MediumRare

SinnLos

Vergehe, mein Liebling, vergehe. Vom Halbdunkel ins Morgengrauen. Wenn deine Gedanken wandern, weil nichts anderes zu tun ist, wenn sie wandern, so wie sie es immer tun, dann, mein Liebling, ist es Nacht. Du begreifst das Existieren nicht und wünschst dir nur, es geht vorbei. Umwege gekonnt umgangen, schreitest du in das ungeschriebene Buch hinein, das ich dir hinterlistig reiche. Du huldigst mir, denn ich bin dein heiliger Erlöser, so stelle ich mich vor. Und weil ich sage, was du siehst, muss es doch die Wahrheit sein. Meine Gestalt verkennend, versündigst du dich an mir und dir zugleich. Nur dieses eine Werk im Sinn, entreißt du es mir, kaum dass du es erblickst. Ebendortselbst spielst du nun auf, schlägst eine Seite nach der anderen um, die du mit ausuferndem Nichts beschreibst. Inbrünstig spielst du die Rolle der Gezeichneten, als ob es um dein Leben ginge, das indessen haltlos nur verstreicht. Du schüttelst äußerlich die Kälte ab und versäumst, dass deine Seele mit abgelegter Weisheit nicht vom alten Eis befreit wird. Wenn alle Blicke auf dir richten, gibst du vor sie nicht zu sehen, unterdessen innerlich dein Lebens-Ja krepiert. Wenn du nicht hörst, was sie dir sagen, spürst du allein ihre Gedanken, die selbst nichts wagen und unverhohlen alles von dir abverlangen. Sei unbesorgt, ich bin ganz nah bei dir, ich war es immer, und schlage schon bald deine letzte Seite auf. Tragikomisch lass ich dich zu Ende gehen. Der Epilog wird alles ordnen, glaube mir. Wenn der Tag anbricht und du dich still in liebgewonnener Sicherheit suhlst, verrate ich dich und dir, dass sie dich trügt und schon allzeit deinen Geist belog. Ich gestehe dir, dass ich, in bitterer Leidenschaft watend, dein inneres Auge vernichtet habe. Es spielt keine Rolle mehr in deinem Leben, solange es tot ist. Offenbaren werde ich mich dir und hämisch beichten, dass ich es war, dein Dogma mit Lust und Liebe schändend. Nun lausche auf das trunkene Grölen in der Ferne und sei gewiss, längst haben sie Witterung aufgenommen und pirschen sich heran. Aus deinen dunklen Tiefen kommen sie heraufgekrochen und zeigen sich dir in all ihrer Pracht. Schau hin und weg: Die schönen Dämonen, sie fordern dich zum Tanzen auf! Und wie sie funkeln in deinem trüben Blick, so zauberhaft. Geduldig verweilen sie an deiner Kredenz, harren sabbernd aus, um zu sehen, was von Wert du ihnen freiwillig zu geben gedenkst. Sie geben sich bescheiden, sie werden dir ohnehin alles nehmen. Und nichts dafür zurückerwarten. Gräme dich nicht, wenn einer der Schönen dir gierig deinen kläglichen Atem raubt. Die letzte Liebkosung ist heiß und deftig und wird für dich frisch zubereitet sein. Trauere nicht um deine Zukunft. Sie verendet kalt und süß in einem Sarg aus Ebenholz. Das hättest du doch kommen sehen müssen. Also weine nicht. Oh, bitte tu das nicht. Es lag in deiner Macht, doch dessen ungeachtet, hast du die Befehlsgewalt so sinn- und zwecklos degradiert. Nun klage nicht. Du hast sie selbst zu deiner graviden Hure gemacht. Dein Flennen ändert auf der letzten Seite deines Lebens nichts. Tote Herzen wandeln stets auf Avenuen mit toten Enden, also vergeude deine späten Tränen nicht. Wenn die Plagen dich von deiner Seele trennen, wirst du sie brauchen, um das letzte Feuer auszulöschen. Nun stirb, mein Liebling, stirb. Sag kein Wort mehr und schließe deine wunderschönen Augen. Wir werden uns wiedersehen, vertraue mir und reiche mir dein fahles Licht. Ich wasche meine Hände in der falschen Unschuld deines Blutes, indes du in der Dämmerung vergehst und endlich meinen wahren Namen rufst. In der Hölle wirst du rein sein und mich ewig lieben.


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