder vielleicht nie da gewesen sein. Ich trete auf der Stelle und möchte einen oder mehrere Momente glücklich mit dir sein oder auf der Stelle sterben. Mir ist heiß oder kalt. Ich verstehe, vielleicht zu spät, wie du das meintest, dass man Glück nicht in sich festhalten kann. Ich kann deine Schritte nicht mehr hören, aber das Geräusch abertausend knisternder Bonbonpapiere unter deinen Füßen werde ich niemals vergessen.


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4 Kommentare zu “HeißKaltVerknotet

  1. ich erinnere mich mal gelesen zu haben, dass man dem glück- wenn es da ist- einen stuhl hinstellen sollte…
    mehr kannste vermutlich nicht tun. :-)

    besonders danke für diese stelle:
    ..“Ich möchte mich mit dir verknoten oder in Luft auflösen. Ich will in dich eindringen und nicht wieder hinauskönnen oder vielleicht nie da gewesen sein. Ich trete auf der Stelle und möchte einen oder mehrere Momente glücklich mit dir sein oder auf der Stelle sterben…“

    Gefällt 2 Personen

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