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Wie wir Mörder wurden

„Wie wurden … ‚wiiir‘ zu Mördern?“ Das ‚wir‘ zog sie absichtlich in die Länge, um zu betonen, wie weit weg und abstrus dieses ‚wir‘ für sie war. Aus dem gleichen Grund machte sie eine Kunstpause vor dem ‚wir‘. Ich sah ihr spöttisches Grinsen dabei und ignorierte es.

Ihre Frage schwängerte den Raum, wie die Rauchschwaden der Zigaretten, die sie rauchte. Jede Viertelstunde eine. Viel zu viel. „Wie wurden wir zu Mördern?“, war stets ihre erste und letzte Frage bei unserem Verhörspielchen. Ich hatte ihr von Beginn an gesagt, dass ihr die Antwort sicher gefallen wird, wenn sie sie irgendwann einmal versteht. Sie hatte gelacht und sich verbeten, sie für dumm zu verkaufen. Sie stellte weiter ihre Frage. Ich beantwortete sie nie und sagte ihr dennoch viel mehr, als sie begriff.

Ich musterte sie. Mein Blick streifte sie von oben nach unten und wieder zurück. Nie blieb er an einer Stelle länger haften. Nur ihre Augen irritierten mich, doch das ließ ich mir nicht anmerken. Sie wirkten lauter und rein auf den ersten Blick. Aber ich sah die unkontrollierbare Gefahr in ihrer Tiefe, wie eine flaue Brise, aus der ein Sturm erwachsen würde … Es waren die Augen eines Menschen, der jemandem weh tun würde, aber keinesfalls den Falschen damit treffen wollte. Ein Mensch, der möglicherweise gute Gründe dafür hatte. Oder schlechte. Aber ein Grund ist ein Grund …

Ansonsten waren wie immer ihr Rock viel zu kurz, ihre Schuhe viel zu spitz und viel zu hoch, ihre Bluse viel zu knapp, ihr Ausschnitt viel zu tief, ihre Lippen viel zu rot und ihre stets perfekt lackierten Nägel viel zu lang. Ihre Haare waren mal viel zu glatt, mal viel zu gelockt und manchmal, so wie in diesem Augenblick, viel zu streng hochgesteckt. Alles an ihr war immer zu viel. Zu viel des Guten, zu viel des Schlechten und sie war eigentlich viel zu derb, um elegant zu sein. Doch hinter ihrer darum viel zu bemühten Fassade verbarg sich ein viel zu wacher Kopf, der bedauerlicherweise viel zu oft viel zu schnell schaltete, als dass sie es verarbeiten oder gar nutzen konnte. Viel zu voreilig zog sie viel zu falsche Schlüsse und vor allem, stellte sie viel zu viele falsche Fragen …

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„Wie wurden wir zu Mördern?“

„Ein Missverständnis“, sagte ich wahrheitstreu.

„Ein Missverständnis?“ Ich knurrte nur und verweigerte ihr die Antwort. Ich begriff einfach nicht, wie man, eine ausgesprochen deutliche Aussage, im gleichen Wortlaut als Frage zurückformulieren konnte. War das eine Art rhetorische Finte? Um Interesse zu heucheln? Oder um einer langweiligen Unterhaltung etwas Würze zu verleihen? Warum fragte sie nicht ‚Wie meinen Sie das?‘ oder sagte ‚Würden Sie das bitte näher erläutern‘? Doch das hier war kein normales Gespräch, sondern sollte ein Verhör sein. Also sah ich es ihr nach, denn mir fiel ein, dass das vielleicht einfach nur ihr Job war und sie diese Form der Gesprächsführung vermutlich irgendwann einmal so gelernt hatte.

„Sie sagten, wir wären Verräter“, antwortete ich. Sie nickte, als ob sie verstünde, aber ich ahnte, dass sie schon wieder der falschen Fährte folgte.

„Aber sie waren keine Verräter?“

„Nein.“

„Hm.“

Unser Ping Pong-Spiel begann früher als üblich. Der Wind wurde rauer …

„Warum haben Sie sie dann verraten?“

„Weil sie es sagten.“

„Was sagten?“

„Dass wir Verräter wären.“

„Dann hatten sie also recht.“ Sie formulierte es als Feststellung, also antwortete ich nicht.

