RegelBrüche

TickTack

HappyNewYearEuchAllen! Das Mrs.Jahr beginnt mit einem Rückblick auf eine unvollendete Geschichte. Es ist dennoch einer meiner liebsten. EnjoyTheTrip!


[Was bisher geschah, das weiß niemand mehr so genau. Was als nächstes geschehen wird, das steht schon geschrieben.]

Tick. Tack.

Sie hatte auf ihn gewartet. Mit laufendem Motor, wie vereinbart. Er hatte seit Wochen kein ordentliches Stück Fleisch mehr zwischen die Zähne bekommen. Seine Haut juckte.
“Hast du den Hasen gesehen?”, fragte sie ihn, ohne ihren Blick von der Straße abzuwenden. Das gleichmäßige Tuckern des V8 machte ihn schläfrig.
“Ja, hab ich”, erwiderte er matt. Er sah seine Haut davonschwimmen.
“Hatte er eine Taschenuhr?”, fragte sie nach. Sie wollte lustig sein, die Stimmung verbessern. Er seufzte.
“Selbstverständlich”, antwortete er lahm. Es war schon lange nicht mehr lustig. Es würde nie wieder so sein wie es mal war. Sie langte zu ihm rüber und ließ ihre Finger durch sein Fell gleiten.
“Wie weich du bist”, schleimte sie ihn an und grinste dümmlich. Nachdem er sich im Fußraum ihres Automobils erbrochen hatte, gelang ihm das auch. Grinsen, immer weiter grinsen.
“Na gut. Lass uns nach Las Vegas fahren …”, kicherte sie.
‘… die Sonne putzen’, vervollständigte er ihren Satz in Gedanken. Die dicken Fellbüschel zu seinen Füßen paarten sich bereits mit Staubmäusen. Er ignorierte es. Die Zeit war reif. Längst überfällig war sie. Er blutete aus allen Poren. Erst würde er sich rasieren, anschließend die Regeln brechen. Er konnte ja nicht ahnen, dass die Uhr vorging. Schon seit Jahrzehnten. Seine Haut juckte.

Tick. Tack.

„Würdest du um mich kämpfen?“, fragte sie ihn. Er spürte die Stoppeln auf seiner Haut.
‚Ich schaue ihr in die Augen und es bedeutet nichts‘, dachte er.
„Wie meinst du das?“ fragte er nach, um Zeit zu schinden. Man kämpft nur für Menschen, die man liebt. Seine Haut juckte. Er stellte sich vor, ihr die Kehle aufzuschlitzen. Er würde es nicht tun. Zu sehr widerte ihr Blut ihn an. Pures Gift. Der Grund warum er nicht von ihr los kam. Exitus letalis. Er schaute auf die Taschenuhr. Schon wieder war er zu spät dran. Und hatte noch immer keine Lösung für sein Problem gefunden.
„Ach, vergiss es“, erwiderte sie und winkte ab. Sie zog den Schwanz ein. Morgen würde sie ihn wieder etwas fragen. Nur eine andere Version der gleichen Frage ‚Liebst du mich?‘. Er dachte an die Regeln und dass er sie ihr bald erklären müsste. Sonst würde er sie nicht brechen können. Seine Haut juckte.

Tick. Tack.

„Haben wir alles?“, fragte sie ihn?
‚Ich habe nichts mehr zu verlieren‘, dachte er und zuckte mit den Schultern.
Die Nacht in diesem Motelzimmer war grauenhaft gewesen. Seine Haut juckte. Aber diesmal vermutete er, dass er sich Bettwanzen eingefangen hatte. Er beobachtete, wie sie durch das ganze Zimmer lief, Schubladen und Schränke öffnete, kontrollierte, ob ja nichts vergessen wurde. Ihm war schleierhaft, was in ihrem Kopf vorging. Außer etwas Wäsche und den Kulturbeuteln hatten sie nichts aus den Koffern genommen, geschweige denn, irgendetwas irgendwo verstaut.
„Ich denke, wir haben alles“, rief sie, aber ihr Gesicht legte die Besorgnis nicht ab. In den Kühlschrank hatte sie nicht geschaut. Er seufzte und holte die schwarze Mülltüte selbst hinaus. Den prüfenden Blick hinein unterdrückte er. Seine Haut juckte.
„Oh!“, sagte sie, als er mit festem Schritt an ihr vorbeiging und sie dabei keines Blickes würdigte. Er musste sie nicht ansehen, um zu wissen, dass ihr Ausdruck nun schuldbewusst war. Am liebsten hätte er sie geschubst.
„Tut mir leid, Darling. Daran habe ich wirklich nicht gedacht“, entschuldigte sie sich.
„Schon okay“, murmelte er und stellte sich vor, wie sie hinfiel und mit dem Schädel aufschlug.
„Wie spät ist es?“, fragte er, obwohl er erst kurz zuvor selbst auf die Taschenuhr geschaut hatte. Er wollte wissen, wie sie reagieren würde.
„Wir liegen gut in der Zeit“, erwiderte sie und sprang übermütig zum Auto.
‚Dämliche Fotze‘, dachte er, ‚von Nichts eine Ahnung hat sie viel‘. Sie hatte sich natürlich auf den Fahrersitz gesetzt.
„Rutsch rüber! Ich fahre“, raunte er sie an. Irgendwie musste er die Zeit überlisten. Keine Regeln ohne Ausnahmen. Seine Haut juckte.

