Outside-In

WieImmer

Ihre Augen brannten. Sie hatte am Vortag zu lange in die Sonne gestarrt, war förmlich in sie hineingekrochen. Sie bewunderte die Sonne, die nie zu scheitern schien. Jeden Tag ging sie auf, ganz gleich, was unter ihr passierte. Sie war nicht immer stark genug, die Wolkendecke zu durchbrechen, aber irgendwann, irgendwann war sie immer wieder voll da. Tagein, tagaus. Sie schaltete den Tag ein und aus. Sie waren sich sehr ähnlich. Die Sonne war aufgegangen, sie war aufgestanden und fragte sich nun, was noch mehr zu tun sei, außer da zu sein. Wie immer.

In der Küche entdeckte sie, dass es ihm gelungen war, sein Frühstücksgeschirr immerhin vom Tisch in das Spülbecken zu stellen. Die Spülmaschine befand sich direkt darunter. Früher hatte sie darüber geschmunzelt. Der alte Kampf der Geschlechter. Danach kam die Zeit, in der sie sich tatsächlich darüber ärgerte, es respektlos fand und ihm das auch sagte. Er machte sich darüber lustig, was sie empörte, aber am Ende wurde aus der Wut ein Witz und sie lachten über diese albernen Kleinigkeiten. Das war lange her. Heute murrten sie sich an, völlig egal, um welches Thema es ging. Nur morgens nicht, da rissen sie sich noch zusammen. Jeder Morgen war eine neue Chance. Aber der Tag, der lange Tag. Bis zum Abend waren ihre Kräfte längst aufgebraucht. Wie immer.

An der Haustür rückte sie ihm den Button-Down-Kragen seines kleinkarierten Hemdes zurecht. Da tat sie immer, es war ein Ritual, es musste so ein. Jeden Tag, von Montag bis Freitag, um kurz vor Sieben. Es war eines dieser Dinge, die nie so gewesen sind und dann doch so wurden und die dann so blieben, weil sie plötzlich immer so gewesen sind. Als er ging und zur Bushaltestelle eilte, schaute sie ihm nach. Wie lange ihr Blick dabei schon ins Leere ging, das wusste sie nicht. Erst wenn er sich noch einmal zu ihr umdrehte, formte sie ein Herz aus dem Strich ihres Mundes und warf es ihm zu. Wie immer.

Seufzend räumte sie das Geschirr in die leere Spülmaschine und dachte daran, wie sie in neun oder zehn Stunden sein mürrisches Gesicht wiedersehen würde. Er würde ihr vorgaukeln, wie anstrengend und zermürbend sein Tag gewesen sei. Sie würde die Show mitspielen, das Abendessen zubereiten und ihn einfach in Ruhe lassen. Zwischendurch würde sie ihn mit Bier und Chips versorgen und dabei zusehen, wie sein fetter Bauch noch fetter wurde. Nach den Spätnachrichten würden sie vielleicht miteinander schlafen. Hinterher würden sie sich sagen, dass sie sich lieben. Ein weiteres Ritual. Es musste so sein, damit alles blieb, wie es ist. Wie immer.

Dann würde er ins Bett gehen, aber sie würde noch aufbleiben und vorgeben, noch lesen zu wollen. Im Wohnzimmer stapelten sich die Bücher. Sie bestellte jede Woche mindestens eins. Gelesen hatte sie keins davon. Aber sie waren eine gute Ausrede. Wie sollte sie ihm auch erklären, dass sie einfach nur dasaß, die Zeit absaß bis der Morgen graute. Früher hatte sie darüber noch geweint, aber das ging nicht mehr. Sie hatte schlichtweg vergessen, warum. Es war nun alles so, wie es geworden ist. Wie immer.

Ihre Augen brannten, aber heute würde sie wieder in die Sonne starren. Sie würde sich vorstellen, wie sie ihre äußere Augenhaut verbrannte, der Schleier sich lüften und der Vorhang fallen würde. Dann würde sie ihm am Abend vielleicht endlich sagen, dass sie wusste, dass er schon seit Monaten nicht mehr auf die Arbeit ging. Vielleicht würde er ihr dann auch sagen, dass er wusste, dass sie tagsüber nicht einfach nur zu Hause herumhing; dass sie tat, was niemand tun sollte und sie es trotzdem machte, damit er von Montag bis Freitag um kurz vor Sieben den Bus erreichen konnte; nicht ohne, dass sie ihm zuvor den Button-Down-Kragen seines kleinkarierten Hemds zurechtgerückt und eine Kusshand zugeworfen hatte. Vielleicht würden sie sich endlich gestehen, dass sie den Kampf verloren und die Zeiten sich geändert hatten und dass nichts mehr so war, wie es gewesen ist; dass zwei Verlorene sich nicht gegenseitig retten könnten.

Doch das würde nicht passieren. Das Eingeständnis des Einen, wäre das Ende des Anderen. Dass es auch ein Anfang sein könnte, daran dachte sie gar nicht. Sie schloss ihre Augen, wohlwissend, dass die Sonne trotzdem weiterscheinen würde, ganz gleich was unter ihr passierte. Wie immer.


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6 Kommentare zu “WieImmer

  1. Schon lange keinen solchen Text mehr von dir gelesen.
    Abhängigkeiten führen leider viel zu oft zu einer Pattsituation und dem Weg des geringsten Widerstandes.
    Beim Schach legt einer den König, steht auf und geht. Leider ist das Leben manchmal kein Spiel. Denn mit dem König fällt auch die letzte Figur, die schützend vor ihm steht.

    Gefällt 2 Personen

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