„Hm. Hatten sie also recht?“

„Nicht von Anfang an.“

„Nicht von Anfang an?“

„Nein, wie ich gerade sagte … Nicht von Anfang an.“

„Warum haben Sie sie dann später verraten?“

„Damit sie recht haben.“

„Was war das Missverständnis daran?“

„Dass sie recht hatten.“

Sie schwieg zunächst, aber dann konnte sie ein neuerliches ‚Hm‘ nicht unterdrücken. Ihr Tonfall dabei bestätigte mir, dass sich ein kleiner Schalter in ihrem Hirn umgelegt hatte und ich nutzte die Gelegenheit, ihr weiter auf die Sprünge zu helfen:

„Sie behaupteten auch, dass wir Lügner wären.“

„Oh!“ Ich wusste nicht, ob die Aussage sie überraschte oder eher die Tatsache, dass ich ohne Aufforderung weitergesprochen hatte.

„Ja. Oh.“

„Sie behaupteten, sie wären Lügner?“

„Nochmals: Ja. Wie ich es soeben sagte …“

„Schon gut … Warum behaupteten sie das?“

„Weil sie logen.“

Ich sah ihre Mundwinkel zucken.

„Weil sie logen?“

„Ja.“

„Warum logen sie?“

„Lügner lügen.“

„Warum?“

„Sie können nichts anderes.“

„Und dann wurden Sie selbst zu einem Lügner.“

Ich schwieg. Sie seufzte.

„Warum logen Sie dann selbst?“

„Um ihren Lügen Lüge zu strafen.“

„Um ihren Lügen Lüge zu strafen?“

Ich stellte mir bildlich vor, wie ihre Gedanken wie Zahnräder in ihrem Kopf ineinandergriffen.

„Ja.“

„Hm.“ Verstand sie es? Verstand sie es nicht? Ich war mir nicht sicher.

„Nun, wenn Sie nicht gelogen hätten … später, dann wäre die Lüge der Lügner, dass Sie lügen … aber doch als Lüge enttarnt worden …“, murmelte sie eher in sich selbst, als dass sie mit mir sprach. Obwohl sie mich dabei scharf ansah. Viel zu scharf. In ihren Augen sah ich, dass die Stimmung kippte. Der Wind begann zu heulen …

„Warum logen Sie?“, zischte sie mich plötzlich an. Dann sah sie auf ihre Hand, hob sie und führte sie mit einem tadelnden Blick über sich selbst zu ihrem Mund und leckte sich mit der Zungenspitze einen winzigen Blutstropfen vom Daumen. Seit Beginn des Gesprächs hatte ich sie daran herumknibbeln sehen, als ob da ein Hautfitzelchen wäre, das sie störte. Das hatte sie schon einmal bei einem anderen Verhör zuvor getan, aber damals hatte sie noch viel zu überzogen damenhaft nach einem Pflaster in ihrer viel zu großen Handtasche gesucht.

‚Diese Zeiten sind wohl vorbei‘, dachte ich, ‚die Zeiten, in denen man sich noch Mühe gibt‘. Es überraschte mich, als mir klar wurde, dass mir das nicht gefiel und fragte mich, ob ich mich selbst noch genug bemühte. Oder ebenfalls einer falschen Fährte folgte?

„Antworten Sie gefälligst!“, kläffte sie mürrisch und riss mich aus diesen Gedanken. „Das war eine sehr deutliche Frage.“

Ich nahm erfreut zur Kenntnis, dass sie wenigstens die Frage-Antwort-Regel allmählich zu begreifen schien. Weniger erfreut war ich, dass sie begann, mich darauf festzunageln.

„Das ist korrekt. Das war eine sehr deutliche Frage.“ Nun machte ich eine Kunstpause.

„Wenn auch ihr Ton etwas zu barsch war“, zögerte ich meine Antwort, die sie längst ahnte, aber unbedingt und aus Prinzip von mir hören wollte, weiter hinaus. Sie zuckte mit den Schultern und bemühte sich um eine unbeeindruckte Miene. Einige Minuten vergingen, in welchen wir uns gegenseitig zappeln ließen.

„Ich log, damit sie recht behielten,“, durchbrach ich schließlich die Stille, damit ich meine eigenen Regeln nicht brach.

Sie nickte lahm.

„Uuund? Warum haben Sie das getan?“ Sie klang erschöpft. „Warum wollten Sie, dass die Lügner recht behalten? Das ergibt keinen Sinn.“

„Keinen Sinn im herkömmlichen Sinne?“

Sie starrte mich an. Ich hatte sie etwas zurückgefragt und das war gegen die Regel, die sie doch gerade erst verstanden geglaubt hatte.

„Ja…“, antwortete sie gedehnt.

Nun brach ich meine eigene Regel vorsätzlich. Jetzt wollte ich reden:

„Sie wissen es. Die Lügner wissen, dass sie lügen. Sie können nichts anderes. Das sagte ich bereits. Lügner lügen, Verräter verraten.“

Sie setzte zu einer Antwort an, aber rasch fügte ich hinzu: „Mörder morden.“

Sie ließ sich nicht darauf ein. Ich brachte sie nicht zurück in die Spur.

