Bisschen|Dystopisch

ÜberLeben

Der Winter war lang und erbarmungslos, der unfruchtbar gewordene Boden wehrte sich gegen jeden Eindringling. Die gefrorenen Schollen weigerten sich, das Erdreich als letzte Ruhestätte der Toten freizugeben. Aus dem Gottesacker, der uns einst großzügig nährte, war unser Feind geworden. Er ließ sich keine Erde entreißen und er schenkte uns nichts. Unsere Seelen waren zu Abbildern der Landschaft geworden. Karg und öde. Unsere Herzen gefroren zu dem gleichen Eis, auf dem wir suchend umherwanderten. Alle Bäume waren längst geschlagen, das wenig verbliebene Totholz taugte nicht als Scheiterhaufen. Wir stapelten unsere Toten zu Mauern und legten einen Irrgarten an. Wer sich darin verirrte, legte sich zu oberst auf die Leichenwand und wartete auf den Tod. Es war Krieg. Die Lebenden kämpften gegen das Leben, der Lebenswille gegen die Natur. Es war still, so unerträglich still geworden. Wir vermissten das Zwitschern der Vögel. Sie waren unser Halt gewesen, solange sie noch den Himmel bereicherten. Später wurden sie zur Nahrung, als sie tot von selbigem fielen. Doch da waren sie ohnehin schon so dürr und ausgemergelt wie wir selbst und gaben kaum noch etwas her. Aus ihrem Gefieder nähten wir uns Winterkleider, doch waren wir längst von innen heraus erfroren. Mit ihren Schnäbeln kratzen wir halbherzig in der Eisschicht herum, um die Zeit totzuschlagen und das Knurren unserer Mägen zu übertönen. Wir warteten auf den Knochenmann, dass er auch uns erlösen würde, zugleich fürchteten wir ihn.
Wir wussten nicht, ob wir gewonnen oder verloren hatten, als der Irrgarten zur Speisekammer wurde. Fast ohnmächtig vor Hunger füllten wir unsere Bäuche mit dem Tod. Wir aßen erst unser Gewissen, dann unseren Verstand.

Der Winter war so lang wie ein Leben. Als die eisigen Klauen des Frost müde wurden, durchflutete eine Sinnflut aus Hoffnung unseren Geist. Es währte nicht lange. Es taute, doch nicht nur das Eis. Nun war die Sonne unser Feind, die toten Körper erwärmten sich, blähten sich auf, setzten Gase frei, die uns den Atem raubten. Das Fleisch der Verewigten gärrte in uns, unser Gekröse verfaulte wie die Totenwände, deren Leichensaft versickernd seine Heimat im Erdreich fand und es vergiftete. Doch neues Leben entstand. Larven, Maden, Würmer wurden geboren. Gierig labten sie sich an unserem Verenden.

Wenn diese Zeilen jemals gelesen werden, haben wir es irgendwie geschafft. Dann haben wir überlebt. Wie viele Winter werden vergangen sein? Werden wir gewonnen oder verloren haben?
Wie wird das Leben sein?

#Zukunft #Gesellschaft

#Erneuerung #Dystopie

#GoodBye2020 #Hello2021


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