GehZeiten

TaubStumpf

Wir warteten seit Tagen. Vielleicht auch seit Wochen oder Jahren. Für jeden von uns fühlte sich das Warten anders an. Mit einer solch eklatanten Verspätung hatte jedoch niemand gerechnet.

Sie wollte sich einfach nicht öffnen. Wie eine trotzige Auster blieb sie verschlossen. Unzugänglich. Wir redeten auf sie ein:
„Wenn du hungrig bist: Iss! Wenn du durstig bist: Trink! Wenn du was zu sagen hast: Sprich!“
Keine Reaktion, vielleicht ein höhnisches Grinsen. Ansatzweise.

Wir streichelten sie. Wir schlugen sie. Wir schubsten sie sogar eine Treppe hinunter und lachten dabei absichtlich laut, obwohl uns so gar nicht danach war. Nichts. Sie schien völlig schmerzbefreit. Und so desinteressiert. Wir lasen ihr aus Büchern vor und spielten Musik, von der wir dachten, dieser Groove müsste sie doch zu einer Regung veranlassen. Doch sie blieb bewegungslos und stumm wie ein Stein. Wir hätten sie so gerne gehört.

Wir gaben auf. Gewartet hatten wir nun wirklich lange genug. Auf eine Regung, auf ein Wort, auf einen Beweis, dass sie lebte. Unsere Geduld war aufgebraucht, unser Verständnis abgestorben. Wir verließen sie. Ratlos und enttäuscht.

Doch einer von uns war unschlüssig, blieb immer wieder stehen und schaute zweifelnd zurück. Wir waren schon ein ganzes Stück entfernt und doch hörten wir ihre plötzlichen Laute recht gut. Die ersten, die sie jemals von sich gab. Sie gähnte! Wir erstarrten. Der eine von uns lief sofort los. Zurück zu ihr! Wir anderen zögerten kurz, rannten aber dann sogleich hinterher.

Ihr Gähnen dröhnte uns laut in den Ohren. Ihre Augen waren dabei zu Schlitzen verengt und Speichel lief wie ein gelangweiltes Rinnsal aus ihrem Mundwinkel.

Wir schauten uns allwissend an, nickten und räusperten uns, bevor unsere Stimmen sich zu einem Chor verbanden und wir sie anflehten: „Wenn du müde bist: Schlaf keinesfalls ein! Rede mit uns!“

Sie gähnte. Sie seufzte. Sie starb. Von einer Sekunde auf die nächste war sie tot.
  
Später am Abend stellte einer von uns beim Leichenschmaus die Frage, die bis dahin keiner laut zu stellen gewagt hatte:
„Wer ist sie eigentlich gewesen? Hat sie irgendjemand nach ihrem Namen gefragt?“

Die sofort eintretende Stille schien ewig anzuhalten, bis sich endlich ein anderer von uns erbarmte und leise, fast flüsternd aussprach, was wir nie über die Lippen bekommen hätten, selbst wenn wir es gewollt hätten:
„Auch wenn wir es nicht zugeben wollen, wir haben sie alle gehört. Sie nannte sich ‚Liebe‘.“
Er kicherte deplatziert amüsiert.
„Keine Ahnung, wie sie auf diese Schnapsidee gekommen ist!“

Unser Lachen dauerte die ganze Nacht. Anders wussten wir das Schreien unserer Dummheit und das laute Brechen unserer Herzen nicht zu verbergen.


 

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2 Kommentare zu “TaubStumpf

    • Okay. Alternative wäre ’schmerzlos‘? Für mich drückt ’schmerzbefreit‘ aus, dass es keine Erkenntnisse, keine Wahrnehmung über empfundenen oder ausgelösten Schmerz gibt. Ein bisschen autistisch angehaucht quasi. Weshalb ich dieses Wort wählte, da es für mich subjektiv eine Steigerung zu ’schmerzlos‘ dargestellt (schmerzlos = Schmerz wahrnehmend, aber ignorierend, im Gegensatz zu schmerzbefreit = Schmerz nicht erkennend), weiterhin weil ich gerne Wörter benutze, die nicht jeder wählen würde. Weil sie stutzig machen.

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