Weitere Minuten des Schweigens vergingen. Ich stellte mir bildlich vor, wie die Zahnräder ihrer Gedanken sich bildlich verhakten, bis das ganze System zum Stillstand kam.

„Sie hätten sie enttarnen und dafür an den Pranger stellen können. Sie hätten der ganzen Welt beweisen können, dass Sie kein Lügner sind“, sagte sie müde.

„Sie wissen es. Ich weiß es. Es langt, wenn sie wissen, dass ich es weiß. Und sie werden mit diesem elendigen Wissen bis zur Unerträglichkeit leben müssen. So lange bis sie sich selbst nicht mehr ertragen und sich in die eigene Tasche lügen werden, um zu ‚vergessen‘, dass es mich jemals gab.“

Schweigend und ohne merkliche Reaktion auf mein Gesagtes zündete sie sich eine weitere Zigarette an.

„Doch dafür sind nun Sie der Lügner“, murmelte sie. „Obwohl Sie vorher keiner waren.“

Ihre Erkenntnis war nicht verkehrt, doch ihr Blick richtete sich nicht auf das, worum es ging. Ich überlegte, ob es mir noch gelingen würde, ihren Fokus auf das Wesentliche zu lenken. Aber möglicherweise war die Resignation beiderseits zu weit fortgeschritten.

„Sie haben sich schuldig gemacht“, sagte sie leise.

Ich lachte laut. „Verhaften Sie mich jetzt?“

Wutschnaubend und mit laut klackernden Schritten verließ sie den provisorisch eingerichteten Verhörraum. Ihre Ausgangsfrage hatte sie wohl vergessen. „Wie wurden wir zu Mördern?“, flüsterte ich. So leise, dass sie es nicht hören konnte, als sie an mir vorbeistürmte.

#

„Wissen Sie eigentlich, wie das ist, einen Mord aufklären zu müssen, bei dem es keine Leiche gibt?“, fuhr sie mich an und knallte mit der flachen Hand auf den Tisch. So wie sie gerade hinausgerauscht war, so kam sie zurückgerauscht. Nur ihre Haarspange hatte sie abgelegt und ihr Haar fiel nun wild um ihre Schultern, viel zu wild natürlich.

„Nein. Aber wissen Sie, wie es ist, Opfer und Täter zugleich zu sein?“

Das hatte gesessen. Sie schwieg demonstrativ. Seufzend sank sie auf ihren Stuhl und zündete sich kopfschüttelnd eine neue Zigarette an. Sie wollte nicht mehr, das sah ich ihr an. Ich griff nach ihrem Kugelschreiber, der auf den Papieren zwischen uns auf dem Tisch lag und den sie kein einziges Mal benutzt hat, um sich Notizen zu machen. Vielleicht wäre das sinnvoll gewesen. Ich begann, die Mine des Kugelschreibers rein- und rauszudrücken, wissend, dass das dadurch entstehende Geräusch sie reizen würde. Es dauerte nicht lange …

„Wie wurden wir zu Mördern?“, fragte sie kalt. Kläffend. Ohne Betonung. Ohne Kunstpause. Nein, sie hatte die Frage nicht vergessen. Aber sie stellte sie noch immer falsch. Viel zu falsch wie all die viel zu vielen Male zuvor. Ich seufzte und blickte sie scharf an:

„Warum haben Sie eigentlich nie gefragt, wer ‚wir‘ sind?“, versuchte ich ihren Fokus ein letztes Mal umzulenken.

„Weil mir gleichgültig ist, wer ‚wir‘ ist, solange ich noch nicht einmal weiß, wer ‚die‘ sind, denen Sie so unbedingt das ‚Recht‘ lassen wollten. All das ist abstruses Zeug, mit dem Sie ihre und meine Zeit verschwenden.“

„Ist?“

„Bitte?“ Offensichtlich genervt und das Interesse verlierend beugte sie sich nach unten und streifte sich ihre Pumps von den Füßen, die sie dann sehr unelegant rieb. Die Show war vorbei. Aber ich versuchte es noch einmal:

„Ihnen ist wirklich gleichgültig, wer wir ‚ist‘? Warum ‚ist‘? Warum nicht ‚sind‘? Wer wiiir ‚sind‘? Wer diiie sind? Wäre das nicht viel wichtiger gewesen? Viel wesentlicher als die Frage nach dem ‚wie‘ und dem ‚warum‘? Immerhin geht es um einen Mord … oder mehrere. Und wie wir zu Mör…“

