Paraphernalia

AssholeToGo

„Kommen Sie bitte?“, reißt die Beraterin mich aus meinen Gedanken. Der Kunde vor mir ist verschwunden und sie schaut mich einladend an. Hübsch ist sie, mir gefällt ihre Frisur. Irgendwie wild, aber auf seltsame Weise geordnet, hochgesteckt. Eine in sich verdrehte Haarsträhne fällt wie zufällig aus dem Pony in ihr Gesicht und verleiht ihr so eine gewisse, süße Leichtigkeit. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals, als ich an den Schalter trete. Wow, sie hat wunderschöne Augen.„Guten Tag! Was darf es denn sein?“

Ich druckse herum: „Ich … also … ja … ehm…“ Ich unterbreche mich selbst mit einem nervösen Lachen.

„Hm, ich denke, ich weiß, was Sie wollen“, hilft mir Anna L. Der Name steht auf ihrer Uniform. Ich nicke dankbar.

„Kein Grund nervös zu sein. Ist es Ihr erstes Arschloch?“, bricht sie das Eis.

„Hm“, antworte ich und bin erleichtert, dass ich es nicht zuerst aussprechen muss. Anna L. ist geschult darauf, dem Kunden das Gefühl zu geben, dass das hier alles völlig normal ist.

„Es ist zumindest das erste Arschloch, das ich selbst erwerbe – proaktiv quasi.“

„Okay. Sie hatten also schon mal eins?“

„Ehrlich gesagt, ich bin mir darüber nicht so sicher. Könnte sein.“

„Ah, verstehe. War es schmierig? Oder ein bisschen schmutzig?“

Anstatt einer Antwort presse ich meine Lippen zusammen und senke den Blick.

„Ja, dann hatten Sie schon mal eins. Aber es ist immer etwas anderes, ob es einem zugelaufen ist oder ob man es – wie Sie so schön bereits sagten – selbst ‚proaktiv‘ erwirbt“, erwidert sie lächelnd. Ein schönes Lächeln, ganz bezaubernd sogar.

„Also, wir haben hier eine große Auswahl an Basisarschlöchern. Wir können aber auch ganz individuell eins für Sie zusammenstellen“, sagt Anna L. sehr freundlich.

„Ja, ich habe mich bereits etwas erkundigt und ich möchte es auf jeden Fall selbst zusammenstellen. Allerdings bin ich etwas überfordert, da die Auswahl an Arschlöchern ja echt wahnsinnig groß ist. So viele Möglichkeiten. Und ich will einfach nichts falsch machen“, sage ich etwas unsicher.

Sie lacht: „Ja ja, die Qual der Wahl, das kann ich mir vorstellen. Aber dafür bin ich ja da. Wir werden schon ein hübsches Arschloch für Sie finden.“

Die lockige Haarsträhne wippt kokett hin und her, während sie das sagt. Ich bin fasziniert davon.

„Fangen wir an?“, fragt sie und fährt gleich fort, „Natur pur, gebleached, enthaart? Perforiert, zum leichteren Aufreißen?“

„Ehm … Was würden Sie empfehlen?“

„Das kommt auf den Verwendungszweck an. Wollen Sie es ficken?“

„Auf keinen Fall! Ich weiß, wie schmerzhaft das ist!“

„Oh! Sie haben schlechte Erfahrungen gemacht?“

Ich schweige betroffen.

„Trocken?“, hakt sie nach. Ihr Tonfall ist immerhin verständnisvoll.

Ich nicke. Hinter mir in der Warteschlange höre ich Tuscheln.

„Ja, das ist nachvollziehbar, dass … hm.. also bei Bedarf können wir es für Sie präparieren, also vordehnen. Was haben Sie damit vor? Nur raus damit! Nur so können wir das perfekte Arschloch für Sie finden. Ganz individuell auf Ihre ganz speziellen Bedürfnisse und Wünsche zugeschnitten.“

„Okay. Also … ich will es einfach haben! Und ich dachte, ehrlich gesagt, daran etwas … Zucker hineinzublasen?“

„Oha! Diese Variante also.“

„Ist das ungewöhnlich?“

„Ich drücke es mal so aus: es kommt häufiger vor, als darüber gesprochen wird“, sagt sie und zwinkert mir schelmisch zu. Entzückend.

„Ja dann.“

„Sehr gut, dann empfehle ich tatsächlich ‚Natur pur‘, ohne Perforierung.“

Es erscheint mir nicht sehr individuell und das sage ich Anna L.

