RegelBrüche

TickTackTickTack

[Was dann geschah, das weiß niemand mehr so genau.] Er war der Einzige, der sich erinnerte, wie laut es wurde, als das Ticken ausblieb.

Tick Tack.

Er hatte nicht zugestochen. Nein, natürlich nicht. Nein, er hatte ihr nicht das frisch geschliffene Messer durch die Kehle gezogen. Nein, er hatte ihr nicht damit das Maul gestopft und nein, er hatte ihr nicht damit die Augenhöhlen ausgeschabt. Hätte er es gerne getan? Seine Haut juckte, obwohl die letzte Rasur nur wenige Stunden her war. ‚Don’t hate the player – Hate the game.‘ Das hatte er sich ins Gedächtnis gerufen, bevor sein Arm vorschnellen und das Messer in ihr trauriges Herz rammen konnte. Ja, er hasste das Spiel. Aber konnte er ihr vorwerfen, dass sie es spielte, obwohl sie es nicht verstand? Dass sie es spielte, weil alle es spielten? Ja, denn es befremdete ihn. Inzwischen dachte er, dass sie wahrscheinlich noch nicht einmal wusste, dass sie mitspielte. Am Anfang versuchte er noch, ihr das zu erklären, sie von dieser Perversität loszueisen. Aber er hatte rasch aufgegeben. Dummen Dummheit erklären zu wollen ist dumm.

Er spielte das Spiel nicht. Weil er es nicht verstand. Dennoch war er immer ein Teil davon, ob er wollte oder nicht. Er wurde bewegt, er wurde gestoppt und dann musste er sogar aussetzen. Darüber lachten dann einige hämisch, aber nur die, die ihn nicht vergessen hatten, weil sie ihn nicht vergessen wollten. Sie brauchten ihn ja, ganz gleich ob er sich gezwungenermaßen auf dem Spielfeld wand oder am Rande seine Nase in den Duft der Freiheit reckte. Er hatte das Messer nicht gesehen, weil es längst in seinem Rücken steckte. Er hatte es nicht bemerkt, sein Fell war viel zu dick gewesen. Doch die Schneise war geschlagen. Nein, es war nicht seine Haut, die juckte. Es war die Erinnerung.

„Woran denkst du, Darling?“, fragte sie ihn süßlich, nicht ahnend wie knapp sie mal wieder seinem Zorn, seiner Verachtung und deren Folgen entkommen war. Das würde sie bis an ihr wahrliches Lebensende nicht erfahren. Nicht von ihm.

„Ich denke an Nichts und Alles zugleich, wie üblich. Nichts davon geht dich etwas an!“, kläffte er. Sie zuckte zusammen, aber es war ihm egal. „Hör auf, mich das immer wieder zu fragen!“, setzte er genervt nach. Sofort füllten sich ihre Augen mit Tränen. Wie sehr er das hasste. Dazu dieser widerlich traurige Blick mit dieser ekelerregenden Flüssigkeit, die nur dazu geschaffen schien, ihn zu manipulieren. Zum Spiel würde nun gehören, dass er über sich selbst erschrocken aufspringen, seine Schroffheit bedauern und sie beruhigend in den Arm nehmen würde. Sie würde sich erleichtert an ihn kuscheln, er würde sagen, dass alles gut wird, sie würden sich küssen, streicheln und es würde in hingebungsvolles Liebemachen übergehen. So war die Spielregel. ‚Wenn du fühlen willst, musst du den Verstand verlieren‘, erinnerte er sich. Doch der war noch da. Unaufhörlich tickte die stehengebliebene Uhr in ihm. Ja, er sprang auf. Direkt über die Regel hinweg und fickte sie gleich. Irgendwann müsste sie doch begreifen, dass der Regelbruch die einzige Regel war, an die er sich halten würde. „Don’t hate the player – Hate the game“, flüsterte er ihr später ins Ohr. Liebevoll.

Tick. Tack.


 

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