Tick. Tack.

„Glaubst du wirklich, dass du es dir selbst ausgesucht hast, dass du auf Frauen stehst?“, fragte sie ihn provokativ. Er schwieg.
Er musste ihr versprechen, dass sie am Gefängnis hielten. Sie konnte dort nicht vorbeifahren, ohne ihren kleinen Bruder zu besuchen. Er saß dort, weil er zuvor etwas zu lange gesessen hatte. Auf Kinderspielplätzen. Seine Haut juckte. Die Diskussion mit ihr war elendig.
„Du hättest genauso gut schwul werden können“, sagte sie. Er überlegte. Vielleicht hatte sie recht. Dennoch fiel es ihm schwer, Verständnis für Kinderficker aufzubringen.
„Sie brauchen unsere Hilfe!“, hatte sie ausgerufen und zu weinen begonnen, „stattdessen ächten wir sie“. Er schwieg. Er konnte dazu einfach nichts sagen. Er war nicht dafür geschaffen, die Welt zu retten. Er verstand sie ja nicht einmal. Manchmal gab es eben keine Hilfe. Oder sie kam zu spät. So wie er. Er schaute auf die Taschenuhr. Sie war nun schon über eine Stunde fort. Er stellte sich vor, einfach ohne sie weiterzufahren. Aber er brauchte sie. Sie und den Hasen, der in der Mülltüte im Kofferraum vor sich hin müffelte. Sie müssten eine Kühlbox für ihn besorgen. Er verdrängte den Gedanken und ersetzte ihn durch Erinnerungen vom letzten Jahr. Wobei es keine echten Erinnerungen waren, sondern Zusammensetzungen aus Erzählungen von Anderen. Aber er hatte sie so oft durchgekaut, wie ein zähes Stück Fleisch, dass sie sich inzwischen wie eigene Erinnerungen an damals anfühlten. Damals, als in seinem Kopf alles stillgestanden hatte. Wie eine Taschenuhr, die nicht aufgezogen worden war. Er war nachgegangen, hatte immer leiser getickt, unruhiger, langsamer, dann Stille. Schließlich Stillstand. Er wünschte, er wüsste die Uhrzeit, zu der er stehen geblieben war. Vielleicht würde ihm das helfen, die Regeln zu verstehen. Aber vielleicht war einfach kein tieferer Sinn dahinter. Vielleicht war es einfach Schicksal oder eine Sache der Gene. So wie die Tatsache, ob man Frauen oder Männer begehrte. Oder beides. Oder Kinder. Tiere. Hasen.
„Hey Darling!“, riss sie ihn aus seinen Gedanken und streichelte sein Fell, „lass uns weiterfahren!“. Er hatte nicht bemerkt, dass sie zurückgekommen war. Wie immer nahm er erst hinterher wahr, dass ihm schwarz vor Augen gewesen war. Er konnte es nicht abwarten, sich zu rasieren. Seine Haut juckte.

Tick. Tack.

