RegelBrüche

TickTackTickTackTickTack

Der dreipfotige Hase lag noch immer im Kofferraum, als sie sich aufmachten. Zur nächsten Stadt, in der sie sich wieder verlieren würden. Der einzige Zweck ihrer Reise.

Sie dachte immer noch, es ginge irgendwo hin. Sie dachte tatsächlich, sie hätten ein Ziel. Irgendetwas Großartiges, etwas Lohnenswertes, etwas dass all die Strapazen und Entbehrungen, die ihre Reise mit sich brachte, wieder aufwiegen würden. Natürlich musste sie das denken. Er hatte ihr gesagt, dass er sie brauchen würde und vermutlich war das in diesem Moment auch so gewesen. Er brachte es nicht übers Herz ihr zu sagen, dass er den Grund genauso vergessen hatte, wie ihren Namen. Manchmal nannte er sie absichtlich Claire und tat dann so, als ob es ein Versehen gewesen wäre. Er wusste, es würde ihr einen Stich versetzen und das sollte es auch. Wenn sie außerhalb einer Raststätte pinkeln musste, hielt er absichtlich an einem Rübenfeld, weil sie wusste, dass man Claire in einem solchen gefunden hatte. Sie sollte nicht vergessen, dass es sie nur gab, weil Claire damals nicht mehr existierte, weil sie so verflucht tot gewesen war wie der Hase im Kofferraum. Von dem er auch nicht mehr wusste, wofür er ihn gebraucht hatte. Er wusste nicht mehr, warum er dem armen Vieh seine Pfote abgeschnitten und erst recht nicht, was er damit getan hatte. Er könnte sie fragen, aber sie würde ihm nur sagen, was er hören wollte. Er hatte es vergessen; und dann sollte es wohl so sein; so wie er so viele seiner Ideen vergaß. Wenn sie ihm nicht zuvor gestohlen wurden. Ja, manchmal stahl er sie sich selbst, nur um sich darüber echauffieren zu können, dass sie verschwunden waren.

Tick Tack.

Immer wieder holte er die Taschenuhr hervor und starrte auf die stehengebliebenen Zeiger. Der Drang das zu tun, war fast so übermächtig wie der, sich zu rasieren. Sie fuhr, also schloss er die Augen und lauschte auf das Tuckern des V8. Verlässlich, wie einst die Taschenuhr, bevor sie stehen geblieben war. Wie er. Eines Tages um 17 Uhr Vier. Er ignorierte das beginnende Jucken seiner Haut, sowie er all ihre gutgemeinten Ratschläge ignorierte. „Tu dies, tu das, lass dies, lass das.“ Sie wollte ihn doch nur retten, das wusste er und das war nicht verwerflich. Verwerflich war allerdings, dass sie ihm das Lied der Liebe sang, wieder und wieder und er Vollidiot hatte sich darauf eingelassen. Ein Moment der Schwäche. Oder vielleicht auch ein paar mehr. Das Jucken verstärkte sich, an wohliges Dösen war nicht mehr zu denken. Er würde wieder schreiben müssen, um klar zu kommen. All das Verworrene sortieren, das Gute vom Bösen trennen, das Zerstörerische vom Heilsamen und letztendlich … Er musste sich entledigen, vielleicht sogar gänzlich entleeren.

„Wir sind da, Darling“, unterbrach sie seine Gedanken. „Wartest du wieder? Wie immer?“ Er war verwirrt, schaute sich um … Sie waren erneut am Gefängnis, wo ihr verfluchter Bruder einsaß. Seine Haut juckte nun nicht mehr, sie brannte förmlich und es schien ihm, als brodelte sie, als werfe sie Wellen und würde sogleich davonschwimmen. Schlagartig wurde ihm klar, dass sie nie die Stadt verlassen hatten. Oder wenn doch … so waren sie immer wieder zurückgekehrt. Es war nicht das erste Mal, dass sie hier auf diesem Parkplatz vor dem allmächtigen Gebäude der Justizvollzugsanstalt standen, aber ihm fiel nicht ein, wie oft das schon geschehen war. ‚Wartest du wieder? Wie immer?‘ Vielleicht jede Woche, vielleicht jeden Tag. Aber er war sich sicher: es war immer um 17 Uhr Vier. Die Erkenntnis raubte ihm den Verstand. Endlich. Er wusste Nichts und Alles zugleich. [Er wusste nicht, was als nächstes geschehen würde. Er fühlte es. Alles.] Seine Haut juckte.

Tick Tack.


 

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