„Hören Sie auf damit!“, unterbrach sie mich. „Ich kann es nicht mehr hören. Sie können gehen. Ja, gehen Sie! Es interessiert hier keinen mehr, wer wer ist oder sind oder wer wen verraten, belogen oder ermordet hat oder halt eben auch nicht. Einfach hier hereinspazieren und nur palavern, über irgendwelche Morde, die irgendwer begangen haben soll und ‚Buhuuu, ich sag es aber nur, wenn ich vorher erzählen kann, wiiie wiiir Mörder wurden‘. Wiiir … Ist … Sind! Einzahl, Mehrzahl … Niemand interessiert das, also Schluss damit! Keine Leiche, kein Mord, kein Verhör, kein Wir und … keine Spielchen mehr! Hören Sie? Hörst duuu?“

Sie sprach so aufgebracht, dass ich damit rechnete, sie würde sofort aufspringen, hinausstürmen und viel zu laut die Tür hinter sich zuschmeißen. Aber sie blieb seltsam ruhig auf ihrem Stuhl sitzen, viel zu ruhig. Doch in ihren Augen sah ich noch immer wild die ungebrochene Erwartungshaltung flackern, ihre Gier nach Antworten. Ihre unerschütterliche und noch immer unerfüllte Hoffnung nach ‚der einen‘ Antwort stürmte in ihr und zerstörte jede Rationalität. Ihr wacher Geist war längst davongetragen worden. Nur diese eine Frage waberte im Raum und so überwand sie sich, viel zu schnell sie erneut zu stellen: „Okay … Wie wurden wir zu Mördern?“

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„Wir wurden zu Mördern wegen dem Leben oder dem, was von ihm übrig war. Wir wurden zu Mördern, weil Liebe kam, weil Liebe ging und wiederkam und sich Fenster in unseren Herzen öffneten. Wir wollten gerne durchschauen, aber wir wollten den Wind nicht, der durch sie blies. Denn wo Wind weht, ziehen Stürme auf und wo Stürme unkontrolliert herrschen, bleibt nichts als Zerstörung zurück.

Wir wurden zu Mördern, weil wir so dachten und weil wir recht behalten mussten. Wir begannen, jeden Anschein davon im Keim zu ersticken. Wir rissen Schmetterlingen die Flügel aus oder zerquetschten ihre Kokons mit bloßen Händen. Wir stutzten den Vögeln die Flügel, den Fischen die Flossen und später hackten wir uns die eigenen Beine ab. Wir wurden zu Mördern, weil wir uns vom Schmerz befreien wollten, noch bevor er entstand. Doch wir vergaßen unsere Arme und Hände, die sich nie losließen. Wir sträubten uns dagegen, dass das Leben sinnlos wurde, als es plötzlich einen Sinn ergab.

Wir wurden zu Mördern, wegen der Schulden, die wir anhäuften und dem Limit, das wir ständig überzogen. Wir wurden zu Mördern, weil das Zerstören weniger verwerflich war, als zu lieben. Wir wurden zu Mördern unserer Selbstbestimmung, weil nach all den vielen, viel zu vielen Nadtoden irgendeiner sterben musste.“

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Ich bin mir nicht sicher, ob sie noch hörte, dass ich ihr diese Worte ins Ohr flüsterte. Eigentlich bin ich mir noch nicht einmal sicher, ob ich es wirklich tat. Alles ging so schnell, viel zu schnell. Die Vorstellung, wie sie uns finden würden, fand ich absurd, aber es zauberte mir ein vermutlich letztes Lächeln ins Gesicht. Ich: erschlagen mit einem High Heels-Absatz. Sie: erstochen mit einem billigen Kugelschreiber. Schläfe und Halsschlagader. Chapeau! Wir wussten, wie wir es tun.

Auch wenn wir nicht wussten, was wir tun. Und nicht, was wir tun müssten, um es nicht mehr zu tun. Sie hatte gesagt, ich spiele mit ihren Gefühlen. Das hatte sie oft gesagt, viel zu oft. Es stimmte nicht, aber sie hatte einfach zu viele davon. Also tat ich es. Damit sie recht behielt. Ein Missverständnis.

Ich hörte sie gurgeln, sah sie an, ins Auge eines Orkans. Ich war erleichtert, dass sie offensichtlich nicht mehr sprechen konnte. Keine Fragen mehr. Ein feines Rinnsal Blut floss aus ihrem Mundwinkel, als sie ebenfalls lächelte. Ich hatte recht behalten: Es gefiel ihr, wie wir Mörder wurden.


 

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