Er erinnerte sich daran, dass er nichts von ihr gewollt und sie ihm alles gegeben hatte. Und es plötzlich nicht genug war.
Das Rasieren half immer weniger. Aus Spaß hatte er sich einen Zweifingerbart stehen lassen. Er grinste und bekam Lust, sie zu demütigen. Er würde es nie tun, aber er wünschte es sich oft so sehr. In dem Moment als er das dachte, klopfte sie an die Badezimmertür. Er erschrak und fühlte sich ertappt.
„Bist du noch sauer auf mich, Darling?“, fragte sie ihn etwas weinerlich durch die geschlossene Tür. Seine Haut juckte. Hektisch rasierte er sich das Hitlerbärtchen ab. Er hatte während der restlichen Fahrt kein Wort mit ihr gesprochen. Wie auch? Ohne Punkt und Komma hatte sie ihn zugequasselt.
„Ach was, Zuckerpuppe“, rief er zurück. Er hasste diese Heuchelei.
„Ich war nur in Gedanken gewesen!“ In allen Einzelheiten war er die verschiedenen Phasen der Verrottung durchgegangen.
„Soll ich ihn nochmal lutschen, Baby?“, erwiderte sie nach einer kurzen Pause. Er spürte ihre Erleichterung.
„Hast du denn meine Taschenuhr aufgezogen?“ Sie schwieg. Jetzt spürte er ihre Panik. Hatte sie also nicht. Und wieder einmal stand seine Zeit still.
Blut tropfte von seiner Oberlippe ins Waschbecken und er verfolgte das hellrote Rinnsal, das sich im Abfluss verpissen wollte. Es war kein Verlust. Hämostase anstatt Ekstase. Er stellte sich vor, wie sich das Blutgefäß verengte und die Blutplättchen das Leck verschlossen. Mehr wusste er darüber nicht. Wie gerne hätte er Medizin studiert.
„Ich bin gleich bei dir!“, rief er ihr zu, „leg mir schon mal die Hasenpfote zurecht.“ Während er das Fell zusammenklaubte und es in der Toilette runterspülte, phantasierte er, wie die Geflügelschere sich um ihre zarten Finger schmiegte. Er mochte diese Knarzgeräusche zersplitternder Röhrenknochen. Wenn er die Schere direkt um die Fingerknöchel ansetzen würde, würde sich der Hörgenuss ins Phantastische steigern. Knochenbrüche anstatt Regelbrüche. Immerhin. Seine Haut juckte.

Tick. Tack.

Er war sanfter geworden, seitdem er wusste, dass seine Uhr tickte. Sie anzuhalten, ergab keinen Sinn. Sie aufzuziehen auch nicht. Das hatte er nun endgültig verstanden.
Ebenso hatte er eingesehen, dass es nichts brachte, sich ständig vorzustellen, auf welche Weise er sie verletzen könnte. Er müsste sich das abgewöhnen. Sie war die letzte, die etwas dafür konnte, dass passierte, was ihm passierte. Im Gegenteil: sie sorgte sich ja sogar um und für ihn. Seit sie das tat, juckte seine Haut etwas weniger.
„Musstest du gleich zuschlagen?”, fragte sie ihn und reichte ihm das Kühlpad. Er hörte deutlich die Angst in ihrer Stimme. Er hatte Respekt davor, dass sie die Frage dennoch stellte.
„Ich habe die Regeln nicht gemacht”, raunzte er sie an.
„War es denn wirklich so schlimm, was er gesagt hat?” Jetzt begab sie sich allerdings auf dünnes Eis. Seine Haut juckte.
‚Aushilfsschriftsteller’ hatte der Wichser ihn genannt und gleich die Namen der ‚ganz Großen’ hinterher gebrüllt, die er imitieren würde. Sie und alle anderen dachten, er hätte zugeschlagen, weil er sich ertappt gefühlt hatte. Er war auch ungestümer geworden, seitdem er wusste, dass seine Uhr tickte. Sanft und ungestüm zugleich. Es wunderte ihn nicht einmal. Die Wahrheit war, dass er noch kein einziges Wort dieser Buchstabenhelden gelesen hatte. Warum sollte er? Sein Zorn über die ständigen Vergleiche mit Toten, würde ihn früher oder später in den Wahnsinn treiben. Vielleicht war er schon dort angekommen, aber niemand sieht den Berg, wenn er schon auf ihm steht. Keiner verstand, dass ‚Komplimente’ dieser Art – das war stets das Wort, mit dem sie ihn dann zu beschwichtigen versuchten – mehr verstörten, als sein abartiger Haarwuchs. Den hatte er im Griff, irgendwie, aber nicht ihre Regeln. Er war dazu da, sie zu brechen, bevor sie ihn brechen würden.
Er sah, wie sie begann, auf ihrer Unterlippe herumzukauen. Er hasste es, wenn sie das tat, denn er ahnte, was sie ihm jetzt sagen würde. Das Gleiche, was der Hase ihm immer wieder erzählte. Und plötzlich sah er sich selbst mit einer Karotte in der geschlossenen Faust. Diese wütende, unzähmbar gewordene Faust, die eben noch die Visage dieses Arschlochs neugestaltet hatte. Von wegen ‚sanft’. Immer wieder stach er mit der Karotte auf sie ein, aber die Schlampe verreckte einfach nicht. Stattdessen kicherte sie und zeigte ihm ihre vergilbten Hasenzähne. Nein – sie war der Hase und der lachte nicht. Er weinte. Da sah er den Stumpf und weil er genau wusste, wer dem Hasen die Pfote abgetrennt hatte, ließ er von ihm ab.
„Lass uns abhauen, Süße”, flüsterte er ihr zu, „es gibt hier nichts mehr für uns zu tun.“ Er wusste, dass sein Versuch, friedenschließende Zärtlichkeit in seine Stimme zu legen, kläglich gescheitert war. Sie nickte trotzdem verständnisvoll und tat so, als hätte sie nicht bemerkt, dass er einen Würgereiz unterdrückt hatte. Den bitteren Speichel, der sich in seiner Mundhöhle angesammelt hatte, schluckte er hinunter. Wie all das Verrückte, das sich seinen Weg durch ihn bahnte. Er schaute auf die Taschenuhr, die ihm nichts mehr anzeigte, was er nicht ohnehin schon wusste – Tick – Tack – Tick – Tack – und erinnerte sich daran, dass er jetzt sanfter geworden war. Er würde sie nicht verletzen, dafür war der Hase da. Und die Taschenuhr würde er nicht mehr aufziehen. Sie ergab keinen Sinn mehr, nur noch Geräusche. Aber er würde sie noch eine Weile tragen, weil er fand, dass er damit weltmännisch aussah. Seine Haut juckte.