„Das ist es durchaus. Die Standardarschlöcher sind Null Acht Fünfzehn, das stimmt schon. Einfach nur hundsgewöhnliche Arschlöcher, da weiß man nicht wirklich, wie die sich entwickeln. Beim Premiumarschloch in dieser Version haben Sie schon etwas mehr Einfluss. Es klingt paradox, aber so ist es“, redet sie beruhigend auf mich ein. „Und übrigens: wenn Sie es später doch noch aufreißen wollen, dann ist das gar kein Problem. Auch ohne Perforierung – macht auch mehr Spaß.“ Sie zwinkert wieder.

„Ahja, sehr gut, das wäre meine nächste Frage gewesen.“

„Gut, an welches Geschlecht dachten Sie?“

„Was meinen Sie, Anna? Darf ich Anna zu Ihnen sagen?“

„Natürlich! Ehm ja, das ist selbstverständlich von Ihrer persönlichen Lebenssituation und Ihren Präferenzen abhängig.“

„Ich habe gehört, weibliche Arschlöcher sollen noch einen Ticken perfider sein?“

„Ach, ich bitte Sie, das ist doch nur Geschwätz! Und raten Sie mal, von wem es in die Welt gesetzt wird? Also ich würde das so nicht unterschreiben wollen. Aber wenn Sie sich nicht sicher sind, bestellen wir geschlechtsneutral und Sie lassen sich überraschen?“

„Ja gerne, guter Vorschlag, Anna.“

„Fein. Neu oder gebraucht?“

„Jetzt bin ich verdutzt. Mit dieser Frage hatte ich nicht gerechnet.“

Anna versteht sofort und erklärt mir:

„Im Prinzip macht das keinen Unterschied. Wenn Sie das Arschloch einen Tag haben, gilt es bereits als gebraucht. Alle gebrauchten Arschlöcher, die wir Ihnen hier anbieten, werden sorgfältig gereinigt und aufgearbeitet und – wie die neuen – einer strengen Qualitätskontrolle unterzogen, bevor sie wieder in den Kreislauf kommen.“

„Puh, das beruhigt mich. Aber hm, dennoch … Ich denke, ich möchte lieber ein ganz neues Arschloch. Nigelnagelneu quasi. Eins, was noch niemanden benutzt hat und selbst auch noch nicht benutzt wurde. Der Preis ist hoch, ich weiß aber, hm … ich bin da etwas eigen. Verstehen Sie?“

„Total!“ Anna lacht wieder und sie sieht toll dabei aus!

„Ich bin da genauso. Ich selbst würde mir auch nie ein gebrauchtes Arschloch zulegen. Aber ich finde toll, dass wir es im Angebot haben. So ist auch für den kleinen Geldbeutel was dabei, wissen Sie? Für mich ist das zwar auch noch zu teuer und ich bin darauf angewiesen, dass mir irgendein Arschloch zuläuft, aber … hach naja. Entschuldigen Sie, es geht ja hier nicht um mich. Also dann bliebe nur noch die Frage nach der Halbwertszeit? Oder eben Verdoppelungszeit, wie Sie wünschen. Das zum Beispiel können Sie beim Standardarschloch nicht so konkret festlegen. Und natürlich müssen wir noch generell die Laufzeit ihres Arschlochs besprechen.“

„Die laufen ab? Ich dachte: einmal Arschloch – immer Arschloch?“, versuche ich mich an einem Scherz und Anna kichert tatsächlich.

Ich kann meinen Blick kaum von ihrer wippenden Haarsträhne wenden.

„Nein, nein, wir können das alles genau für Sie einstellen. Aus einem kleinen Arschloch kann in Nullkommanix ein Riesenarschloch werden. Umgekehrt auch, aber …“ – Sie beugt sich über den Schalter und gewährt mir einen bezaubernden Einblick in ihr Dekolleté – „Diese Variante hat manchmal doch noch Macken, das kann ich persönlich Ihnen nicht empfehlen“, flüstert sie mir zu. Ihr Blick ist verschwörerisch und jetzt zwinkere ich ihr verstehend zurück. Wieder lauter sprechend fährt sie fort:

„Es kommt halt darauf an, was Sie selbst aushalten und investieren möchten?“

„Hm. Naja. Ich erwähnte ja bereits, die Sache mit dem Zucker und … ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll.“

Anna hilft mir: „Achso, ich ahne vielleicht, was Ihnen vorschwebt. Sie wollen reinkriechen?“

Sie hat mich ertappt. Ich antworte aber ehrlich: „So tief wie möglich.“

„Okay. Die meisten Interessenten geben das nicht zu. Aber hey, das freut mich! Weil das auch den Arschlöchern gut tut, wissen Sie? Sie machen das ja sicher – wegen ihrer eigenen Erfahrung – immer mit ordentlichem Geschleime, oder? Ist ja doch irgendwie immer ein Geben und ein Nehmen, nicht wahr?“

„Ja, das wäre mir sehr wichtig!“

„Toll!“ Anna scheint begeistert: „Und dann noch der Zucker in den Arsch! Hach, solche Kunden wie Sie sind mir die Liebsten! Da weiß ich meine Arschlöcher gut aufgehoben!“, ruft sie und streicht sich dabei die Strähne hinters Ohr.