Tick. Tack.

„Ich liebe dich“, flüsterte er ihr ins Ohr.
‚Dich töte ich zuletzt‘, dachte er.
Sie hangelten sich von einem Motelzimmer zum nächsten. Tagsüber fahren, fahren, fahren, einen Kilometer nach dem anderen. Nachts schlafen und ein bisschen ficken. Ihr zuliebe. Die Zeit tickte und rannte ihm davon, auch wenn er sie nicht mehr hören konnte. Die Taschenuhr zeigte 17 Uhr Vier. 24 Stunden lang. Er wusste das und schaute trotzdem immer wieder drauf. Vielleicht war es die Hoffnung auf ein Wunder, weshalb er das tat. 17 Uhr Vier. Es war immer 17 Uhr Vier und ein verflucht weiter Weg bis Vegas. Sein persönliches Las Vegas. Das echte Vegas würde er sich niemals leisten können. Nicht in diesem Leben. Es sei denn es würde ihm gelingen, die Regeln zu brechen. Seine Haut juckte.
Gedankenverloren streichelte er das Fell des Hasen, der in der Mülltüte verrottete und immer weniger wurde. Drei Pfoten waren noch übrig. Sie hatten ihn über Nacht im Eiscontainer vor dem Motel verstaut und er stellte sich vor, wie jetzt das Leben zurück in den kleinen Körper strömen würde. Wenn er nicht tot wäre. Das Fell war struppig, aber es beruhigte ihn, es zu spüren. Das Rascheln des Müllsacks auch.
Er ließ sie fahren. Er wollte lieber nachdenken über die Regeln und seinen Plan, sie zu brechen. Ab und zu schaute sie rüber zu ihm, er spürte genau, wie sie ihn musterte, ihn regelrecht studierte.
„Lass das jetzt doch mal“, sagte sie in besorgtem Tonfall und meinte damit sein Herumwühlen im Müllsack auf seinem Schoß. Er stellte sich vor, wie er ihr den Mund zunähte. Sie hatte ein verflucht großes Maul, doch sie sagte nichts. Nichts von Bedeutung, nichts gehaltvolles, einfach nur nichts. Auch nicht, wenn es darauf ankam, besonders dann nicht.
„Schau auf die Straße“, brummte er, ohne auf ihre Aufforderung einzugehen. Sie gab vor, er sei ihr wichtig und das wusste er irgendwie zu schätzen. Deshalb hatte er ihr gesagt, was sie hören wollte.
„Ich sorge mich um dich“, hatte sie geschluchzt. Aber das stimmte nicht, sie sorgte sich nur um sich selbst. Die Menschen sind sich egal. Das wusste er schon lange. Sie sind sich nicht mehr als Zutaten für ein Menü aus selbst definiertem Glück. Ihr persönliches Las Vegas, die Karotte, die ihnen ständig vor der Nase baumelt. Sie jagen ihr solange hinterher, bis sie einen Bissen davon erhaschen können. Nur um festzustellen, dass sie rohe Karotten nicht vertragen. Und dann wird alles gargekocht, weich und genehm. Er wollte das nicht, doch er passte sich an, solange er dazu noch klar genug im Kopf war. Aber er spürte nichts, keine Regung und vor allem: keine Erregung. ‚Wenn du fühlen willst, musst du den Verstand verlieren‘, dachte er und wünschte es sich. Eine Rasur war überfällig. Seine Haut juckte.