 

‚Oh Fuck‘, denke ich, ‚das sieht jetzt aber kacke aus!‘ Mein Interesse an Anna L. erlischt wie ein Strohfeuer. Ganz erstaunlich, was eine einzelne, lockige Haarsträhne für einen Unterschied macht.

„Haben Sie dann sonst noch Fragen?“, fragt sie mich schleimscheißerisch, während sie den Vertrag aufsetzt.

„Was ist mit Probezeit?“, blaffe ich sie an.

„Nein,“ erwidert sie kleinlaut, „das ist bei Arschlöchern nicht vorgesehen. Sie kaufen, wie gesehen bei Lieferung.“

„Und Garantie? Gewährleistung?“

„Das bieten Arschlöcher und wir als Agentur generell nicht an“, sagt sie etwas irritiert, ob meines schroffen Tonfalls, „Sie können sich aber gerne zuvor unsere Musterarschlöcher anschauen. Hinten!“

Skeptisch starre ich sie einfach nur an. „Also hier hinten!“, beeilt sie sich hinzuzufügen, läuft knallrot an und zeigt auf eine Tür – hinter ihr. Ich vermisse das Wippen ihrer Haarsträhne, wie einen guten alten Freund. Jetzt sehe ich, wie fettig ihre Stirn glänzt und dass ihre Wimperntusche verschmiert ist.

„In unserem Showroom“, ruft sie jetzt fast.

Ich grinse Anna verachtend an: „Soso. Keine Probezeit für Arschlöcher? Bei dem Preis? Wasn das fürn Scheiß? Hört sich für mich nach einem üblen Arschfick für den Kunden an, Anna.“

„Also … ich … wir …“, stottert sie.

„Was?“, knurre ich, „sieh zu, ‚An-Na-El‘, sieh zu!“

Sie übergeht, dass ich sie duze.

„Also, wir haben da gerade so eine Rabattaktion, die ich Ihnen anbieten könnte.“

„Ach? Ihr habt also eine Rabattaktion? Soso, na lass hören“, fordere ich sie arrogant auf, während ich ihre Brüste nochmal begutachte.

„Zwei Arschlöcher zum Preis von Einem“, sagt sie vorsichtig.

Meine Augenbrauen schnellen nach oben: „Nanana-Annana. Echt jetzt?“

Ich seufze genervt. „Wirk-lich, An-na? Aber was soll ich denn mit zwei Arschlöchern?“

„Ja, ehm, also viele unserer Kunden wechseln ganz gerne mal“, erwidert sie.

Kleine Schweißperlen sammeln sich über ihrer Oberlippe.

„Anna! Bitte! Hör zu: ich nehme das Premiumarschloch, Optionen wie besprochen, Laufzeit unbefristet, zum halben Preis. Deal?“

„Oh. Ehm, ja, das geht natürlich auch!“, sagt sie schnell.

Viel zu schnell und ich weiß, dass es natürlich nicht geht. Anna will mich loswerden und sie wird am Ende des Tages die Differenz aus eigener Tasche drauf legen. So ist sie, zu gut für diese Welt. Zu dämlich.

 

Fröhlich pfeifend bin ich dabei den Scheißladen zu verlassen. Allerdings ohne Arschloch und die Lieferzeit ist eigentlich viel zu lange. Kurz bevor ich aus der Tür verschwinde, drehe ich mich noch einmal um und rufe Anna zu:

„Habt ihr eigentlich auch sowas wie ein Arschloch-To-Go im Programm?“

Anna zuckt zusammen. Jetzt weiß sie, dass ich von der internen Revision bin, direkt aus der Arschlochzentrale. Etwas blass ums Stupsnäschen, aber beeindruckend professionell erwidert sie überfreundlich:

„Ich bedauere sehr, derzeit leider noch nicht. Aber wie ich kürzlich hörte – aus dem Arschlochhauptquartier“ – jetzt zwinkert sie mir frech zu, „planen wir, Sie bald – einzuführen.“

 

Die Haarsträhne ist ihr wieder wild ins Gesicht gefallen. Ich grinse und werfe ihr übertrieben mit einer Hand einen imaginären Kuss zu. Eigentlich ist sie doch ganz hübsch. Und nett bestimmt auch. Vielleicht werde ich sie um ein Rendezvous bitten, wenn ich in ein paar Wochen das nicht gelieferte Arschloch reklamiere.


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9 Kommentare zu “AssholeToGo

  1. Pingback: Gerne, aber | know your gods

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