Tick. Tack.

Die Schnitte, die er sich immer wieder beim Rasieren zuzog, ergaben ein Muster, doch noch erkannte er es nicht.
Er versank im Betrachten seiner Narben. Sie katapultierten ihn in die Zeit zurück, als seine Haut noch nicht ständig juckte. Erinnerungen an ruhige, friedliche Tage mit Claire. Er hatte sie nie nach ihrem Alter gefragt, aber sie war zu jung zum Sterben gewesen. Sie fanden sie neben dem Rübenfeld.
Damals wusste er noch nichts von den Regeln, ahnte aber wohl, dass jemand sie gebrochen hatte. So war das schon immer gewesen: er verstand nichts, doch sein Kopf war voll mit diffusen Gedanken, von denen er keinen einzigen greifen konnte. ‚Wenn du fühlen willst, musst du den Verstand verlieren‘. Das fiel ihm wieder ein, als er es versuchte: etwas zu fühlen, den Verstand zu verlieren. Aber er klebte an ihm wie Federn an einem geteerten Leib. Verrückt, andere verloren ihn, und er wurde ihn nicht los. Er versuchte, ihn nicht festzuhalten, ließ sich absichtlich in diese andere Wirklichkeit entgleiten. Er schrieb und schrieb und schrieb sich wund, wrang sein Herz aus und füllte es wieder auf mit billigem Fusel. Hin und wieder ließ er sich ein Mädchen kommen und nannte es Claire. Mehr Trauer ging nicht.
Die Frau, die nun seit Monaten behauptete, dass sie ihn liebe, riss ihn aus seinen Gedanken.
„Ich weiß, woran du denkst“, sagte sie. Aus jedem ihrer Worte rotzte ein Vorwurf.
„Oder an wen“, setzte sie nach, nur um ganz sicher zu gehen, dass er verstand, worauf sie hinauswollte. Er fand es absurd: sie wollte hören, dass er sagte ‚Nein, Darling, ich denke schon lange nicht mehr an sie‘, obwohl sie wusste, dass es eine Lüge wäre. Anstatt dass sie schwieg, beschwor sie Selbstverletzung hinauf. Aber schuld war immer er.
„Schleif das Messer“, erwiderte er, ohne darauf einzugehen. Er glaubte zu hören, wie seine Reaktion ein weiteres Mal in ihr Herz riss. Ganz erstaunlich, was nicht gesagte Worte anrichten können. Es wurde Zeit, dem Hasen die nächste Pfote abzutrennen.
Während er beobachtete, wie sie mit den Tränen kämpfte, genoss er das Gefühl seiner frisch desinfizierten Haut. Es würde nicht lange anhalten. Seine Haut juckte gerade nicht, aber er spürte schon die Wellen, die sie bald wieder schlagen würde, wenn ein borstiges Haar nach dem anderen erst die Leder- und dann die Oberhaut durchstechen würde. Das Rasieren war an sich ein sinnloses Unterfangen, doch es war eine der wenigen Regeln, die auf keinen Fall gebrochen werden durfte. Erneuerung, das war wichtig, den Kreiskauf niemals unterbrechen. Wenn das Fell zu dick wird, spürt man vielleicht gar nichts mehr.
Das Geräusch des sich am Schleifstein schärfenden Messers beruhigte ihn. Sie machte das richtig gut. Als sie fertig war und ihm sein Werkzeug reichte, spürte er es. Er würde er gerne eine Stichprobe machen. Seine Haut juckte.

Tick. Tack.

[Was dann geschah, das weiß niemand mehr so genau.]


 

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